28.04.2010 · Es ist die Renaissance der Popmusik: Kristof Schreuf gibt in seinem neuen Album „Bourgeois with Guitar“ den Mythen unserer Jugend die verlorene Aura zurück. Was sonst Fetenhits waren, sind nun neu aufgelegte Träume.
Von Richard KämmerlingsEs ist von hoher Symbolkraft. Am Ende des großen Zeitalters der Popmusik, nach der Auflösung der Einheit des Albums, des Songs, nach der Selbsterniedrigung der einst so stolzen und mächtigen Plattenindustrie zum Content-Zulieferer für den globalen 99-Cent-Store von i-Tunes, da taucht ausgerechnet der unbekannteste und verschollenste unter den einflussreichen deutschen Popkünstlern aus der Versenkung auf - mit einem Coveralbum voller Songklassiker. Und er rettet damit, pars pro toto, die Musik vor dem Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit.
Kristof Schreuf, so heißt der Mann, ist heute nur noch Kennern ein Begriff. Aber was für einer: Ende der achtziger Jahre hatte der 1963 Geborene mit seiner Band Kolossale Jugend die Hamburger Schule mitbegründet, die dann bald Gruppen wie Blumfeld oder Tocotronic höchst erfolgreich absolvierten. Dazu hatte Schreuf nur zwei mittlerweile legendäre Alben gebraucht: „Heile Heile Boches“ und „Leopard 2“. Mitte der Neunziger kehrte Schreuf mit einer neuen Band zurück, die noch kurzlebiger war: Brüllen hieß sie, das Album „Schatzitude“ ging damals unter, erscheint aber im Rückblick als eine der besten deutschsprachigen Platten jener Jahre. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik“, schrie Schreuf damals und verstummte.
Wiederkehr der Untoten
Jetzt, nach dreizehn Jahren Pop-Pause, ist Schreuf zurück und spielt Songs, die man vielleicht heute noch bei unverbesserlichen Fetenhit-Bands in der Provinz erwartet, die zum Bikertreffen im Bierzelt aufspielen: „Highway to Hell“ von AC/DC, „Breaking the Law“ von Judas Priest, „Search and Destroy“ von Iggy Pop and the Stooges. Allzeitfavoriten, auf Schülerfeten der Achtziger und im Lkw-Radio weichgeklopft, tausendfach schlecht nachgespielt und von Headbangern mit wehenden Mähnen totgepeitscht. Schreufs Comeback ist zugleich die Wiederkehr der Untoten einer an vor der Zeit Abgetretenen nicht armen Rockgeschichte.
Doch was Schreuf daraus macht, ist das Unwahrscheinlichste, das vollkommen Überraschende. Er macht daraus großartige Popmusik - nach dem Ende all ihrer Versprechen, dem Verblassen ihrer Aura in der Digitalisierung, nach der Reduktion und Degradierung des Songs zu einer MP3-Datei zwischen fünf und neun Megabyte. Wer bei i-Tunes einen bekannten Songtitel eingibt, findet vor lauter Coverversionen oft das Original nicht mehr heraus. „Bourgeois With Guitar“ ist ein Album, das wie ein Best-of der Rockgeschichte daherkommt, auf dem man aber kaum ein Stück auf Anhieb erkennt und sich in manchen Titeln gleich drei oder vier Songs zugleich verbergen und Auferstehung feiern. Melodien für Millionen verwandelt Schreuf in ein Medley der Mythen, das gerade in der radikal subjektiven Anverwandlung den Songs ihre längst verscherbelte Aura zurückerstattet.
Tempo, Potenz und Pferdestärken
Das Werk beginnt mit einem A-cappella-Stück, in dem Schreuf „My Generation“ von The Who auf die Melodie des Traditionals „Scarborough Fair“ singt, das Simon and Garfunkel unsterblich machten. Solcherart sind die Ideen Schreufs, deren ganz selbstverständliches Gelingen man kaum glauben, sondern nur selbst hören kann. Die Generation, der hier ein Denkmal gesetzt wird, ist jene große Alterskohorte, die mit dem Versprechen der Popmusik aufwuchs, über die Befreiung der Seele und des Körpers die ganze Gesellschaft umzukrempeln.
So macht sich Schreuf zum Medium der alten Dämonen, auf dem „Highway to Hell“ ist auch für Mietwagen die Bahn immer frei: „No stop signs, speed limit, nobody's gonna slow me down.“ So emphatisch und vollkommen bar jeder billigen Ironie kann man das heute nur noch singen, wenn man wie der im Jahr 2003 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt aufgekreuzte Schreuf die längst entsemantisierten Texte wieder beim Wort nimmt: „Let There Be Rock“. Auch diese Schöpfungsgeschichte der Gattung wird noch einmal erzählt wie frisch offenbart. Keine Schranken, keine Grenzen, keine Traditionen oder Moralvorschriften - die Rockmusik zu ihrer größten Zeit in den Siebzigern war das schnelle, intensive Leben, war Easy Rider, war Tempo, Potenz und Pferdestärken. Ihre größte Evidenz erreichte sie stets als Untermalung der rasenden Fortbewegung. Richard Gere, der in „American Gigolo“ zu Blondies „Call Me“ im Mercedes-Cabrio über den Highway One nach Malibu rast. Get your motor running.
Das einzig Richtige im falschen Ganzen
Denn Rock war die technische und kulturelle Hegemonie des Westens, war Vietnam und Woodstock, Apollo und Hollywood, Kritik und Konsum. Auch diese Dominanz ist an ein Ende gekommen. „Look out honey, cause I'm using technology, / Ain't got time to make no apology.“ Schreuf singt Iggy Pops zynische Napalm-Krieg-Sex-Hymne „Search and Destroy“ als zerbrechliche Elegie, in der zugleich wie in einer Albtraum-Assoziation „The End“ von den Doors anklingt, mit dem Francis Ford Coppola den Abspann von „Apocalypse Now“ unterlegte.
Dabei treibt Schreuf gerade keine Elektrospielchen mit seinem Material, sondern lässt die Gitarren sprechen - nachdem er ihnen freilich zuvor alles weggenommen hat: Verzerrung, Tempo, Tonart. Das Gesetz brechen, alle Regeln missachten, wild und gefährlich leben und gerade damit das einzig Richtige im falschen Ganzen tun: Das war vom Rock 'n' Roll über Punk und Grunge bis zum Gangsta-Rap die paradoxe Logik der popmusikalischen Revolte, weswegen die Kritik sogar den perversesten und politisch inkorrektesten Vertretern, faschistoid waberndem Dark Wave oder dem Totenkult diverser Heavy-Metal-Spielarten, applaudierte. Aus lautem Widerstand werden auf „Bourgeois With Guitar“ entschleunigte „Protestsongs von Geisterhand“, wie sie Blumfeld einmal heraufbeschwor.
Weder Hommage noch Dekonstruktion
Vorangegangen auf diesem Weg zurück in die ferne Zukunft ist Schreuf dabei höchstens eine Musikerin wie Cat Power mit „The Covers Record“, die zur Jahrhundertwende den Schrei nach „Satisfaction“ in Zeitlupe erneuerte und mit Refrain und Riff ausgerechnet die entscheidende Befriedigung verweigerte. Ebenso geht Schreuf zurück hinter alle späten Ausdifferenzierungen, an die noch unschuldigen Wurzeln einer inzwischen ergrauten und zur Grabpflege gewordenen Jugend- und Gegenkultur. Im Grunde besteht sein Material nur aus „Traditionals“. Schreuf unterzieht Lieblingslieder, ins kollektive Popunterbewusste eingesunkene Archetypen wie Neil Youngs „Keep on Rocking in the Free World“ einer Analyse, die weder reine Hommage noch Dekonstruktion ist: Es ist, als hörte man diese Songs zum ersten Mal. Als wäre man noch einmal an der Startlinie und kennte den Verlauf der Popgeschichte, den Ausverkauf der Kunst an MTV und Klingeltonbeutelschneiderei noch nicht.
Das ist gerade deswegen überzeugend, weil Schreuf keine Scheu vor vermeintlichen Ausrutschern ins Kommerzielle hat. „I Feel Love“ von Donna Summer kombiniert er mit „Ride Like the Wind“ des Softrockers Christopher Cross. Was als großer Song und was als Kitsch gilt, sind willkürliche Zuschreibungen. „A Walk in the Park“ fällt plötzlich in die Melodie von Simon and Garfunkels „Cecilia“; am irrwitzigsten ist die Kernfusion des Stones-Klassikers „Miss You“ mit dem Punkrocker „Blank Generation“ und „Don't let Me Be Misunderstood“ unter der Dachzeile „Last Night a DJ Saved My Life“.
Musik versprach einst Erlösung. Kristof Schreuf dreht es um: Er rettet die Songs, deren angebliche Unsterblichkeit immer nur eine Promotion-Phrase war, vor dem Vergehen. „And in the end the love you take is equal to the love you make.“ Er gibt der Musik zurück, was sie ihm, was sie uns allen einmal gegeben hat.