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Die britische Pop-Sensation Jamie T Fish and Chips and Rock’n’Roll

09.02.2007 ·  Vier Saiten für ein Halleluja: Die neueste Sensation des britischen Vorstadt-Pop heißt Jamie T. Sein Debütalbum "Panic Prevention" ist ein wilder Stilmix aus Ska, Hip-Hop, Punk, Drum & Bass und Schrammel-Pop.

Von Eric Pfeil
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Es muss anstrengend sein, Jamie T zu sein und von allen Seiten erzählt zu bekommen, wie authentisch und freigeistig man doch sei. Noch anstrengender ist allenfalls, über ihn zu schreiben, ohne diverse Bands und Musiker zu nennen, die dem aufstrebenden Jungspund derzeit geradezu reflexartig hinterhergeschrieben werden: „The Streets“ alias Mike Skinner (vor allem!), die „Arctic Monkeys“ und Lily Allen. Im Prinzip die junge vermeintlich authentische charmant angeprollte Superstar-Riege des eklektischen Inselpop-Betriebs. Egal jedenfalls, ob man Jamie T Gutes oder Schlechtes will – diese Namen fallen garantiert. Wie gesagt: anstrengend.

Unwiderstehliche Charmeoffensive

Noch wollen die meisten dem jungen Mann nur Gutes. Großbritannien liebt Jamie T geradezu. Ein bisschen so wie eine alte Großmutter den jüngsten Enkel liebt: Er darf alles – öffentlich rülpsen, klauen wie eine Elster, die Klappe aufreißen und mit ungewaschenem Akzent reden. So lange jedenfalls, wie er dabei so unwiderstehlich frech grinst und die anderen Familienmitglieder in Sachen Charme locker in die Tasche steckt.

Jetzt erscheint nach diversen Singles das Debütalbum des zwanzigjährigen Wunderkinds, und man muss schon zugeben: Es ist tatsächlich irgendetwas Besonderes an diesem Jamie T. Gerade weil das, was er macht, so vollkommen neu und unerwartet letztlich nicht ist. Im Prinzip kombiniert Jamie T den von den oben Genannten kultivierten Alltagsbeobachtung-trifft-Pommes-Gesangsstil, den man auf der Insel gerade so gerne mag, und kombiniert ihn mit der Elster-Attitüde des Amerikaners Beck.

Mixtapes für die Massen

Jamie T sprechsingt – irgendwo zwischen Billy Bragg und jamaikanischem Toasting – sein frechdachsiges Kauderwelsch über ein freigeistig zusammengerührtes Gebräu aus Folk, Hip-Hop, Pop und Punk. Eine Kombination, die der begeisterte Mixtape-Fan auch als Veranstalter der „Panic Prevention“-Clubnächte in der Londoner „12 Bar“ pflegt, wo er rappeligen Punk, Albumtracks von Prince, zünftigen Folk und Reggae-Singles schlüssig miteinander mixt. Bei Licht besehen, nichts sonderlich Wildes; Kölner Kneipen-DJs machen allabendlich nichts anderes.

Seltsam eigentlich, dass Jamie Ts Bastard-Ansatz überhaupt so erstaunt. Schließlich ist er die Folge einer relativ typischen musikalischen Sozialisierung und Musikerwerdung. Jamie T stammt aus dem Süd-Londoner Vorort Wimbledon, einer Gegend, die mit ihren putzigen Zwei-Etagen-Häuschen und uniformen Vorgärten aus hiesiger Perspektive sicherlich hübsch und charmant aussehen mag, für einen jungen Engländer aber nur abgründigen Schrecken verströmen kann. Mit fünfzehn begann er Bass in Punkbands zu spielen, gestaltete nebenbei Flyer für Drum & Bass-Partys und verlegte sich irgendwann exotischerweise auf einen akustischen Viersaiter, der noch heute sein Hauptbegleitinstrument ist.

Rohrspatz mit Bass

Mit diesem begann er irgendwann Pub- und Club-Auftritte zu bestreiten, bei denen er sich zu einem anfechtungsresistenten Live-Act mauserte, der sein Publikum mit Impro-Charme und beherztem Auftreten in seinen Bann zog. Nach einem dieser Auftritte bekam er eines Abends von einem Virgin-Entsandten einen Vertrag unter die Nase gehalten. Gerne hätte man ein Akustik-Album von ihm bekommen, doch Jamie T verbat sich diese Idee. Stattdessen kaufte er sich das nötigste Billig-Equipment und setzte auf die Tugenden des ebenso forschungsfreudigen wie grenzenverwischenden Homerecordings.

Trotzdem begleitet sich Jamie T auf dem soeben erschienenen, allseits beklatschten Debüt „Panic Prevention“ einige Male nur mit dem Akustikbass – es klingt großartig: ein warmes perkussives Hämmern, zu dem der Rotzlöffel vollmundig seinen ganz eigenen Reim-Domino-Day veranstaltet. Am schönsten klingt diese Verbindung im Eröffnungssong „Brand New Bass Guitar“. Der Bass rumpelt, Jamie T brabbelt wie ein besoffener Rohrspatz davon, dass so ein Bass einer Knarre doch deutlich vorzuziehen sei, und ein selbstgebastelter Gospelchor spielt das Echo.

T wie Tausendsassa

Auch die anderen Stücke klingen aufregend: „Salvador“ hört sich an, als sänge ein komplett nebenhöhlenvereiterter Chris Martin über ein „Specials“-Demo, „Operation“ ist neurotischer Disco-Wave, und die in England bereits lange veröffentlichte Single „Sheila“ löst alle Versprechen ein, die Beck, der Erfinder dieser Alles-geht-Musik mit Folk-Verpflichtung und Hip-Hop-Kenntnis, schon länger nicht mehr einlösen kann.

Am meisten Freude hat man mit Jamie T, wenn man mal kurz verdrängt, dass alle Welt ihn für einen genialischen, unverfrorenen Erneuerer hält, denn dies ist er sicherlich nicht. Wenn man ihn jedoch für die Länge eines Albums als den charmanten Kauz und draufgängerischen Tausendsassa nimmt, der er ist, kann man viel Spaß mit seiner kurzweiligen Musik haben. Und das ist ja heute schon Leistung genug: ein aus allen möglichen Fremdelementen zusammengeleimtes kurzweiliges Album.

Was kommt nach dem Hype?

Man neigt natürlich dazu, bei Burschen vom Schlage Jamie T schon wieder die drohenden Gefahren zu sehen: Was kommt nach dem Überraschungseffekt? Was passiert, wenn sich Großbritannien am ach so echten Chipsbudengeruch der grassierenden Vorstadtpop-Epidemie satt geschnüffelt hat? Und ist es wirklich gut, dass Jamie T bereits mit Damon Albarn und Björk die kreativen Sonderlingsköpfe zusammengesteckt hat? Vielleicht nicht. Aber spricht es nicht gerade für ein Phänomen wie Jamie T, dass man sich noch nicht so recht vorstellen kann, was auf seinem nächsten Album passiert, und im schlimmsten Fall mit der totalen Verzettelung rechnen muss? Genau das ist eigentlich Pop: das Funkeln des Moments.

"Panic Prevention" von Jamie T ist bei Labels/EMI erschienen (885529).

Quelle: F.A.Z.
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