Die Gebrauchsanweisung ist auf kantianisch: Ein Gespräch mit der Punkband "Die Ärzte" über ihr neues Doppelalbum "Geräusch".
F.A.Z.: Zur Zeit findet eine neue deutsche Welle der Neuen Deutschen Welle statt.
Farin Urlaub: Dazu haben wir uns damals nicht gezählt, und dazu zählen wir uns heute auch nicht. Sowohl unsere Fans als auch wir halten uns da raus.
Im Grunde stehen 2003 dieselben Leute auf der Bühne wie 1983: Nena, Herbert Grönemeyer, "Fehlfarben", Marius Müller-Westernhagen und - "Die Ärzte".
Urlaub: Da muß man jetzt aber differenzieren. Nena kocht ihre alten Hits neu auf. Grönemeyer ruht sich nie auf alten Sachen aus, macht sogar ziemlich riskante Experimente. Westernhagen hat immer nur ein einziges Stones-Lied gehabt, das er mit immer neuen Texten versehen hat.
Bela B.: Und die "Fehlfarben" haben damals dieselbe Wirkung auf uns gehabt wie wir heute auf junge Bands wie "Wir sind Helden". Die "Fehlfarben" haben uns durch die Platte "Monarchie und Alltag" ermutigt, deutsche Texte zu schreiben.
Warum seid ihr kein Teil des Neopunk-Komplexes?
Urlaub: Nachdem Punk als Revolution anfing, wurde das schnell ein Runterbeten von Standards. Wir haben den Standards von Anfang an nicht entsprochen. Erstens durch unsere total lustigen und extrem unpolitischen Texte, jetzt immer noch durch unsere Stilvielfalt. Wo ich am ehesten Parallelen finde: bei "The Clash", die ab "London Calling" stilistisch total in die Breite gegangen sind und dann auf der "Sandinista!" wirklich alles ausprobiert haben.
Es gibt im neuen Album "Geräusch" eine Geschichtsphilosophie der Popmusik.
Urlaub: Ja, da schließ' ich mich sofort an!
Könnte man den Gedanken der ewigen Wiederkehr in der Musik in "Als ich den Punk erfand" mit dem Stück "Anti-Zombie" verbinden, wo die Toten wegen Überfüllung der Hölle die Erde heimsuchen?
Urlaub: So Gedanken machen wir uns nicht.
Bela B.: Ich mache mir die Gedanken aber schon, weil ich im Gegensatz zu dir einen Fernseher habe und "Deutschland sucht den Superstar" gesehen habe. Es gibt Menschen in der Jury, die kommen aus der Hölle.
Urlaub: Wir machen uns schon Gedanken, aber einen ideologischen Überbau gibt es nicht. Selbst wenn die Stücke vom selben Autor stammen, kann man keinen Bezug reininterpretieren. Jedes Lied ist ein abgeschlossenes Werk.
Aber gibt es nicht doch Strukturen der Wiederholung?
Urlaub: Du meinst, du willst uns jetzt fürs Feuilleton interessant machen?
Sind "Die Ärzte", mit dem Song "Besserwisserboy", etwa keine Besserwisserband?
Urlaub: Klar, "Die Ärzte" sind meta!
Bela B.: Also, eine altkluge Band waren wir schon immer.
Urlaub: Wir sind pataphysisch. Wir haben immer supergute Antworten. Wenn nur irgend jemand die Frage stellen würde!
Man hört doch die Platte als Einheit. Beim Doppelalbum stellt sich die Frage, ob jede der Platten auch für sich als Einheit zu sehen ist. Wenn man die Platten wechselt, hat man einmal ein Lied, das mit der Apokalypse endet. Und dann kommt auf der zweiten Platte diese geschichtsphilosophische Urszene mit der Erfindung des Punk, die überraschenderweise in einer Urzeit spielt.
Rod Gonzalez: Und diese Seite hört dann auf mit "Schneller leben"!
Bela B.: Stirb jung!
Urlaub: "Die Ärzte" - eine zyklische Band?
Bela B.: Dazu muß man aber leider sagen, daß wir die Reihenfolge der Songs auf unseren Alben ähnlich wie beim Konzert nur musikalisch treffen. Eine Ballade kommt im Konzert als achter, neunter oder zehnter Song, damit die Leute verschnaufen können. Und auf dem Album kommt eine Ballade als dritter oder vierter Song. "Anti-Zombie" und "Pro-Zombie" sind direkt hintereinander, genau wie "Der Tag" und "Die Nacht" - damit sich das lustig liest mit den Titeln. Aber weiter gehen wir da nicht.
Hatten die Leute, die in "Als ich den Punk erfand" am Feuer saßen, nicht schon eine Geschichte hinter sich? Häufig wird eine Apokalypse im Stil der Achtziger beschworen: Weltenbrand, Atomkraft, der gute Präsident, der - fast als ob er Udo Lindenberg gehört hätte - "Abrüstung jetzt" verspricht.
Bela B.: Hm!
Urlaub: Die weltpolitischen Themen haben sich mehr ins Album gemogelt als sonst - einfach durch die weltpolitische Lage. Auch wenn ich keinen von diesen apokalyptischen Texten geschrieben habe, ich war zwischendurch in Hiroshima. Ich glaube, je älter man wird, desto mehr macht man sich Gedanken über die Vergänglichkeit. Trotzdem - so verkopft, wie ihr das hinstellt, isset nicht!
Bela B.: Ich muß jetzt kurz meine Texte verteidigen. Das ist keine Achtziger-Jahre-Reminiszenz, sondern es geht um den Umgang mit den Medien - bei "Nicht Wissen" darum, daß wir immer mehr Beschwichtigung bekommen durchs Fernsehen, immer mehr Ablenkung. Wir haben immer noch Atomkraftwerke, es sind bloß nicht mehr so viele Leute dagegen. Und "Als ich den Punk erfand" ist einfach eine Unverschämtheit unsererseits. Die "Ärzte" galten früher als Unheilsbringer und Zerstörer des Punkrock. In der "Spex" stand in einem Leserbrief: "Die Ärzte haben den Schweinepunk verraten." Auf unserer allerersten Single war immerhin ein Song namens "Teenager Liebe". Uns jetzt als Punkerfinder zu bezeichnen ist schon ein bißchen fies. Das stichelt auch gegen Düsseldorf.
Auch gegen Teipels Geschichtsbuch "Verschwende deine Jugend", das den Punk für die Nachgeborenen neu erfand?
Bela B.: Genau, da sind wir nämlich nicht gefragt worden! Nein, "Die Ärzte" hat es halt erst später gegeben. Wir tauchen in dem Buch genau einmal auf: Jemand war mit mir aus und erzählt das dann. Ist aber nicht wichtig, denn es ist ein tolles Buch.
Früher tauchten politische Figuren wie Jutta Ditfurth und Helmut Kohl nur in ziemlich unmoralischen Songs auf. Auf dem neuen Album dagegen lebt mit moralischen Stücken wie "Deine Schuld" das Genre der engagierten Musik wieder auf.
Urlaub: Das ist Kant.
"Es ist nicht deine Schuld, daß die Welt ist, wie sie ist. Es wär' nur deine Schuld, wenn sie so bleibt."
Urlaub: Der kategorische Imperativ.
Um einen schlimmen Ausdruck aus den Achtzigern anzubringen: Waren die Ärzte im Grunde ihres Herzens immer schon . . .
Urlaub: Sag nicht Liedermacher.
Liedermacher?
Urlaub: Der Liedermacher war ein aufrechter Einzelkämpfer, der musikalisch eher dürftig bestückt war. Mir fällt Hannes Wader ein, der aufrechte Kommunist aus Norddeutschland. Der konnte übrigens richtig gut Gitarre picken. Aber da seh' ich uns gar nicht.
Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen den Ärzten und Bettina Wegner.
Urlaub: Unsere Hände sind größer!
Bettina Wegner hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen", das heute in Bücherkisten auf Trödelmärkten liegt. Warum stimmen die Lieder der "Ärzte" noch?
Bela B.: Was wir 1984 gemacht haben, haben wir bis heute beibehalten. Und schon damals haben wir uns an älteren Sachen orientiert . . .
Urlaub: Mozart!
Bela B.: . . . wie den "Comedian Harmonists". Wir sind altertümliche Typen.
Bands entwickeln mit zunehmendem Alter oft eine Tendenz zum Enzyklopädischen.
Urlaub: Ist das bei "Status Quo" so?
Die spielen doch auf Volksfesten ihre alten Songs.
Urlaub: Ist das bei "Kiss" so?
Bela B.: Die spielen nicht auf Volksfesten, spielen aber ihre alten Songs.
Ist das neue Album der "Ärzte", deren erstes Doppelalbum "Nach uns die Sintflut" hieß, nicht doch eine Art Arche Noah?
Urlaub: Ich versuche jetzt mal eure Herangehensweise zu beschreiben. Ihr habt das fertige Produkt und überlegt, wieviel Vorgedanke steckt da drin? Und ich glaube, da überschätzt ihr uns.
Also gegen Interpretation?
Urlaub: Sowieso. Das ist "Dancing about Architecture", wie jemand sagte. Es gibt keinen Masterplan für das Doppelalbum. Zu Rockmusik gehört immer noch Unmittelbarkeit. Vor einer Studiozeit gehen wir gerne auf Clubtour. Da wir alle Stücke, egal wie kompliziert sie auf dem Album arrangiert sind, immer zu dritt darbieten, ist das ein Gesundschrumpfen der Gedanken, bevor man ins Studio mit seinen opulenten Möglichkeiten geht. Das ist wichtiger, als den großen Bogen zu spannen.
In "Deine Schuld" funktioniert das ethische Programm der Platte ungebrochen, in "Der Grund" gibt es ein seltsames Störgeräusch.
Urlaub: Der Schrei läßt Raum für eine Interpretation, wie im guten Horrorfilm.
Das Booklet führt auf eine Fährte: Der Schrei ist gleich "Der Grund". So daß man auf eine abschüssige Bahn gerät, daß der Grund das Unausdrückbare ist.
Bela B.: Das Nichtexistente!
Gonzalez: Ja, man gerät auf eine schiefe Bahn.
Es gibt ein wiederkehrendes theologisches Motiv. Gottheiten werden beschworen: der Gott der Rock-'n'-Roll-Musik, Dieter Bohlen, dem man huldigen kann, der Besserwisser als das perfekte Lebewesen . . .
Urlaub: Zarathustra!
. . . also der Mensch, der zum Gott wird. Und dann preist das Lied "Piercing" den "Gott zwischen deinen Schenkeln". Hier wird eine Gottheit vorgeführt, von der gesagt wird, daß man sie schonen und nicht in Ketten legen soll. Eine Gegenfigur zu Christus, denn Christus ist ja der leidende Gott.
Gonzalez: Ja!
Urlaub: Rod sagt ja.
"Die Ärzte" sind dann die neuen Nietzsches. Damit wird das Abendland noch einmal gnadenlos um die Ecke gebracht.
Urlaub: Christus war ja scharf darauf, zu sterben. Über den Umweg seines Körpers hat Christus unsere Sünden vergeben. Der Gott, den man zwischen den Schenkeln trägt, ist halt nicht so ein mächtiger Gott, sondern eher ein kleiner, furchtsamer Gott.
Bela B.: Wir predigen von Anfang an disrespect. Wenn man Sachen nicht respektiert, kann man sie genau betrachten und dann entscheiden, ob man sie respektiert.
Aber trotz allem Nichtrespekt inthronisiert die Hitsingle "Unrockbar" einen Herrscher - nämlich den Rock, der "die Welt regiert".
Urlaub: Das ist ja ein Wunschtraum. Wie die erste Erektion, mit der man sich wünscht, daß man die Mutter . . .
Bela B.: Thors Hammer, um bei Göttern zu bleiben, gegen die Verwurstung von Musik. Die Antwort auf den Casting-Müll ist Rock.
Urlaub: Die ganzen Popstar-Geschichten, die Deutschland sucht, sind ein Fegefeuer. Ein Fegefeuer ist zum Reinigen da. Und danach kommt man halt zum Rock.
Aber wird nicht auch dieser Monotheismus bezichtigt werden, daß er unfrei macht? Daß man mitzuckt in einem Rhythmus?
Urlaub: Wo man mitmuß?
Bela B.: Die Konsumenten, an deren Brieftaschen die Plattenfirmen heranwollen, verweigern sich immer mehr. Deshalb weigern wir uns, einen Kopierschutz auf unsere CDs zu machen.
Es gibt im Stück "Piercing" den expliziten Aufruf zum Dschihad. Besteht da nicht nach der jüngsten Entscheidung aus Karlsruhe die Gefahr, daß "Die Ärzte" nie wieder in einer Realschule auftreten dürfen?
Bela B.: "Dschihad" war zur Zeit der Einspielung der Platte so ein Modewort, und wir brauchten absurde Reime.
Urlaub: Und der Dschihad ist ja nur der umgedrehte Nieser.
Liegt der Aufruf gegen das Piercing nicht ganz auf einer Linie mit dem Kopftuchurteil, das ja auch eine dauerhafte Verkleidung des Körpers als freiheitswidrig sieht?
Urlaub: Ihr dürft eins nicht vergessen: Der Mann, der den Song geschrieben hat, trägt ein Piercing.
Gonzalez: Ja. Und ich bin eigentlich normalerweise verschleiert.
Urlaub: Bei uns ist nichts so, wie es zu sein scheint.
Wobei ja Ironie sozusagen im Grunde auch sozusagen ein Stichwort ist, im Grunde für diese Alternative sozusagen . . .
Urlaub: Du hast jetzt sehr oft "sozusagen" gesagt. Stell die Frage!
Die Frage wäre die Alternative von Sprachkritik und Systemkritik. Selbst der Dschihad wird nur aus Sprachgründen ausgerufen. Und "System" ironisiert eine Sprache des Protests. Wie paßt dazu der neue Klartext?
Urlaub: Sagt dir die alte "Pardon"-Beilage "Welt im Spiegel" etwas? Die habe ich als Kind verschlungen. Bei "System" hast du in der Strophe einen völlig sinnlosen Sprachwitz, der sich nur an sich selber labt, und im Refrain hast du mal eben totale Systemkritik. Ich bin sehr stolz auf das Lied: Es sagt was aus, aber nicht vordergründig.
Wenn man von der Politik wissen will, ob sie wahrheitsgemäß ist, kann man das dann nicht auch bei der Musik fragen?
Bela B.: Die ist natürlich immer wahrheitsgemäß. Es gibt auf der Welt nur eine einzige True Rock Band.
Gonzalez: Welche andere Band gesteht sich ein, daß sie gottverdammte Millionäre sind mit dem Quatsch?
Urlaub: Das Schöne ist, daß es gerade Journalisten, deren Beruf es ist, nach Sinn, Zweck, Hintergrund zu forschen, schwerer fällt, uns auf den Punkt zu bringen, weil wir uns durch Selbstironie, Schatten- und Lichtspiele und Spiegeleien entziehen, als dem einfachen Fan. Der Fan weiß ganz genau: Hier ist ein Liebeslied, wo wirklich gelitten wird, und hier ist ein Liebeslied, wo es nur darum geht, jemandem eine reinzuwürgen. Weil der Fan das Teil losgelegt vom Ganzen betrachtet und trotzdem das Ganze noch gut findet. Das ist dem Journalisten verwehrt. Weil der ja auch da einen Zusammenhang suchen muß, wo es keinen gibt.