Home
http://www.faz.net/-gsd-qamp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Echo“-Verleihung Lichtgestalten

04.04.2005 ·  Am Samstag wurde in Berlin zum 14. Mal der deutsche Musikpreis „Echo“ vergeben. Westernhagen und Maffay glänzten durch Sprachpoesie, und Andrea Berg durfte vorzählen, wie viele platin- und goldveredelte Platten sie schon bekommen hatte.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Als der Tod des Papstes in die „Echo“- Übertragung hereinbrach, hatte Schnappi, das kleine Krokodil, gerade die Bühne betreten, in Begleitung des kleinen Mädchens Joy, das ihm zum Hitsingen seine Stimme leiht und das nach einer schlecht vom Teleprompter abgestammelten Nachricht aus Rom wieder zu Wort kam, um die Siegerin in der Kategorie „Schlager“ zu verlesen, welche Andrea Berg hieß, dem Krokodil die Hand schüttelte, sich zum Mikrofon wendete und vorzählte, wie viele Menschen in ihre Konzerte gekommen seien, wie viele platin- und goldveredelte Platten sie eingeheimst habe, und sich dann bei ihrem Produzenten bedankte, dessen Instrument die Seele selbst sei.

Joy tauchte später noch mal auf, ihre Tante im Gefolge, der sie ihre Medienkarriere zu verdanken hat. Joy nahm auch einen Preis entgegen und bedankte sich bei ihren Fans, „daß ihr mich im Internet so runtergeladen habt“.

Neue preiswürdige Kategorien

Xavier Naidoo blieb mit den „Söhnen Mannheims“ beim Runtergeladenwerden zwar hinter Schnappi und Joy zurück, stach dafür aber in der Kategorie „Beste Gruppe Rock Pop National“ „Silbermond“ und die „Böhsen Onkelz“ aus. Die weiteren Höhepunkte des Schlagerpreisabends jagten einander zu schnell, gar zu oft ploppten im Hirn des Betrachters neue preiswürdige Kategorien auf wie „Schwachbrüstigste Sängerin National“, in der Nena einen Weg wies, dem die Damen von „Wir sind Helden“ und „Juli“ folgten, den jene von „Silbermond“ jedoch am weitesten ging, deren künstlerisches Credo lautet: „Man braucht Produzenten, die echt witzig sind.“

Enge Konkurrenzen waren die Regel: Im Bereich „Preisansage stümperhaft/peinlich/unwitzig“ ließen Barbara Schöneberger, Ben („Hier sind die zehn Bestseller, beziehungsweise fünf.“) oder Wowi Wowereit eine gewisse Talentlosigkeit erkennen, blieben jedoch chancenlos gegen die pointenbefreiten Vorträge der Herrenkomiker Pocher und Mittermeier.

Auszeichnung für Michael Kunze

In der Disziplin „Superstars, die man in Deutschland als solche verkaufen kann“ hüpfte Mariah Carey herum, blieb jedoch hinter Peter Maffay und Marius Müller-Westernhagen zurück, die einander im Bereich der Sprachpoesie durchaus das schale Bier reichen: „Wenn du mich berührst, berühr ich den Horizont“, fluchtphantasiert Maffay, derweil Westernhagen sich „am Strand vermehren“ will, da irgendwann „auch wir ein Sandkorn“ seien.

Yvonne Catterfeld als Moderatorin fanden wir nicht so schlecht, nur sollte sie aufhören zu singen, vor allem gegen Windmaschinen an. Wer uns gefiel, war Udo Jürgens. Er konnte am Ende einen Guten für sein Lebenswerk auszeichnen: den Texter und Musicalmann Michael Kunze, vor dem wir uns schon verneigen würden, wenn er nur „Griechischer Wein“ oder nur das „Ehrenwerte Haus“ oder nur das unentrinnbar anrührende „Ich war noch niemals in New York“ angezettelt hätte, welche alle drei aus seiner Feder flossen.

Bessere Schülerband

Einen Moment menschlicher Schwäche lang waren wir versöhnt mit dem „Echo“, so versöhnt, daß wir „Juli“ in Schutz zu nehmen bereit waren, die ihr Lied von der „Geilen Zeit“ vortrugen und sich als immer noch bessere Schülerband im Vergleich zu „Silbermond“ erwiesen und auf merkwürdigen weißen Podesten standen, jeder Musiker für sich, Podesten wie große weiße Pilze, wie sie über Nacht aus modrigen Böden schießen - ans Licht.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 41
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr