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Die „Fantastischen Vier“ Hochmodern und unterhaltsam: „Fornika“

08.04.2007 ·  Die „Fantastischen Vier“ sind die Bundespräsidenten der deutschen Berufsjugendlichkeit, und sie wissen das. Ihr neues Album „Fornika“ beschäftigt sich genau mit diesen Themen - mit Jugend, Alter, Zwangshipness.

Von Eric Pfeil
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Vielleicht sind Berufsjugendliche doch die weniger blöden Jugendlichen. Sie machen nicht so viel kaputt, stehen nicht ständig im Weg herum - und teilweise machen sie sogar die bessere Musik. Die „Fantastischen Vier“ sind die Bundespräsidenten der deutschen Berufsjugendlichkeit, und sie wissen das. Ihr neues Album „Fornika“ ist eine Platte, die sich teilweise genau mit diesen Themen beschäftigt - mit Jugend, Alter, Zwangshipness - und am Ende mal wieder einen Weg aufzeigt, wie man im Pop älter werden kann, ohne komplett doof auszusehen (Siehe auch: Die „Fantastischen Vier“ im Interview: Das ist unser Beruf).

Zunächst einmal gilt es einzusehen, dass manche Bands so lange zusammen sind, dass man sich einfach an sie gewöhnen muss. Es ist daher müßig, den „Fantastischen Vier“ ihre geklauten „Beastie Boys“-Bewegungen, ihre mediale Allgegenwart oder den tätowierten, dauerhalbnackten Esoteriker Thomas D vorzuwerfen. Lang aktive Musiker wie „U2“ oder eben die „Fantastischen Vier“ zu hassen, wie man vielleicht Sabine Christiansen oder irgendwelche Nachbarn hasst, ist müßig. Man muss sie als funktionierende Systeme begreifen und mit ihnen leben.

Eine Platte, die richtig nach vorne geht

Mit den Nachbarn übrigens auch. Ist man erst einmal so weit, kann man genauer hinsehen: Was machen die da eigentlich? Hat man dann „U2“ einmal als größte Popband der Welt akzeptiert, kann man ihr in aller Ruhe detailliert ihre Gruseligkeit nachweisen. Akzeptiert man wiederum die „Fantastischen Vier“ als das, was sie sind - Deutschlands leistungsstärkstes Konsens-Popsystem mit Arena-Strahlkraft -, kann man viel Freude an ihnen haben.

Die vier rüstigen Rapmusikanten Smudo, Thomas D, Michi Beck und Andi Ypsilon lassen ihr an diesem Samstag erscheinendes Album „Fornika“ vergleichsweise rasch auf ihr letztes Album „Viel“ folgen, das vor drei Jahren veröffentlicht wurde. Man sei gut drin gewesen, beim letzten Mal habe die Anlaufphase so schrecklich lange gedauert, und überhaupt, man erlebe gerade ein neues freundschaftliches Aufflackern - so oder ähnlich begründen die Musiker im auskunftsfreudigen Infozettel ihr flinkes Nachlegen. Weiterhin heißt es dort, man habe diesmal eine Platte machen wollen, die richtig nach vorne geht.

Nicht nur Kunst, sondern auch Sport

„Fornika“ geht nach vorne, sehr sogar. Alles ist hochmodern, dabei nie wirklich innovativ, immer jedoch eigen, vor allem aber hoch unterhaltsam. Das liegt vor allem an den Texten der drei Rapper, die ständig hocheingängige hooks aus ihren Wortschwällen entstehen lassen. Aber auch hier gilt es erst einmal wieder etwas Grundlegendes zu akzeptieren. Das Prinzip der Songs nämlich ist fast immer identisch: Es gibt ein Oberthema, das situativ durchdekliniert wird; jeder Rapper darf seine Perspektive auswalzen, die Moral gibt's zwischendurch im Refrain. Anfangs fragt man sich als einigermaßen ergebnisorientierter Mensch vielleicht noch, warum man sich drei hochdruckhektische Strophen mit albernem Wortgetöse anhören sollte, nur um im erlösenden, alles bündelnden Refrain auf das Niveau öder Minimaleinsichten und Thekenallgemeinplätze („Wir ernten, was wir säen“, „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht“, „Lieber ein Spatz in der Hand . . .“) heruntergeschubst zu werden.

Aber so funktioniert diese Sorte Hip-Hop schon seit Jahren. Entscheidend ist, den Sinn nicht in der Pfadfindermoral des Refrains, sondern in den selbstzweckhaft um den Reim balgenden Strophen zu finden. Und anzuerkennen: Das hier ist nun mal nicht nur Kunst, sondern auch Sport. Mit dieser Perspektive lassen sich Stücke wie das alberne „Nicki war nie weg“, das poppig shuffelnde „Einfach sein“ (mit Grönemeyer-Gastauftritt im Refrain) oder auch eine altersweise Mediation Thomas Ds zum Thema Drogen genießen. Im Refrain des letztgenannten Stücks heißt es: „Diese Angst, dass die Träume sich verflüchtigen / ist die Angst vor der Einsamkeit der Nüchternen / Vor der Bedeutungslosigkeit eines jeden flüchtigen / Augenblicks des Glücks eines Süchtigen.“Gar nicht schlecht, und das Zitat stammt diesmal sogar aus dem Refrain. Geläuterter Gesundheits-Rap, mild angesäuselt.

Frisch und modern

Die besten Momente hat jedoch naturgemäß der oft unsachgemäß als Hip-Hop-Campino diffamierte Smudo. Ganz allein bellt er über einen nackten verzerrten Schlagzeug-Beat einen aufgekratzten Monolog darüber, nicht wie „unsere Alten“ sein zu wollen, aber letztlich doch genau so zu sein: „Warum bin ich genau das, was ich versuche, nicht zu sein / Warum ist die größte Angst, man sei allein?“, kläfft der Rapper. Der Song ist beinah anrührend in seiner bluthochdruckbefeuerten Alterswut und letztlich symptomatisch für eine Platte, die immer wieder die Jugend als erhaltbaren Gemütszustand feiert, ständig aber auch körperliche, soziale und ästhetische Unterschiede zu früher anerkennt.

Diese Gleichzeitigkeit ist es, die „Fornika“ so modern und frisch klingen lässt. So modern wie eine gutlaufende bekiffte Media-Agentur und so zwangsnachdenklich, wie es sich für alternde Berufsjugendliche auf der Kippe zur Vierzig gehört. Wem es zu aufpeitschend wird, was die vier Raprentner hier veranstalten, der kann ja zwischendurch kurz eine CD lang die harfende Mittzwanzigerin Joanna Newsom einschieben. Möge die Jugend ruhig Harfe spielen, bis überall Bärte sprießen - manche Sachen, diese Einsicht beschleicht einen nach „Fornika“, sollte man wohl doch lieber den Erwachsenen überlassen: Hip-Hop zum Beispiel.

Die Fantastischen Vier, Fornika. Columbia/Sony BMG 070962

Quelle: F.A.Z., 07.04.2007, Nr. 82 / Seite 44
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