Home
http://www.faz.net/-gsd-zhmf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Besuch bei Brian Eno Wir sind doch mehr als Gehirne

23.06.2011 ·  Er ist mittlerweile dreiundsechzig Jahre alt, und vierzig davon war er seiner Zeit voraus: Ein Nachmittag mit dem Musiker, Produzenten und Gedankenkünstler Brian Eno in seinem Atelier in Notting Hill.

Von Tobias Rüther
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Als unser Gespräch vorbei ist und wir vor die Tür des Ateliers gehen, sie hatte die ganze Zeit schon offen gestanden, draußen ist London nach stundenlangen Schauern endlich getrocknet, ein windiger Sommertag liegt über Notting Hill, als wir da also draußen stehen und uns voneinander verabschieden, in dieser kleinen, dörflichen Straße, die abzweigt von einer etwas größeren, die Pembridge Villas heißt und genauso aussieht, da will ich Brian Eno eigentlich noch fragen, wie das ist, Brian Eno zu sein.

Wie sich das von innen anfühlt, erst in einer der wichtigsten englischen Rockbands aller Zeiten gespielt zu haben, Roxy Music, und dann, nach dem Ausstieg aus dieser Band 1973 als Solist und Produzent und Vielseitigkeitsweltmeister zum Orakel fast aller zeitgenössischen Kunstformen zu werden: Musik also, aber auch Performance, Video, Installationen und Thinktanks.

Aber man muss gar nicht fragen, man kann ganz gut sehen, wie das ist. Man muss nur mit ihm da stehen, auf dem Kopfsteinpflaster, in dieser stillen Straße, ein Dorf mitten im großartigsten London, vor der Tür seines Ateliers. Jeder würde hier leben wollen. Und man muss eigentlich auch nur in dieses Atelier spazieren, um es zu sehen. Hell ist es und licht und offen, und vollgestellt mit halb fertigen und fertigen Bildern und Regalen voller Bücher und Platten und so vielen Computern, dass Eno nicht sofort einfällt, in welchem seiner Apple er das, was er gerade sucht, abgespeichert hat.

Brian Eno ist Brian Eno

Auf dem Tisch, an dem wir reden, liegen zwei graue MacBooks übereinander, als sei das irgendwie besser so. In den Regalen steht das neueste Buch des Internet-Topcheckers Evgeny Morozov genauso wie ein Buch über die „Philosophy of Polar Explorers“ und zwei Bände des „Oxford Dictionary of Food“. Platten, unter anderem: eine Anthologie vom „Chairman of the Board“, Frank Sinatra also, und „Frankonia“ von Outkast. Wahnsinnig laut läuft irgendein elektronischer Track, als ich durch die offene Tür ins Atelier gehe.

Brian Eno ist der Mann, der sein Geld damit verdient, über die Philosophie von Polarforschern nachzudenken und das mit Geisterhand in Einklang zu bringen mit Essen und dem Internet. Das Format ist da erst mal egal, es könnte Musik sein, es könnte so etwas werden wie seine neue Platte, die „Drums Between the Bells“ heißt, oder eine Installation, ein Video, ein Spiel, ein Vortrag.

Es gibt keine Berufsbezeichnung für das, was Brian Eno ist. Brian Eno ist Brian Eno. Vielleicht hat David Bowie, sein alter Partner, ihn auf den gemeinsamen Platten, die sie Mitte der siebziger Jahre in Berlin gemacht haben, deshalb auch nur Eno genannt, ohne Vornamen. Eher so, als sei das eine Marke, oder eine Abkürzung: wie COB für Chairman of the Board.

Wasserkochen nach Eno-Methode

Brian Eno ist jetzt 63 Jahre alt, und 40 davon war er seiner Zeit voraus. Er hat keine Lust, über das zu reden, was hinter ihm liegt, über seine Federboas und die Schminke bei Roxy Music, wo er den Synthesizer so malträtierte, dass er von der Zukunft zu singen begann; über Bowie in Berlin; über die Talking Heads und U2, Bands, die ohne ihn als Produzenten nie zu dem geworden wären, was sie sind.

Und weil sein Management Journalisten einschärft, nicht nach der Vergangenheit zu fragen, sind die wenigen Interviews, die es mit Brian Eno gibt, komische intellektuelle Verrenkungen, Stepptanz um die naheliegendsten Fragen herum. Als müsste man ihn schon nach der Stringtheorie und dem Klimawandel fragen, wenn es nicht um Roxy Music und U2 gehen darf, kleiner geht's nicht. Aber weil das schon beim Lesen anstrengend ist, die pure Prätention, ein geschauspielertes Gespräch mit präpariert supercleveren Fragen, schalte ich das Gerät an und frage als Erstes einfach nur: Wie geht es Ihnen?

Ah, antwortet Brian Eno, seine Augen hinter der randlosen Brille leuchten auf, „ah, sehr gut geht es mir! Ich schwimme auf einer neuen Welle des Optimismus. Ich glaube, dass die Zukunft wirklich gut wird, zum ersten Mal seit 30 Jahren.“

Er sitzt da in einem knallblauen Hemd, ein schmaler, fitter, kleinerer Mann. Er trinkt Roibuschtee, vorher hat er Martina, der Pressefrau seiner Plattenfirma, noch kurz erklärt, wie sie Wasser kochen soll (offenbar gibt es da eine Eno-Methode). Aufmerksam ist er, sehr bei der Sache, er lacht, sogar oft.

Von vier zu 48 Spuren

Auch diese neue Platte, die ungefähr vierzigste seiner Karriere, hat gute Laune: „Drums Between the Bells“ sind vertonte Texte des englischen Dichters Rick Holland, eingesprochen von Eno und Holland selbst und von Zufallsbekanntschaften - wie einer Frau von seinem Fitnessstudio, einer Südafrikanerin, die Eno auf der Straße traf, oder seiner polnischen Buchhalterin. Die Musik ist mal nah am Jazz und dann noch näher am körperlosen elektronischen Sound, den Eno Mitte der siebziger Jahre erfand und Ambient nannte: eher Räume als Melodien. Lebensumgebungsgeräusche. Was Ambient ist, das fasst ein Gedicht von Rick Holland ziemlich gut in Worte, „Dreambirds“, gesprochen auf der Platte von Caroline Wildi: Vögel als Farben, die fliegen können. Im Dazwischen dieser Idee, da, wo sich die Aggregatzustände gewissermaßen auflösen, liegt der Schwebezustand, den Brian Eno wie kaum ein anderer am Synthesizer erzeugen kann. Ambient sollte Musik sein, die man nicht hört.

Das klingt so nach Gehirn. Es war auch immer Musik aus Gehirn. Eno hat als Nichtmusiker oft Musik geschrieben, indem er Regeln aufstellte, an die er sich dann hielt oder nicht. Er hat den Fortschritt in der Technik - von vier zu 48 Spuren, von analog zu digital - intensiv mitgemacht, vorausgedacht. Aber jetzt, umgeben von so vielen Computern, dass er sie also stapeln muss auf seinem Tisch, sagt er: „Problematisch an all der neuen, computerbasierten Technologie ist, dass sie über einen zentralen Aspekt beim Musikmachen hinweggeht: den Körper. Das Gehirn ist nur ein Ort, an dem Musik gemacht wird. Eigentlich ist es bei allen Musikern so, dass auch in ihren Muskeln eine Intelligenz sitzt, die sie für das brauchen, was sie tun.“

Diese dämliche Maus

Eno hat vor einiger Zeit den amerikanischen Neurowissenschaftler David Eagleman dazu angestiftet, das Gehirn von Schlagzeugern zu untersuchen, unter anderem, weil einmal, im Studio mit U2, deren Drummer Larry Mullen Jr. mit der computergenerierten Rhythmusspur nicht zurechtkam, an der er sich orientieren sollte, etwas stimme da nicht - und er hatte recht, sie lag sechs Millisekunden daneben. „Wenn aus der Schnittstelle zwischen uns und dem Computer die Maus wird, ist das Gehirn das einzig relevante Körperteil. Und das ist zum Heulen. Wir sind doch mehr als nur Gehirne.“

Das soll aber nicht heißen, dass die Computer böse zu den guten Menschenkörpern sind. Eher, dass die Computer noch nicht gut genug sind, damit die Körper damit spielen können. So wie der junge Eno, der kein Instrument beherrschte, an den damals brandneuen Synthesizern herumspielte, für die es noch keine Regeln gab. Eno drehte an Knöpfen und freute sich darüber, was passierte. Und so etwas müsste es jetzt geben, um die digitalen Wahnsinnsprozesse eines Computers zu steuern. Die Firma Korg, erzählt Eno, habe Touchpads entwickelt, auf die man drücken könne, um solche Prozesse auszulösen, er selbst benutze auch Mainstage, ein Programm, das Knöpfe und Schalter simuliere, um die Maus zu umgehen. Diese dämliche Maus, sagte Eno. „Die Computer werden immer klüger, wir sind klug, nur das Ding zwischen uns und dem Computer ist doof.“

Nutzloses, akademisches Vokabular

Spätestens hier war dann klar, dass ein Interview mit Brian Eno nur schwer von Nebensachen handeln kann. Seine Hyperaufmerksamkeit verhindert das, die ungeheuchelte Neugier, das Blatt Papier, auf dem er Diagramme zeichnet. Als wir über die Gedichte von Rick Holland reden, darüber, wie sich ihr Klang vom Inhalt trennt, so dass man eine Zeile wie „drop needles like pines into clear pools“ selbst als Engländer wie eine Fremdsprache empfinden könnte, sagt Eno: „Es ist schwer, solche Texte zu schreiben. Texte, die einen anregen, ohne gleich alle Antworten mitzuliefern, die einen Raum von Bedeutung lassen, in dem man sich bewegen kann - ich bin sicher, dass es ein gutes deutsches Wort für meaning space gibt, ein einziges Wort, was wäre das?“

Das geht alles sehr schnell, ich schlage also aus dem Stand „Bedeutungshorizont“ vor, und Eno jubelt: „Oooooh, sehen Sie? Was für ein fabelhaftes Wort! Ich muss mir das merken, Sie sagten Be-“, und dann schreibt er mit, am Ende steht „Bedeutungshorizon“ da, halb deutsch, halb englisch, und „Gadamer“, weil er sich den Philosophen dazu auch gleich merken wollte. „Ich spreche ein bisschen Deutsch“, sagt Eno, „aber nur Worte wie dieses. Ich könnte keine Tasse Tee bestellen, aber ich weiß, was ,Farbenverzeichnis' heißt oder ,Zwangsführung', eines meiner Lieblingsworte.“ (Andere müssen so was googeln, es geht offenbar um E-Technik, was sonst.) „Mein ganzes Deutsch“, sagt Eno, „besteht aus komplett nutzlosem, akademischem Vokabular.“

An einem leisen Ort in einer großen Stadt

Über Polarphilosophie haben wir dann leider nicht mehr gesprochen. Dafür aber über Essen. Weil die Arbeit mit Musikprogrammen, die digitale Zahlenketten manipulieren, ungefähr so sei, als würde man mit einem Rezept kochen, das besagt: Man nehme 48 Millionen Sauerstoffatome, 24 Millionen Kohlenstoffatome und 3000 Selenatome. „Viele diese Programme sind von Leuten entworfen worden, die offenbar keine Ahnung haben, was andere dann damit anstellen werden“, sagt Eno. „Als hätte man ein Werkzeug für eine Arbeit gebaut, die es noch gar nicht gibt.“

Eine schöne Vorstellung. Sie hält einen wach irgendwie. Und darauf, sagt Brian Eno, komme es an. Wach zu bleiben. Aufzupassen. Aufmerksam zu sein. Wenn man auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Haus von Brian Eno steht, an einem leisen Ort in einer großen Stadt, könnte man sagen: Glück zu haben heißt, so zu leben wie hier. Glück zu haben, sagt Brian Eno, ist, vorbereitet zu sein.

„Drums Between the Bells“ von Brian Eno (mit Gedichten von Rick Holland) erscheint am 1. Juli bei Warp / Rough Trade.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 31