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Dylan singt Sinatra : Einmal Seniorenteller, bitte

Neuerdings im Club der Swinger, hoffentlich nur vorübergehend: Bob Dylan, ungewohnt breitbeinig. Bild: David Gahr

Was hat er sich dabei gedacht? Bob Dylan veröffentlicht eine Platte mit frühen Sinatra-Liedern und swingt und schwoft mit seiner Altherrenband einfach so vor sich hin. Das Ergebnis animiert allenfalls zum Wegschlummern.

          Bob Dylan hat in seinem Leben – einem Leben, bei dem man inzwischen ja selbst schon das Gefühl hat, mit ihm alt geworden zu sein, wenn auch zum Glück noch nicht so alt wie er; unleugbar hat die längst in Plattenregalmetern messbare „Beziehung“ zu ihm etwas vom alten Ehepaar, wobei man als Ehefrau, auf dem Boden unverbrüchlicher Treue, schwankt zwischen Achselzucken („so isser halt“), Anerkennung („nicht schlecht für sein Alter“) und unverhoffter Begeisterung (wie beim letzten Mal, bei „Tempest“) – Bob Dylan also hat in seinem Leben schon allerhand ausprobiert.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Diesmal aber hat man als Ehefrau, die auch vor nächtlichem Schnarchen nicht Reißaus nimmt – denn so hört sich sein Gesang inzwischen ja an –, das Gefühl, dass er den Bogen überspannt hat. Wie konnte das passieren? Über den ersten Schock helfen dem ganz normalen Rock-Hörer vielleicht Erinnerungen an seine anderen eheähnlichen Verhältnisse hinweg: Rod Stewart, der als junger Kerl übrigens ein großartiger Dylan-Interpret war, aber irgendwann meinte, sich auch noch das Great American Songbook greifen zu müssen – sagen wir: ein Seitensprung, der nicht öfter als zweimal vorkommen sollte; oder Neil Young, Bobs vorlauter und erheblich unberechenbarerer kleiner Bruder, der mal eine Art Swing-Platte versucht hat, die ein Rezensent mit der Frage konterte: „Was kommt als Nächstes – Nelson Riddle?“ Nelson Riddle war einer von Frank Sinatras Arrangeuren – womit wir wieder bei Dylan wären.

          Stay With Me (Pseudo Video) von Bob Dylan auf tape.tv.

          Die Nachricht vom vergangenen Herbst, Dylan sei im Begriff, eine Platte mit Sinatra-Musik herauszubringen, musste einen also stutzig machen: Kann er das denn? Und hat die letzte reguläre Platte etwa schon wieder ausgedient? Man muss doch nicht immer Musik machen. Dylan muss. Und so heißt es denn für eine treusorgende Ehefrau, ein halbes Stündchen lang die Trockenhaube abzusetzen, die Lockenwickler herauszunehmen – was tut man nicht alles, um sich für den alten Miesepeter in Schuss zu halten – und die Gehörgänge mit der Haarnadel freizuschaufeln.

          Dylan nuschelt und krächzt

          „Shadows In The Night“: Wenn man sich dumm stellen wollte, könnte man als Erstes fragen, ob es nicht „Strangers“ heißen müsste. Und Schatten? Mitten in der Nacht? Ach so, der Herr ist mal wieder als nighthawk unterwegs und sieht vor der Laterne vor dem großen Tor oder wohl doch eher am Times Square dann eben seinen Schatten. Das Rückcover zeigt ihn, ungekämmt wie eh und je, mit einer vollbusigen, deutlich jüngeren Frau, die eine Zorromaske aufhat. Was geht da vor? Nichts Verbotenes; gemeinsam schaut man sich nur eine Single aus dem Hause Sun Records an. Rock me, baby?

          Leider nicht; die Ankündigung mit Sinatra war ja so weit richtig. Dylan ist in dieser Hinsicht gewissermaßen vorbestraft, denn zum Achtzigsten des Swingers 1995 gab er „Restless Farewell“ zum Besten, und Sinatra, der mit einer seiner vielen Frauen ganz vorne an seinem Geburtstagstisch saß, soll vor Rührung regelrecht benommen gewesen sein, ihm sei, wie jemand aus nächster Nähe beobachtet haben will, die Kinnlade heruntergefallen („his jaw actually dropped“).

          Hier ist es nun der Sinatra der Capitol-Jahre, der Frühzeit also, den Dylan – „zum Klingen bringt“, wäre zu viel gesagt; „zum Leben erweckt“, auch. Dylan benuschelt und bekrächzt ihn vielmehr wie die eine Krähe, die der anderen eben doch manchmal ein Auge aushackt. Denkmalsturz dürfte dabei kaum seine Absicht gewesen sein. Vorab hatte er betont, es handele sich bei den Liedern, die Sinatra selbst in den vierziger und fünfziger Jahren eingesungen hat, um keine Cover-Versionen; die gebe es ja schon mehr als genug. Was er hier mache, sei etwas ganz anderes. Nur was?

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