03.08.2005 · Er hat im Whitney Museum ausgestellt und - als DJ Spooky - mit Yoko Ono und „Metallica“ zusammengearbeitet. Der Konzeptkünstler, Schriftsteller und Musiker Paul D. Miller über die Inspiration des Blues und die Gedankenkontrolle von MTV.
Paul D. Miller ist ein afroamerikanischer Konzeptkünstler, Schriftsteller und Musiker, dessen Arbeiten unter anderem im New Yorker Whitney Museum gezeigt wurden. Unter dem Namen "DJ Spooky That Subliminal Kid" verarbeitet er eine große Bandbreite digital erzeugter Musik zu postmodernen Skulpturen und hat dabei schon mit Iannis Xenakis, Yoko Ono oder "Metallica" zusammengearbeitet. In seinem neuen Buch "Rhythm Science" stellt er seine Faszination durch die Hip-Hop-Kultur des Samplings in einen kulturgeschichtlichen Kontext, in dem der DJ als "Mediator zwischen dem Selbst und den Fiktionen einer äußeren Welt" fungiert.
Am Samstag hat DJ Spooky ein Gipfeltreffen des subversiven Lärms im New Yorker Central Park kuratiert: Dabei teilte sich der DJ die Bühne mit zwei Bands, die seine musikalische Haltung wesentlich geprägt haben: dem Sun Ra Arkestra und "MC5". Während das Ensemble des verstorbenen Jazz-Sonnenkönigs Sun Ra die afrikanischen Roots ins Weltall katapultiert, Science-fiction als Ausweg aus dem irdischen Gefängnis zelebriert, gehen die Punkveteranen "MC5" mit dem Kopf durch die Wand: Ihr Spätsechziger-Amalgam aus wildem Rock und Politik ist plötzlich wieder interessant.
Sie haben Philosophie und französische Literatur studiert, Ihren Magister über Ludwig Feuerbach und Richard Wagner geschrieben und beziehen sich auf Vorbilder wie John Cage und Sun Ra. Fühlen Sie sich trotzdem als Teil der Hip-Hop-Szene?
Einerseits ja. Andererseits geht mir die Fixierung auf Wut, um die es dort geht, auf die Nerven. Das hat oft nichts mehr mit Produktivität zu tun, sondern läßt die Menschen sich im Kreis denken. Bisher war man vom amerikanischen Traum ausgeschlossen, jetzt muß man überkompensieren: Seht mal, ich zeige euch mein Geld, meine tollen Autos, mein großes Haus. Rapper als Hyper-Konsumenten - wie langweilig!
Sie hatten das nie nötig?
Ich bin privilegiert und komme aus einem akademischen, relativ wohlhabenden Elternhaus. Mein Vater war Dekan an der Howard University, in den sechziger Jahren arbeitete er als Rechtsanwalt für die Black Panther Party. Auch meine Großmutter, eine weiße militante Lesbierin, und meine um die Welt reisende und Kunsthandwerk sammelnde Mutter haben mich geprägt - was nicht heißt, daß ich Hip-Hop anders höre als andere. Schließlich hat er eine globale Sprache entwickelt, einen mentalen Virus, der das Geheimnis seines weltweiten Erfolgs ist.
Im Hip-Hop wird die Abbildung vermeintlicher Straßen-Wirklichkeit gern mit der Floskel "keepin' it real" verbrämt. Ihre Musik scheint davon Lichtjahre entfernt.
Diese Idee von "keepin' it real" hängt mit der Vermutung zusammen, daß nur real sein kann, was man selbst kennt. Jede darüber hinausgehende Information erzeugt Abwehrreflexe. Die meisten Amerikaner reisen nicht viel, nur zwei Prozent der Bevölkerung besitzen überhaupt einen Reisepaß. So bestimmen Wut, politische Entmündigung und ökonomischer Mangel ihr Denken. Es mutet ein bißchen an wie diese alten Landkarten, an deren unerforschten Rändern die Ungeheuer lauerten. Das Internet ist genau das Gegenteil davon: Du findest dort eine Überfülle an Raum. Ich navigiere zwischen diesen beiden Polen: einer lokal verorteten Hip-Hop-Tradition und der globalen Dynamik des Informationszeitalters. Jeder Sound kann eins mit dir werden.
Stoßen Sie mit Ihren intellektuellen Genre-Überschreitungen auf Widerstand?
Natürlich. Die meisten Amerikaner hassen es nachzudenken. Sie sind über den Verhältnissen abgestumpft und fürchten sich, zu erkennen, wie tief sie und das Land in der Tinte sitzen. Sie haben die Zensur schon verinnerlicht. Viele Menschen, die ich gerne mit meinem experimentellen Hip-Hop erreichen möchte, interessieren sich nicht für Jazz, Kunst, Literatur; sie glauben, ihr Leben hätte nichts damit zu tun.
Der englische Soziologe Paul Gilroy glaubt, daß Hip-Hop seinen gesellschaftlichen Anspruch zugunsten eines immer persönlicher und enger gefaßten Machtbegriffs aufgegeben hat.
Natürlich sind all diese Autos und Reichtümer in den Videos ärmliche Ersatzdemonstrationen von Macht. Andererseits sehe ich, daß einige der populärsten Hip-Hopper gerade ihr soziales Gewissen entdecken.
In "Rhythm Science" sagen Sie: Gebt mir zwei Plattenspieler, und ich erschaffe euch ein Universum.
Hip-Hop könnte eine Quelle der Inspiration sein, gerade zu einem Zeitpunkt, wo Amerika so provinziell und in sich verschlossen wirkt wie nie zuvor in seiner Geschichte. Rhythmen können die Wahrnehmung der Menschen für sich und ihre Umwelt verändern. Der Beat allein erzählt bereits eine Geschichte. Ich denke da an eine primäre Sprache, die durch das Gewebe der Rationalität schlüpft und unsere Psyche auf einer tieferen Ebene infiziert.
Was darf man denn von "Drum Of Death", ihrem neuen Album mit "Public Enemy" und "Slayer", erwarten?
Chuck D von "Public Enemy" wird im Stil alter Schule rappen, "Slayer" werden auf ihre Gitarren prügeln und ich als Heavy- Metal-Kid hinter den Reglern tanzen. Ich liebe es, mich in verschiedenen Kontexten als Person neu zu erfinden. Wenn ich abends auf mein Hotelzimmer gehe, schicke ich Soundfiles rund um die Welt, höre, was andere mir geschickt haben, und füge die Fragmente zusammen. Ich bin ein Sound-Nomade. Meine Geschichte liegt im Mix. Früher haben die Bluesmusiker ihre Inspiration an den mythischen Crossroads gesucht, ich finde meine Straßenkreuzung im Internet.
Halten Sie den Remix für die einzige angemessene Kunstform unseres Zeitalters?
Im Mix absorbiere ich alles Greifbare und selbst das Ungreifbare, die Emotion und Katharsis. Meiner Meinung nach hat die DJ-Kultur das Erbe dessen angetreten, was W.E.B. Dubois einst als doppeltes Bewußtsein afroamerikanischer Identität beschrieb. Nur, daß es noch um mehrere Lagen komplexer geworden ist.
Wo das Internet nicht zum Standard gehört, bestimmen immer noch wenige Medienkonzerne, welche Kultur wohin exportiert wird.
In Südafrika habe ich gesehen, wie die Menschen dort den 1996 in Las Vegas erschossenen Rapper Tupac beinahe als Gott verehren. Natürlich kennen sie nur die hochkommerzielle Ware, die der heimische MTV-Ableger sendet. Andererseits vergessen wir oft, daß die Hälfte der Menschheit noch nie ein Telefongespräch geführt hat. Das macht den Austausch für mich um so dringender, auch wenn es über Bootleg-Kassetten, schwarzgebrannte CDs und raubkopierte Videos läuft.
In "Rhythm Science" plädieren Sie für Freiheit durch Sampling.
Ich halte unsere Gesellschaft so, wie sie gerade ist, für neo-mittelalterlich. Wir sind totalitaristischer, als es die Sowjets jemals sein konnten, weil wir viel effektivere Medien haben. Niemand glaubte der Prawda. Aber jeder glaubt an MTV und Fox. Wir kaufen uns unsere Uniformen freiwillig. Sampling ist in dieser Hinsicht subversiv. Es unterläuft das Copyright der Mächtigen, schmuggelt seine Inhalte an der Erinnerungskontrolle vorbei. Schon meine Mutter hat mich immer gewarnt: Wer spricht da eigentlich durch dich? Sind deine Gedanken auch deine eigenen? Wir leben in einer Erfahrungs-Ökonomie, wo man sich in bestimmte Identitäten und Erfahrungen einkaufen kann. Jeder hört den- selben Soundtrack zu seinem Leben, liegt denselben Konsum-Gottheiten zu Füßen. Sampling schneidet da radikale Splitter heraus, bringt die Utopie zurück ins Spiel. Mit meiner Kunst möchte ich nichts abbilden, sondern zeigen: Eine andere Welt ist möglich.