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Dieter Bohlen zum Sechzigsten : Seine Partituren sind wie die von Mozart

Funken schlagen, das kann er: Dieter Bohlen im November bei der RTL-Show „Das Supertalent“ Bild: picture alliance / dpa

Der unterschätzte Musiker, Produzent und Fernseh-Rüpel weiß wenigstens, wie man einen Nummer-eins-Hit fabriziert: Dieter Bohlen zum Sechzigsten.

          Man hat sich geirrt; es gibt außer Kakerlaken und Keith Richards noch ein weiteres Lebewesen, das einen Atomkrieg überleben würde: Dieter Bohlen. Wie eine in ihrer Bösartigkeit doch recht berechenbare Echse mit extrem widerstandsfähiger, schmutzabweisender Haut sitzt er seit Jahren in der Fernseh-Superstar-Jury herum und kujoniert die Leute für etwas, was er selbst auch nie konnte: singen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Er ist aber ja nicht in die bundesrepublikanische Unterhaltungsgeschichte eingegangen wegen der lächerlichen Blue-System-Platten, die er, nachdem er Thomas Anders vergrault und es mit Modern Talking ein (erstes) Ende hatte, mit seiner quälend nöligen Stimme irgendwie dann doch besungen hat. Wenn er trotzdem zu den Giganten gezählt werden muss, dann aber tatsächlich wegen der Musik, die er in Gestalt von Modern Talking ganz allein komponiert, arrangiert, eingespielt und produziert hat - Thomas Anders gab dazu fehlerfrei den singenden Schönling, der, was Bohlen sich bei den Auftritten an Ungelenkem zuschulden kommen ließ, auf seine weiblich-softe Art ausbügelte.

          Große Ausdauer, unerschütterlicher Glauben

          Die Zeit wird vermutlich noch kommen, wo man, ähnlich wie bei Abba, bei denen das lange auch niemand zugegeben hätte, sagen wird, dass das zumindest unter dem Aspekt der Eingängigkeit doch große Kunst ist und damit das Hauptkriterium von Popmusik schon erfüllt. Bohlen selbst wusste das von Anfang an. Unvergesslich seine in vertrauter Stinkstiefel-Manier absolvierten Talkshow-Auftritte, bei denen er ganz richtig zu bedenken gab, die Kunst bestehe darin, allgemeinverständliche Musik zu machen; Musik, die keiner verstehe, könne doch jeder. Wenn man zum Beispiel auf dem Klavier eine Prince-Partitur nachspiele, dann klinge das nach nichts; wenn man das aber bei „Brother Louie“ mache, dann klinge das wie Mozart.

          Dieter Bohlen, im Landkreis Wesermarsch geboren, in Ostfriesland aufgewachsen, zeitweise Kommunist, sah keinen Grund, warum er die Betriebswirtschaft, die er in Göttingen studiert hat, nicht auch in der Unterhaltungsbranche zur Anwendung bringen sollte, und verfolgte immer nur das, was sich auch rechnete. Bei ihm war das ziemlich viel. Wer seine in Teilen durchaus lesenswerte und sogar lehrreiche erste Autobiographie „Nichts als die Wahrheit“ gelesen hat, bekommt einen Eindruck davon, wie viel Zeit und Kraft ihn die Klinkenputzerei gekostet haben muss, die er in den frühen achtziger Jahren in Hamburg mit großer Ausdauer und im unerschütterlichen Glauben an sein Talent und daran, dass seine Stunde schon noch kommen werde, absolviert hat.

          Im Strukturwandel geschickt positioniert

          Man kann sich über den Ton, den er als Talentscharfrichter im Fernsehen anschlägt, streiten; aber im Lichte seiner eigenen Lehrjahre, in denen er durchaus Nehmerqualitäten zeigte, wird er meistens schon wissen, was alles dazugehört, wenn junge Leute in der Musik etwas werden wollen. Allein mit seinen Unverschämtheiten und den Liebschaften, mit denen er regelmäßig die Boulevardpresse versorgte, hätte er jedenfalls diesen Bekanntheitsgrad, der eigentlich nur noch mit dem Franz Beckenbauers, Boris Beckers und Thomas Gottschalks zu vergleichen ist, kaum erreicht. Geschickt nutzte er das von Ideologien unbelastete Unterhaltungsterrain, das sich ihm nach 1980 auftat, legte sich auf keinen bestimmten Stil fest und wuchs, mit einem Bein noch im deutschen Schlager, vor dessen Größen er immer Respekt hatte, mit dem anderen die Neue Deutsche Welle als ein für ihn zu kurzfristiges Phänomen instinktiv überspringend, in eine Position hinein, die durchaus etwas Macher- und Mogulhaftes hatte.

          Es fällt dabei auf, dass jüngere, unerfahrene Musiker sich jemandem wie ihm, der sich oft so ruppig gibt, nach wie vor anvertrauen; Stefan Raab ist ein vergleichbarer Fall. Endlos ist inzwischen die Liste von Schlager- und (Billig-)Popinterpreten, die er produziert hat, darunter auch echte Veteranen und, in Gestalt Al Martinos, ein richtiger Hochkaräter des internationalen Showgeschäfts. Dieter Bohlen war kommerziell dermaßen erfolgreich, seine Musik konnte mit ihren falschen, aber effektsicher transportieren Gefühlen wenigstens eine Zeitlang fast universelle Geltung (bis in die Sowjetunion hinein) beanspruchen, so dass er es gar nicht nötig hatte, sich den Kopf über künstlerische Kriterien zu zerbrechen. So wichtig konnte er in der Öffentlichkeit allerdings nur genommen werden, weil er sich einst in einer bestimmten Epoche des Strukturwandels geschickt zu positionieren wusste: Die klassischen Schallplattenkarrieren gab es nicht mehr, die CD und dann die tonträgerlose Musik kamen mit Macht, dazu und vor allem das Privatfernsehen, das für jemanden wie ihn Verwendung hatte.

          Dass er diese Hassfigur geworden ist, gegen die man reflexhaft zu Felde zieht und die in dieser Hinsicht geradezu etwas Sprichwörtliches angenommen hat, macht ihm offenbar wenig aus und scheint er eher noch zu genießen. Erklären lässt es sich wohl nicht allein mit seinem Umgangston, der doch gewissermaßen auch nur eine Rollenprosa in einer ohnehin auf Krawall gebürsteten Sendung ist. Ist auch egal; ganz erklären lässt sich so eine Karriere am Ende sowieso nicht. An diesem Freitag wird Dieter Bohlen sechzig.

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