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Donald Fagen im Interview : Keine Frau schaut mir noch hinterher

  • Aktualisiert am

Donald Fagen, im vergangenen Jahr bei einem Konzert in Las Vegas Bild: David Becker/WireImage

Er hat eine neue Platte, er flucht auf Technologie, er schreibt Leserbriefe an die „New York Times“ und denkt gern in d-Moll: Donald Fagen ordnet seine Welt.

          Das Hotel „Wales“ in Manhattans Upper East Side: In einem engen Zimmer sitzt Donald Fagen, um Fragen zu seinem neuen Album „Sunken Condos“ zu beantworten. Seit er vor vierzig Jahren mit seiner Band Steely Dan begann, Welterfolge zu feiern, ist Fagen bekannt für seinen Griesgram. Auch an diesem Morgen schaut er von der Couch rüber, als sei gerade sein Haus abgebrannt. Neben Fagen sitzt ein Mann, der etwa dreißig Jahre jünger wirkt und sich als Produzent Michael Leonhart vorstellt. Er sei hier, weil sich manche Journalisten nach den „musikproduktionstechnischen Aspekten“ von Fagens neuen Liedern erkundigen. Uns interessieren natürlich ganz andere Dinge.

          Auf dem Cover Ihres neuen Albums sieht man ein Gebäude, das aussieht wie ein typisches New Yorker Luxusapartmenthaus - auf dem Meeresgrund und bevölkert von Fischen. Haben Sie etwas gegen Reiche? Warnen Sie vor der Erderwärmung?

          Jeder kann das Bild deuten, wie er will.

          Sie sind ein Mann der hellseherischen Konzeptalben. Auf „Kamakiriad“ zum Beispiel sahen Sie schon 1993 das Hybridauto voraus. Was prophezeien Sie mit „Sunken Condos“?

          Das Album hat kein durchgehendes Thema. Es handelt von einigen autobiographischen Angelegenheiten, die mich in den letzten Jahren beschäftigten. Aber am Ende ist es natürlich so, dass die Songs alle erzählen, wie es einem Mann wie mir geht, 64, New Yorker, eine Menge erlebt. Die Frauen gucken dir nicht mehr hinterher wie früher, die meisten Dinge, die du beobachtest, widern dich an.

          Jazzrock ist einfach nicht totzukriegen: Richtig oder falsch?

          Ich glaube, es hat noch niemand versucht, ihn totzukriegen. Wir machen weiter: Michael McDonald, Walter Becker, Royce Jones. Wir verkaufen nicht mehr so viele Platten wie früher, aber wer tut das schon? Wenn wir auf Tour gehen, füllen wir große Hallen.

          Seit 41 Jahren arbeiten Sie im Business. Wie gefällt Ihnen das Zeitalter von Peer-to-peer-sharing und iTunes?

          Das Zeitalter von was? Ich habe seit 25 Jahren mit niemandem in der Plattenfirma gesprochen. Das wäre zu deprimierend. Ich habe einen Manager. Ein tapferer Mann, der für mich verhandelt. Ich kenne niemanden in der Musikbranche.

          Weil Sie früh eine Antipathie für die Industrie entwickelt haben?

          Nachdem ich sah, wie die operieren, wie die Leute in den Plattenfirmen über Musik reden und mit Musikern umgehen, entschied ich mich, damit nichts zu tun haben zu wollen. Ich unterschrieb vor Jahrzehnten einen Vertrag mit Warner Music, der seitdem läuft. Keine Verhandlungen, keine Diskussionen. Dies ist das letzte Album, das ich unter diesem Vertrag produziere. Mal sehen, was kommt.

          Mit Walter Becker, Ihrem Partner bei Steely Dan, sind Sie seit Ihrer Pubertät befreundet.

          Wir trafen uns im College. Ich sprach ihn an, als er auf dem Flur seine Gitarre stimmte. Er klang wie ein alter Rhythm-’n’-Blues-Haudegen. Wir stellten fest, dass wir dieselben Bands liebten, wir hatten schon als Zehnjährige Jazzalben gehört - was damals noch ungewöhnlicher war für zwei weiße Jungs als heute.

          Nach zehn Jahren Welterfolg und dreißig Millionen verkaufter Platten schien Ihre Freundschaft 1981 bei der Arbeit an der Platte „Gaucho“ zerbrochen zu sein.

          Wir hatten private Probleme.

          Drogen oder Frauen?

          Naja, was man damals halt so machte. Wir waren auch unterschiedlicher Meinung über unsere Arbeit: Wir hatten es mit dem Perfektionismus bei „Gaucho“ übertrieben.

          Sie hatten 46 Gitarristen ausprobiert.

          Uns waren die Ideen ausgegangen. Also trennten wir uns, verfolgten ein paar Jahre lang eigene Projekte. Aber Anfang der Neunziger kamen wir wieder zusammen. Wir streiten uns so gut wie nie, denn wir gehen gerne jedem Streit aus dem Weg. Macht das Leben angenehmer, wenn du die Probleme einfach ignorierst.

          Sieht Ihre Frau das auch so?

          Nein.

          Sie schreiben gerne Leserbriefe an die „New York Times“.

          In den Achtzigern litt ich unter Komponierblockade und begann, Filmkritiken zu schreiben. Ich kannte die Chefredakteurin des „Premiere Magazine“, sie verschaffte mir Aufträge. Ich schrieb meist über Filmmusik, traf Henry Mancini und Ennio Morricone. Große Momente. Seitdem habe ich auch ein wenig Mitgefühl mit Journalisten. Egal, ob ich Morricone nach einem Regisseur oder nach einem Komponisten oder nach sonst was fragte, er antwortete nur ein Wort: „Bellissimo“. Ein Reporter hat es nicht leicht. Ich lernte trotzdem etwas von ihm: Wenn du in d-Moll beginnst, musst du auch in d-Moll enden.

          Ist das eine Metapher?

          Glaube nicht.

          Noch einmal zurück zu den Leserbriefen: Einmal beschwerten Sie sich, dass ein Artikel die zweifelhafte Rolle der Zeitung vor dem Irakkrieg beschönigte.

          So was bringt mich in Rage. In meinem Alter siehst du die Welt nicht mehr rosarot. Vieles hat sich verändert in der Zeit, die ich auf diesem Planeten verbracht habe, aber ich kann nicht viele Dinge entdecken, die sich zum Guten verändert haben.

          Der Kaffee in Amerika schmeckt doch beispielsweise besser als vor Jahrzehnten.

          Hören Sie auf, ich trinke keinen Kaffee.

          Ein Schwarzer ist Präsident.

          Naja, immerhin.

          Man kann mit seinem Computer zu Hause Musik herstellen, die klingt, als hätte sie ein Orchester eingespielt.

          Meinen Sie das ernst? Ich habe in meinem Leben noch nie einen Computer benutzt, um Musik zu machen. Ich hasse Technologie, sie ist das größte Übel der Menschheit.

          Das größte Übel?

          Sie hat unsere Kultur zerstört.

          Die ganze schöne Kultur?

          Ich fühle mich total entfremdet von der Umwelt, ich finde keinen Zugang zu dem, was um mich herum passiert. Ich besitze kein iPhone und bin wahrscheinlich der Einzige in New York, der nicht den ganzen Tag schweigend in die eigene Hand glotzt, um dort irgendwelche Nachrichten vom Bildschirm abzulesen.

          Aber Sie schreiben für die Kulturwebsite „Slate“.

          Das ist ein Ersatz für die Papierzeitung, die es ja leider bald nicht mehr geben wird.

          Benutzen Sie denn keine Technologie im Studio?

          Doch. Ich arbeite mit jungen Leuten zusammen, die sich auskennen. In den Achtzigern wusste ich alles über Sequenzprogramme und Synthesizer. Irgendwann merkte ich, dass die Technologie mir zu viel abnimmt. So, wie ich es gewohnt bin zu komponieren, am Klavier oder mit anderen Instrumenten, Stift und Notenblatt, hilft der Computer nicht. Er nervt.

          Und im Alltag? Benutzen Sie einen Palm Pilot?

          Inzwischen hat das Fernsehen so viele Generationen von Kindern erzogen, dass deren Gehirne gelitten haben. Die Menschen sind anders als vor der Zeit des Fernsehens. In gewisser Weise sind die Leute entmenschlicht durch ihre Abhängigkeit von der Technologie. Ich fühle mich isoliert.

          Halten Sie das iPad für Teufelswerk?

          Man sollte diese Dinger verbrennen. Früher haben dich die Leute begrüßt, wenn du einen Raum betreten hast. Heute heben sie nicht mal ihre Köpfe, weil sie pausenlos wahnsinnig wichtige Texte bearbeiten müssen. Auf mich wirkt das bizarr.

          Besteht noch Hoffnung für die Menschheit?

          Ich hatte niemals einen besonders optimistischen Blick auf die Zukunft, und meistens sind meine schlimmsten Ahnungen übertroffen worden. Die Zerstörung der Natur, die Erderwärmung, Amerikas Kriege. Und so weiter. Meine Antwort ist Musik. Sie erfrischt mich, wirkt wohltuend auf Geist und Körper. Es ist ein Glück, dass ich die Musik habe, denn sie hilft mir, das alles auszuhalten.

          Gibt es Musik von heute, die Ihnen gefällt?

          Da fällt mir nichts ein.

          Schon mal einen Hip-Hop-Song gehört, den Sie nicht furchtbar fanden?

          Nein.

          Was ist mit elektronischer Musik?

          Das sind alles clevere Leute. Die Rapper gehen sehr smart mit Texten um. Aber ihre Musik interessiert mich nicht, sie klingt nicht neu, ist nicht frisch. Da höre ich nicht hin.

          Ihre Lieder wurden dutzend-, vielleicht sogar hundertfach gesampelt für Hip-Hop-Songs.

          Das kann ich nicht verhindern.

          Es muss doch ein Stück geben, das aus unserer Zeit stammt und Sie nicht total anwidert.

          Neulich habe ich auf Youtube Randy Newman gesehen: „I’m Dreaming of a White President“. Sehr lustig.

          Sie haben ein Video auf Youtube geschaut?

          Ja, Youtube ist in Ordnung.

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