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Die neue „Tocotronic“ Studienabbruch, Kündigung, Erlösung

Auf „Kapitulation“, der neuen Platte von „Tocotronic“, gibt es viel zu hören, was man so überzeugend selten zu hören bekommt: harmonieverweigernde Akkordbrechungen, Gitarren in feuchten Tüchern und Gesangesposen aus dem Musiktheater. Was bedeuten diese Posen? Dietmar Dath klärt auf.

© Katja Ruge Vergrößern Ansingen gegen die Vitalität des Rock: „Tocotronic”

Gretchen ist einundzwanzig Jahre alt, Studentin und aus Geschmacksgründen nur minimal tätowiert. Sie lebt lustig, mal abgesehen von den Studiengebühren, der lästigen Wohnerei und dem gelegentlichen Zahnarztbesuch, die leider alle Geld kosten. Weil ihre Eltern winzig kleine Angestellte sind und außerdem noch andere Kinder haben, muss Gretchen, um sich Studium, Bude und Zähne leisten zu können, mit drei Jobs jonglieren. Am Samstag darf sie in der Videothek an der Kasse jungen Männern erklären, dass zu spät zurückgebrachte Pornos Nachgebühren kosten. Am Montag beschweren sich aufgebrezelte Broker-Tanten im Bistro an der Börse bei ihr, dass der Toast nach nassen Socken schmeckt. Am Mittwoch muss sie sich im Call-Center einer großen Versicherung konzentrieren, damit sie Herrn Doktor Maurer mit Herrn Oberländer beziehungsweise Herrn Oberländer mit Direktor Hollenbach richtig verbindet.

Dietmar Dath Folgen:  

Komplett kaputt kommt sie nach einer dieser Schichten heim in die schlecht gelüftete WG und brennt sich widerrechtlich „Kapitulation“, die neue Platte von „Tocotronic“. Da gibt es viel zu hören, was man so überzeugend selten zu hören bekommt: Beim Liedeinstieg von „Luft“ zum Beispiel sorgen harmonieverweigernde Akkordbrechungen schon vor der ersten Textzeile für einen schönen Drehschwindel im Innenohr (alte Schrägrockschule, man erinnert sich gerührt an „Pavement“). Gitarren in feuchten Tüchern werden von behender Bass-Arbeit durch eine gedrungene Geräuschlandschaft geknufft (was die kalkuliert obertonarme Grundstumpfheit des tragenden Teils dieser Musik, sozusagen ihr verlässlicher Tortenboden, den Griffen des Bassisten Jan Müller verdankt, kann man eigentlich weder sagen noch schreiben, sondern nur brummen).

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Nicht nur quengeln kann der Streuner

Auch Arne Zanks Schlagzeugtricks sind heuer gut beieinander, ziehen mit Kajalstift den Trommelfellrand nach, überführen Hacken in Hämmern und kauzige Kreuzschläge. Das Keyboard wiederum, ein Instrument, das jede Rockmusik sowohl beschädigen wie erweitern kann, führt hier erlöste Glöckchen ebenso locker mit sich wie kecke Pfeifspitzen; einige Mikro-Tupfen, die Rick McPhail setzt, machen auf der Platte so viel Platz frei wie sonst nur zehnstündige Jazzrockimprovisationen auf Zeltmusikfestivalbühnen. Aus allem und in alles aber, was da zwischen Koboldsgrimasse und Sozialständchen geboten wird, führt Dirk von Lowtzows sommerabendlau zersäuselter Gesang, bei dem man förmlich vor sich sieht, wie ihm die Stimme hinten aus der Hose hängt, am Saum des T-Shirts: „Mein Ruin ist weiterhin / eine Arbeit ohne Sinn / Etwas, das man nie bereut / eine Abgeschiedenheit“.

Nicht nur quengeln kann der Streuner, auch deklamieren, in köstlich labbriger Entschlossenheit, mit diesem süßen Lispel-Laut, der, obwohl es sich dabei um ein „s“ handelt, immer an das End-“ff“ in englischen Wörtern wie „tough“ und „enough“ erinnert: „Lasst uns an alle appellieren / Wir müssen kapitulieren“. Ein bisschen später geht es sogar ganz enthemmt zur Sache, fistulierend, phonasthenisch, auf dem allerletzten Loch: „Spreng deine Ketten in die Luft / Und lass das Scheusal doch zu Hause / Die Prüfung findet heut nicht statt / die Karriere macht mal Pause.“

Völlig anachronistischer Hippiekäse?

Gretchen nimmt all das aufmerksam zur Kenntnis, besonders die Texte; deshalb stellt sie, sobald sie mit dem ersten konzentrierten Durchhören fertig ist, sofort die berühmte, nach ihr benannte Frage; in einer allerdings ganz neuen Variante: „Hat der sie eigentlich noch alle, dieser Herr von und zu Rockmusik? Welche Karriere denn? Wieso bin ich ein Scheusal, wenn ich auf dem deregulierten Tagelöhnermarkt die letzten Cents aus dem Service-Gulli fische, damit ich mir CD-Rohlinge kaufen kann? Weshalb sollte ich ,den Ruin' als superschlau dunkel metaphorische Arbeit betreiben wollen, wenn doch der ganz handfeste, konkrete Realruin, sobald ich mich nicht mehr wie bekloppt nach der Decke strecke, von ganz allein eintritt, und zwar mit Pauken, Trompeten, und wieder bei den Eltern einziehen? Ich kann von Glück sagen, wenn ich in diesem Stinkloch wohnen bleiben darf, von wegen Kapitulation, was träumt der eigentlich nachts, dieser Tocotronic?“

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Veröffentlicht: 06.07.2007, 18:24 Uhr

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Von Helmut Mayer

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