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DJ Westbam : Musik kannst du wegschmeißen, wenn sie gelaufen ist

Westbam in Aktion beim Summer Rave in Tempelhof Bild: Davids

Was war noch mal Techno? In „Die Macht der Nacht“ erzählt Westbam aus seinem Leben am Plattenspieler. Er ist kein Analytiker, er ist gut mit Worten, und lustig ist er auch.

          Was war noch mal Techno? „Umts, pats, umts, pats, umts, pats“, antwortet Westbam darauf, der DJ, der diese Tanzmusik in den neunziger Jahren berühmt und den sie zum Star gemacht hat. Umts, pats, umts, pats, umts, pats - das klingt erst mal schöner und richtiger als alle Formeln, die man sich ausdenken könnte, um zu beschreiben, was Musik zum Tanzen ist, was sie auslöst, wie sie sich zur Welt verhält, in der sie gemacht, gehört, gefeiert wird. Westbam, der am vergangenen Mittwoch fünfzig geworden ist, hat jetzt ein Buch über sich selbst geschrieben, das zuallererst aber von diesem Weltverhältnis der Musik handelt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

           „Die Macht der Nacht“ eine Autobiographie zu nennen, trifft es deswegen eigentlich nicht. Obwohl Westbam chronologisch aus seinem Leben erzählt. Nur ergeben diese Normaldaten - Kindheit in Münster, Jugend schon mit einem Bein in West-Berlin, Erwachsenwerden, Älterwerden, Business, Familie - eben nicht die Lebenserzählung: Sie entsteht vielmehr aus dem Sound von „umts, pats, umts, pats“, Songtiteln wie „Your Love“ oder „Video Crash“, Partys und Feieraugenblicken und Drogen, die Westbam über dreihundert Seiten hinweg mischt. Man hört dieses Buch genauso sehr, wie man es liest. Auch, weil man ständig Tracks im Netz nachprüfen will, mit denen Westbam seinen Weg von Disco zu Disco verlegt: eigene Hits wie „Sonic Empire“ oder „Celebration Generation“, aber eben auch mittlere Erdbeben wie „Alles naar de Klote“ von Euromasters.

          Westbam wird jetzt, wo die ersten Kritiken seines Buchs erscheinen, oft Intellektueller und Philosoph genannt. Meinetwegen, wobei das Buch kaum Ideen anbietet, eher permanent und mit wachsender Geschwindigkeit Action zeigt. Es gibt zwar Fußnoten in „Die Macht der Nacht“, aber Westbam zählt darin Songs auf, um die immer neu entstehenden Subgenres der Nachtmusik anhand von Beispielen zu erläutern.

          Er ist ein Praktiker, kein Theoretiker, er ist ein Geschichtenerzähler, kein Analytiker, er ist gut mit Worten und lustig ist er auch: Aber wenn er etwas wie einen großen Entwurf oder eine Formel zu seinem Beruf anbietet, dann klingt sie so, Spätsommer 2001 in Tokio: „Kurz vor Krachende riss ich die nächste Platte raus, und sie passte perfekt. Alles war live, und nichts war geplant. Auf diesem DJ-Lebenshöhepunkt gab es kein Publikum, keinen DJ und keine Musik mehr. Musik war unwichtig geworden. Das klingt vielleicht komisch, aber Musik ist für mich wie ein unperfektes Werkzeug. Wenn du oben angekommen bist, kannst du es wegschmeißen. Der Moment war perfekt.“ Das, was Westbam als DJ sucht, ist weniger ein Sound, sondern ein Zustand. Oben ankommen, oben sein.

          Alles ausgeleuchtet: Westbam

          Auf den ersten hundertfünfzig Seiten des Buchs hat man ohnehin nicht das Gefühl, es mit dem Intellektuellen unter den DJs zu tun zu haben: eher mit dem Harry Graf Kessler der ravenden Gesellschaft. Ständig trifft Westbam Leute, die schon was sind (Blixa Bargeld) oder was werden (Marusha, Moby), er überredet Bargeld - da ist Westbam sechzehn -, beim legendären West-Berliner Festival der „Genialen Dilettanten“ 1981 mit seiner Punkband aufzutreten, die aber dafür erst noch gegründet werden muss: Sie nennen sich Kriegsschauplatz Tempodrom.

           Kaum eine Epoche wird im Augenblick so intensiv ausgeleuchtet wie das West-Berlin der siebziger und achtziger Jahre. Westbams Beitrag zu dieser Geschichtsschreibung ist sicher der mit der besten Laune: weil er zwar keinen Zweifel daran lässt, dass immer dort oben ist, wo er gerade ist (“Wer in den Achtzigern etwas auf sich hielt, ging nur unter der Woche aus.

          Das Wochenende war den Geächteten vorbehalten“), er aber mit insektenforscherischer Leidenschaft und übergroßer Liebe all die herrlichen, seltsamen Läden der halben Stadt (“Cri du Chat“, „Risiko“, „Metropol“, „Linientreu“, der „Dschungel“ natürlich) katalogisiert, die nicht nur für die Geächteten seit langem schon verschlossen sind.

          Irgendwann aber schlägt der Ton leider um in Richtung Businessreport, eben war Westbams Großspurigkeit noch jungenhaft, jetzt wird sie dominant: Wer macht die größeren Partys? An welchem Wagen der ersten Loveparade wird am meisten getanzt? (Natürlich an dem von Westbams Label Low Spirit.) Wo wird der wahre Techno gespielt, in Frankfurt oder in Berlin? Wobei sich auch die Berliner offenbar nicht einig waren, wer dort überhaupt den wahren Techno spielt.

          Und dann sind die Neunziger vorbei, und die beste Zeit der Loveparade ist auch over, die Fortschrittseuphorie des Techno verraucht mit den einstürzenden Twin Towers: „Die Leute wollten jetzt keine großen Ansagen mehr“, schreibt Westbam, „sie wollten niemanden auf der Welt mehr bekehren oder beglücken mit der westlichen Lebensart. Stattdessen wollten sie jetzt unter sich bleiben.“ Der Frankfurter Club seines Konkurrenten Sven Väth habe den passenden Namen für diese neue Zeit bekommen: „Cocoon“.

          Er selbst hat die fettesten Partys zwar auch immer in geschlossenen Räumen gefeiert (wie die „Mayday“ in der Dortmunder Westfalenhalle), aber trotzdem, davon handelt dieses zum Schluss sich selbst seltsam elliptisch auflösende Buch: Musik ist für Westbam etwas, das raus will, aus den Boxen, unter die Leute, ins Freie. Etwas, das Freundschaften schließt, manchmal nur für Sekunden. Eine Art Bindemittel. Es wirkt, als würde er gar nicht so sehr die Musik lieben, sondern das, was sie aus den Menschen macht.  

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