04.07.2010 · M.I.A. hat eine großartige neue Platte gemacht. Mit ihren politischen Äußerungen sorgt sie weiter für Kontroversen und bietet sich als Gegenmodell zu Lady Gaga an. Welches künstlerische Kalkül steckt hinter ihrer vermeintlichen politischen Naivität?
Von Cord RiechelmannIhre Feindin ist die Schwerkraft. Und das Land, von dem man ihr erzählte, dass es frei sei, kommt ihr wie eine Hühnerfabrik vor. M.I.A. ist mit ihrer dritten Platte „Maya“ bei sich selbst und in den Vereinigten Staaten angekommen. Zumindest dem Namen nach. M.I.A. wurde am 18. Juli 1975 in London als Mathangi „Maya“ Arulpragasam geboren. Ihr erstes Album „Arular“ hat sie 2005 nach ihrem Vater benannt, ihr zweites, „Kala“, zwei Jahre später nach ihrer Mutter.
Vater-Mutter-Tochter könnte jetzt die schöne Reihe lauten, wenn Maya nicht schon selbst Mutter wäre und wenn sie das nicht jedem mitgeteilt hätte, der es wissen wollte. 2009, bei der Grammy-Verleihung, trat sie hochschwanger mit den Meisterrappern Jay-Z und Kanye West auf. Drei Tage später wurde ihr Sohn Ikhyd Edgar Arular Bronfman geboren. Der Vater von I-Kid, wie der Kleine angesprochen wird, ist der Sohn eines der Chefs des Musikkonzerns Warner.
Das alles ist nur ein sehr kleiner Teil der Rollenkonfigurationen, die M.I.A. auf „Maya“ kurz anschlägt, um sie im nächsten Moment wieder zu verlassen. „Maya“ ist kein Album für Leute, die Musik einfach nur mal gut finden und das auch so sagen wollen. Dazu sind die Stücke zu disparat. Man wird es nicht einmal schaffen, dem klaren Riff im Stück „Meds and Feds“, das M.I.A. von den Clash entlehnt hat, erinnerungsselig im Luftgitarrenschlag vor sich hin zu tanzen. Immer kommt irgendwas dazwischen: Ein verendender Autoscootermotor, eine deklamatorische Kampfstimme oder der Ton eines Fernsehers, dem in einem Vorort von Kinshasa gerade der Wind den Empfang ruiniert hat.
Kontrapunkt Sri Lanka
„Maya“ ist in jedem Stück die Unterbrechung von Dancefloorseligkeit. Wenn man gerade mit der Abba zitierenden Madonna tanzend auf dem Weg war, gleich ganz im schwedischen Sommer zu versinken, und danach ein Stück von M.I.A. - sagen wir „Lovalot“ - hört, ist der Strand auf einmal verhagelt. Das kann angenehm sein, um in der Tanzpause den Körper ruhen zu lassen, oder nerven, wenn man im Rhythmus bleiben will.
Beide Reaktionen sind natürlich in der Musik kalkuliert. Madonna mit Abba-Zitat war gut und einmalig, aber jetzt sind beide bei Lady Gaga angekommen. Lady Gaga ist der lebende Kontrapunkt zu M.I.A., wobei es weniger interessant ist, Lady Gaga als Konkurrentin um Aufmerksamkeit und Verkaufszahlen zu sehen: besser als Kategorie und Metapher für das, was M.I.A. nicht ist und sein kann.
Lady Gaga ist ein artifizielles Kind der hochdifferenzierten westlichen Gesellschaften, während M.I.A. aus Verhältnissen kommt, deren Differenzierungsgrad wesentlich einfacher ist. M.I.A. ist zwar in London geboren, doch ihr Modell von Gesellschaft ist Sri Lanka: Von 1976 an lebte sie dort acht Jahre lang mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. 1986 kehrte dieser Teil der Familie nach London zurück. Der in Sri Lanka eskalierende Bürgerkrieg machte die Flucht notwendig.
Irritation der liberalen Kritik
Die Familie war nicht arm. Die Arulpragasams waren die Einzigen in der Nachbarschaft, die einen Kühlschrank hatten. Einmal im Monat liehen sie sich einen Fernseher mit Videorekorder und sahen 24 Stunden lang alles, was sie an Filmen und Serien bekommen konnten. Die Familie war ein sozialer Brennpunkt, nur der Vater war nie da: Arular ist ein Aktivist der tamilischen Befreiungsbewegung, die einen von Sri Lanka unabhängigen Staat erkämpfen will.
Der Kampf kommt bei ihm vor der Familie. Bereits in London hatte er Frau und Kinder monatelang ohne Nachricht sitzen lassen, um, wie sich später herausstellte, sich im Libanon in einem PLO-Lager für den Bürgerkrieg ausbilden zu lassen. M.I.A.s berühmt-berüchtigt gewordene Textzeilen „You wanna win a war? / Like P.L.O. I don't surrender“ haben hier ihren Ursprung. Die Irritationen, die solche Statements in der liberalen Kritik auslösen, lassen sich dabei auch besser im Verhältnis zu Madonna und Lady Gaga beschreiben, als unter dem Aspekt, wie authentisch sie sind. Weder Lady Gaga noch Madonna wollen und können wegen ihrer künstlerischen Sozialisation in amerikanischen Großstädten antijüdische oder antiisraelische Positionen glaubhaft vertreten. Allein der Klang deutlich ausgesprochener Worte wie „War“ und „PLO“ erzeugt im westlich-amerikanischen Kunstmilieu eine Abweichung, die hellhörig macht.
Und wenn man die Worte dann noch, wie M.I.A. es tut, in ein erkennbares Programm mit identifizierbaren Gegnern packt, muss die Kritik reagieren. Nicht dem Frieden, sondern dem Krieg will sie eine Chance geben, sagt M.I.A. - gegen Bono und John Lennon. Man kann an dem langen Porträt, das Lynn Hirschberg kürzlich in der „New York Times“ über Maya verfasst hat, sehr gut studieren, woran sich die Geister dann scheiden. Hirschbergs spannende Reportage läuft auf die Konfrontation einer Künstlerin, die in Los Angeles komfortabel einkauft und isst, mit ihren politischen Statements hinaus. Der Schluss kann nur lauten: Da lebt jemand sehr gut von seinen schlechten Nachrichten.
Tourismus und Terror
Für die „Times“ ist eine solche Relativierung Mayas aber in einem anderen Kontext notwendig. Die Zeitung hatte die Strände Sri Lankas in ihrem Reiseteil als eines der schönsten Ziele für 2010 überhaupt empfohlen. Strände, an denen noch ein halbes Jahr zuvor 300 000 Menschen von Regierungstruppen zusammengetrieben und bombardiert worden waren. M.I.A.s simple Forderung lautet, man müsse Tourismus und Politik verbinden. Für ihre Kunst folgt daraus, der Strandparty ein paar Töne beizufügen, die das Vergnügen kurz mit Worten wie „Chicken-Factory“ nicht aufhalten, aber unterbrechen.
Falsch ist daran gar nichts. Das musste auch Miranda Sawyer in einem zweiten Porträt im englischen „Observer“ zugeben: Alle Aussagen über den Terror in Sri Lanka hätten ihren Recherchen standgehalten. Trotzdem muss auch Sawyer die politischen Ansichten M.I.A.s als naiv bezeichnen und dreimal darauf hinweisen, dass sie ein Talent zur Dramatik habe und deshalb zu Übertreibungen beziehungsweise zur Lüge neige.
Künstlerisches Kalkül
Nun gehören dramaturgische Effekte und Übertreibungen zwar zu jeder Kunst, aber das muss dieser Art von Kritik erst mal egal sein. Das Problem, das beide Journalistinnen nur schwer fassen können, ist, dass die vermeintliche politische Naivität M.I.A.s in ein mit allen Wassern gewaschenes künstlerisches Kalkül gebettet ist.
Auch wenn M.I.A. viel weniger wert auf Tanzbarkeit legt als Madonna, sind ihre Kompositionen genauso gut gedacht. M.I.A. hat am Saint Martin's College of Art und Design in London studiert. Sie ist viel rumgekommen. Sie gehört zu einer Generation von Leuten, die mit Nietzsche, Lenin und Lacan in London, Brüssel und Buenos Aires zusammengelebt hat. Nicht lange und auch nicht wirklich natürlich, aber doch virtuell. Zugang zur intellektuellen Konstitution von Künstlern wie M.I.A. verschaffen einem eher die Lacanschulen in Lubljana oder Mexico City als die Akademien in Berlin oder Paris.
Die M.I.A.s der Gegenwart kommen nicht von unten, sondern einfach aus weniger differenzierten Gesellschaften, wie denen Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas. Dadurch sind sie weder dümmer noch klüger als ihre Kollegen aus den entwickelteren Ländern. Sie hören nur genauer hin, was die Leute hier so sagen. Und weil sie aus Gesellschaften kommen, in denen die Statusunterschiede wesentlich stabiler den Alltag beherrschen als hier bei uns, haben sie auch ein besseres Gespür für das, was ein anderer hören will. So können sie allerdings auch die kalkulierte Abweichung besser plazieren: M.I.A.s „Gravity Is My Enemy“ hat das Zeug zum Hit.
Wetten dass?...
Sophia von Harsdorf (zickezacke)
- 04.07.2010, 21:27 Uhr