Home
http://www.faz.net/-gsd-vc2x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Die neue „Tocotronic“ Studienabbruch, Kündigung, Erlösung

Auf „Kapitulation“, der neuen Platte von „Tocotronic“, gibt es viel zu hören, was man so überzeugend selten zu hören bekommt: harmonieverweigernde Akkordbrechungen, Gitarren in feuchten Tüchern und Gesangesposen aus dem Musiktheater. Was bedeuten diese Posen? Dietmar Dath klärt auf.

© Katja Ruge Vergrößern Ansingen gegen die Vitalität des Rock: „Tocotronic”

Gretchen ist einundzwanzig Jahre alt, Studentin und aus Geschmacksgründen nur minimal tätowiert. Sie lebt lustig, mal abgesehen von den Studiengebühren, der lästigen Wohnerei und dem gelegentlichen Zahnarztbesuch, die leider alle Geld kosten. Weil ihre Eltern winzig kleine Angestellte sind und außerdem noch andere Kinder haben, muss Gretchen, um sich Studium, Bude und Zähne leisten zu können, mit drei Jobs jonglieren. Am Samstag darf sie in der Videothek an der Kasse jungen Männern erklären, dass zu spät zurückgebrachte Pornos Nachgebühren kosten. Am Montag beschweren sich aufgebrezelte Broker-Tanten im Bistro an der Börse bei ihr, dass der Toast nach nassen Socken schmeckt. Am Mittwoch muss sie sich im Call-Center einer großen Versicherung konzentrieren, damit sie Herrn Doktor Maurer mit Herrn Oberländer beziehungsweise Herrn Oberländer mit Direktor Hollenbach richtig verbindet.

Dietmar Dath Folgen:  

Komplett kaputt kommt sie nach einer dieser Schichten heim in die schlecht gelüftete WG und brennt sich widerrechtlich „Kapitulation“, die neue Platte von „Tocotronic“. Da gibt es viel zu hören, was man so überzeugend selten zu hören bekommt: Beim Liedeinstieg von „Luft“ zum Beispiel sorgen harmonieverweigernde Akkordbrechungen schon vor der ersten Textzeile für einen schönen Drehschwindel im Innenohr (alte Schrägrockschule, man erinnert sich gerührt an „Pavement“). Gitarren in feuchten Tüchern werden von behender Bass-Arbeit durch eine gedrungene Geräuschlandschaft geknufft (was die kalkuliert obertonarme Grundstumpfheit des tragenden Teils dieser Musik, sozusagen ihr verlässlicher Tortenboden, den Griffen des Bassisten Jan Müller verdankt, kann man eigentlich weder sagen noch schreiben, sondern nur brummen).

Mehr zum Thema

Nicht nur quengeln kann der Streuner

Auch Arne Zanks Schlagzeugtricks sind heuer gut beieinander, ziehen mit Kajalstift den Trommelfellrand nach, überführen Hacken in Hämmern und kauzige Kreuzschläge. Das Keyboard wiederum, ein Instrument, das jede Rockmusik sowohl beschädigen wie erweitern kann, führt hier erlöste Glöckchen ebenso locker mit sich wie kecke Pfeifspitzen; einige Mikro-Tupfen, die Rick McPhail setzt, machen auf der Platte so viel Platz frei wie sonst nur zehnstündige Jazzrockimprovisationen auf Zeltmusikfestivalbühnen. Aus allem und in alles aber, was da zwischen Koboldsgrimasse und Sozialständchen geboten wird, führt Dirk von Lowtzows sommerabendlau zersäuselter Gesang, bei dem man förmlich vor sich sieht, wie ihm die Stimme hinten aus der Hose hängt, am Saum des T-Shirts: „Mein Ruin ist weiterhin / eine Arbeit ohne Sinn / Etwas, das man nie bereut / eine Abgeschiedenheit“.

Nicht nur quengeln kann der Streuner, auch deklamieren, in köstlich labbriger Entschlossenheit, mit diesem süßen Lispel-Laut, der, obwohl es sich dabei um ein „s“ handelt, immer an das End-“ff“ in englischen Wörtern wie „tough“ und „enough“ erinnert: „Lasst uns an alle appellieren / Wir müssen kapitulieren“. Ein bisschen später geht es sogar ganz enthemmt zur Sache, fistulierend, phonasthenisch, auf dem allerletzten Loch: „Spreng deine Ketten in die Luft / Und lass das Scheusal doch zu Hause / Die Prüfung findet heut nicht statt / die Karriere macht mal Pause.“

Völlig anachronistischer Hippiekäse?

Gretchen nimmt all das aufmerksam zur Kenntnis, besonders die Texte; deshalb stellt sie, sobald sie mit dem ersten konzentrierten Durchhören fertig ist, sofort die berühmte, nach ihr benannte Frage; in einer allerdings ganz neuen Variante: „Hat der sie eigentlich noch alle, dieser Herr von und zu Rockmusik? Welche Karriere denn? Wieso bin ich ein Scheusal, wenn ich auf dem deregulierten Tagelöhnermarkt die letzten Cents aus dem Service-Gulli fische, damit ich mir CD-Rohlinge kaufen kann? Weshalb sollte ich ,den Ruin' als superschlau dunkel metaphorische Arbeit betreiben wollen, wenn doch der ganz handfeste, konkrete Realruin, sobald ich mich nicht mehr wie bekloppt nach der Decke strecke, von ganz allein eintritt, und zwar mit Pauken, Trompeten, und wieder bei den Eltern einziehen? Ich kann von Glück sagen, wenn ich in diesem Stinkloch wohnen bleiben darf, von wegen Kapitulation, was träumt der eigentlich nachts, dieser Tocotronic?“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Entlang des Hadrianswalls Vergesst den Jakobsweg!

Der Hadrianswall sicherte einst das Römerreich nach Norden. Wer heute an der Grenze zwischen England und Schottland unterwegs ist, erlebt Geschichte - und Geschichten. Mehr Von Tilman Spreckelsen

21.12.2014, 18:52 Uhr | Reise
Lasst Monster juchzen

Manchmal klingt es nach Jugendorchester, manchmal spürt man aber auch, warum er bei Pop, Rock und Soul immer noch erste Wahl ist: Michael Jacksons erste postume Platte. Nur eines darf man nicht: Fragen, ob auch alles echt ist. Mehr

28.07.2014, 12:31 Uhr | Feuilleton
Der Hobbit, letzter Teil Welch ein Zwergebnis. Glückwunsch.

Peter Jacksons Kinotrilogie Der Hobbit nimmt nun endlich ein Ende. Erstaunlich, dass man ein so kurzes Buch so ungeheuer weitläufig verfilmen konnte. Noch erstaunlicher, dass dabei Manches auch ganz gut gegangen ist. Mehr Von Dietmar Dath

10.12.2014, 19:59 Uhr | Feuilleton
SPD kann sich den Partner aussuchen

Der SPD-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Dietmar Woidke kann sich nun aussuchen, ob er wieder mit der Linken oder aber mit der CDU eine Regierung bilden will. Mehr

14.09.2014, 20:58 Uhr | Politik
Tom Liwa in Das Bett Der Chansonnier aus dem Ruhrgebiet

Als Künstler sei er Hofnarr und Medizinmann, sagt Tom Liwa. Wie er mit der Gitarre auf Heimatsuche geht, ist heute im Frankfurter Das Bett zu hören. Mehr Von Norbert Krampf

18.12.2014, 18:24 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.07.2007, 18:24 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 24