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Pop von Arcade Fire : Bis die Pilze tanzen

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Sie hinterließen eine Insel von zwölftausend Seligen: Arcade Fire in Köln, hier Sängerin Régine Chassagne. Bild: Thomas Brill

Pop-Kunst vom anderen Stern: Arcade Fire zünden in Köln ein Feuerwerk ihrer größten Hits. Vom neuen Album gibt es immerhin einen Vorgeschmack.

          Die Fehlfarben haben es vorhergesagt: „Spacelabs fallen auf Inseln / Vergessen macht sich breit / Es geht voran.“ Besser lässt sich die Szenerie des ersten von nur zwei Deutschland-Konzerten der offiziell aus Kanada, aber eigentlich aus einer anderen Galaxie stammenden Pop-Rock-Folk-Eklektiker Arcade Fire kaum beschreiben. In parodierter Astronautenkluft mit „EN“-Logo (der einzige Jux der inzwischen erstaunlich diszipliniert Auftretenden) laufen die zahlreichen Musiker ein und lassen gleich die aktuelle Single „Everything Now“ ins randvoll gefüllte, von der ersten Sekunde an begeisterte Rund des Kölner Tanzbrunnens – eine Insel fürwahr – explodieren. Im Video zu dieser Gute-Laune-Weltuntergangshymne mit milder Konsumkritik und Abba-Keyboard-Power, die einen mitreißt ins Lalalala-Land der chorischen Einmütigkeit, ist tatsächlich ein Raumschiff abgeschmiert.

          Schnell hat man alles um sich herum vergessen. Die sanft bewegten Melodievorhänge, die von Win Butlers Sehnsuchtsstimme arabesk zerschnitten werden, nur um weitere, komplizierter gewirkte Melodievorhänge zum Vorschein zu bringen, tragen einen fort, immer weiter, on and on, wie es in der zweiten Album-Auskopplung heißt. „We know a place where no spaceships go“, umarmt uns der Gesang, und wir ahnen, was gemeint ist. „Danke“, schallt es dann von der Bühne, nicht für den Applaus, sondern „weil Ihr die Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen habt. Ich wünschte, mein Land hätte mehr Würde in dieser Zeit.“

          Nimm das, Ordnungsamt!

          Aber das Jetzt hat seine Tücken, man frage Karl Heinz Bohrer. Greift man danach, ist es schon verweht. Und so steht nach knapp zwei Stunden ein erwecktes Publikum vor einer Bühne, auf der noch der gewaltige Schriftzug „Now“ nachleuchtet, aber die Sternensinger wie weggebeamt sind. Arcade Fire mag die wichtigste oder zweitwichtigste Indie-Formation unserer Tage sein – je nachdem, wie man Radiohead einordnet –, gegen eine Macht kommt sie nicht an: das Kölner Ordnungsamt, das den Lärmschutz mitten in einem riesigen Parkareal bierernst nimmt. „Wirklich strikte Regeln“, kommentierte der Frontmann und pfiff seine Bandmitglieder zurück, die nach dem Hauptset gerade die Bühne verlassen wollten. So wurde die Zugabe gleich angehängt: das verlässlich überwältigende, stets einen Mitsingorkan auslösende „Wake up“, auf das alle gewartet haben.

          Und doch wollte niemand glauben, dass es das schon gewesen sein sollte, so ganz ohne „Zugabe“-Rufe. Nun entspann sich ein Duell des Willens, ein Zusammenprall von Jetzt und Vorhin: Tausende Fans harrten jubelnd vor der Bühne aus, die vor ihren Augen von Arbeitern zerlegt wurde. Und dann gab es einen dieser Momente, die erklären, warum die charismatische Band auch über ihre Musik hinaus so geliebt wird: Win Butler kam noch einmal hervor und spielte zwischen den Roadies mit nicht angeschlossener Gitarre lautlos „Wake up“ an, bevor er den riesigen Chor dirigierte, dessen Geschmetter Blümchen aus dem Tiefschlaf zu reißen vermochte. Nimm das, Ordnungsamt!

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