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Die neue CD von Robbie Williams Kröne dich selbst, sonst krönt dich keiner

Er behauptet, die alte Magie sei weiterhin da. Doch so recht glauben kann man Robbie Williams das beim Hören seines neuen Albums „Take the Crown“ nicht.

© Getty Images Vergrößern Hand aufs Herz: Robbie Williams

Wo wir gerade dabei sind, von seinen Verdiensten zu reden - der Mann ist achtunddreißig Jahre alt, und sein Album „In and Out of Consciousness: Greatest Hits 1990-2010“ versammelt neununddreißig Stücke, von denen die allermeisten dem idealen Popsong so nahe kommen, wie das jemandem, der ein Mann ist und nicht Madonna, nur gelingen kann. Robbie Williams had it all, und das in sehr jungen Jahren. Jetzt ist er so ziemlich volltätowiert und austherapiert und hat ein neues Soloalbum vorgelegt, „Take the Crown“ also. Ist es so gut wie „Escapology“, das Album, auf dem er stöhnte und heulte und Schmelz verströmte, bis Leute es mit ihm versuchten, denen er immer zu jung und zu „boygroup“ gewesen war? Nein, es ist nicht so gut, leider. Williams singt es tapfer durch, als könnte er sich mit den eigenen Songs Mut zusprechen. Autosuggestion nennt man das in den meisten Fällen auf dieser Platte.

Fangen wir mit dem schönsten Song an, „Losers“, mit Unterstützung der Sängerin Lissie und einer Reihe dezenter Streicher, die ganz zurückhaltend dieses berührende Duett mit feiner Substanz tragen. Die beiden singen kein Liebeslied, muss ja auch nicht sein, sondern darüber, dass sie jetzt sofort aufhören, immer die fettesten Absahner sein zu wollen: der Pausenclown (wie Williams angeblich in seiner nicht ruhmgekrönten Schulzeit), Daddys Bester, Frauenliebling. Na, wie sympathisch.

In Ordnung, denkt man, dann kriege ich hier eben nicht diesen Rock’n’Roll forever, es hat ihm gesundheitlich auch eher geschadet, auf lange Sicht betrachtet, es gibt schließlich auch unter den Hiphoppern Leute, die mit achtunddreißig Jahren keine Headspins mehr machen. Und Duett konnte Williams schon immer sehr gut - „Kids“ mit Kylie Minogue war so heiß, „Shame“ mit Gary Barlow ist eines der besten Männerduette aller Zeiten, und selbst Nicole Kidman singt ganz ordentlich auf Nancy und Frank Sinatras „Somethin’ Stupid“ (auf dem Album „Swing when you’re winning“).

Der Refrain geht nie richtig los

Die am 11.September ausgekoppelte Single „Candy“ ist witzig und schnell und ein Beispiel der Williams-Ironie. Man genießt den Rhythmus, aber schon das Video versteht man nicht. Da hat das Zuckerstück lange Beine und ein Smartphone, Robbie Williams aber einen rosa Anzug und Turnschuhe und einen Heiligenschein, weswegen er sich überfahren und verbrennen lassen kann, ohne dass sie es bemerkt oder es Folgen für den Anzug hätte. „All that I want“ klingt wie David Bowie, also super, und den Sex und das Einer-Frau-durch-den-Stoff-ihres-Klei-des-hindurch-auf-die-Haut-Sehen hört man auch in der Stimme, nicht bloß im Text. Weiter nach oben auf der Intellektuellenskala wird es Robbie Williams nie schaffen, aber das Stück kommt in achtzehn Jahren garantiert auf die nächste Greatest-Hits-Sammlung. Und damit kommen wir zum Problem.

Take the crown

Der Mann, der mit fünfzehn Jahren von seiner Mutter zum Vorsingen für „Take That“ geschickt wurde, wird gerade von verschiedenen Songschreibern in verschiedene Richtungen geschickt - Ballade, nee, doch Popsong, nee, doch schmutziger Rock. An nicht wenigen Songs auf „Take the Crown“ ist das Intro das Beste - schön billig klingende Synthesizer-Akkorde, Old-School-Saxophon oder Streicher -, denn danach verenden sie einfach so in der Belanglosigkeit. „Different“ geht auch noch in der ersten Strophe ganz vielversprechend weiter, aber der Refrain geht nie richtig los. Mädchen, die ihr das tenorale „Something Beautiful“ geliebt habt, ohne es je zuzugeben, „Sexed Up“ mitgesungen habt wie eine Hymne, das herrlich durchsichtige „Millennium“ und das sich dem Fan zu Füßen werfende „Let Me Entertain You“, ihr werdet mit dieser Platte nicht richtig froh werden.

Unbewusste Kapitulation?

Aber so grauenvoll wie die letzte von Madonna ist sie natürlich bei weitem nicht. Vielleicht kommt das Wort „think“ ein bisschen zu oft vor, es würde im Robbie-Williams-Kontext doch schon in geringerer Frequenz auffallen. Die These zu diesem Album heißt, dass gleich das erste Lied eben leider gelogen ist. „Be a Boy“ enthält folgende Zeilen, die noch dazu so lahm und leidenschaftslos gesungen werden, dass man es kaum glauben kann: „They said it was leaving me/The Magic was leaving me/I don’t think so/I don’t think so.“

Ein Album wie dieses bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Magie verschwunden ist. Was für den Sohn eines Gelegenheits-Zauberkünstlers tragisch wäre. Nein, es grenzt nur an Magie, es bei dem Versuch, ganz oben zu bleiben, zu schaffen, sich selbst gleich zu bleiben und sich doch immer wieder neu zu erfinden.

„Take the Crown“, dieser seltsam mit der Befehlsform spielende ambivalente Titel, kann entweder verstanden werden als Beschreibung - Robbie Williams greift mit seinem neuen Soloalbum nach der Krone des größten lebenden Entertainers, die aber recht eigentlich schon auf seinem Kopf sitzt. Oder es bedeutet eine unbewusste Kapitulation, eine Einladung an jüngere Sänger, ihm abzunehmen, was ihm nicht mehr richtig passt oder gar zur Last geworden ist. Ach, was muss ein Album problematisch sein, angesichts dessen man anfängt, das Konzept Robbie Williams kompliziert zu finden.

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Quelle: F.A.Z.

 
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