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Diana Ross zum Siebzigsten : Den lieben Gott selig mit Popcorn bewerfen

Als Stimme des Trios „The Supremes“ und Aushängeschild des Motown-Labels gehört sie zu den größten Diven der Musikgeschichte: Diana Ross wird siebzig. Bild: dpa

Von schwindelerregenden Motown-Soulhöhen bis ins Disco-Inferno - Diana Ross hat ihren einzigartigen Kurs gehalten und sich dabei immer wieder neu erfunden. Nun wird die Sängerin siebzig Jahre alt.

          Als sie sehr jung und ein kirchliches Chormädchen war, kam die berauschende Klarheit erstmals über sie, in deren sinnlich-heiliger Tonart Diana Ross, zu Detroit als Tochter eines Soldaten und einer Lehrerin geboren, schließlich, kaum fünfzehnjährig, den Popmusikhimmel erobern sollte - für die Plattenfirma Motown und als Leitvögelchen des Nachtigallentrios mit der größten je erlebten Gesamtflügelspannweite, The Supremes.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn dieses Trio in seinen wechselnden Besetzungen der jeweils beste Gin-Limetten-Cocktail seiner Zeit war, dann schenkten dem Zaubertrank Stimmen wie die stürmische Florence Ballard oder die fruchtig-herzliche Cindy Birdsong die Limette, Talente wie die leuchtende Mary Wilson oder die lodernde Barbara Martin den gesalzenen Eiswürfel - Diana Ross aber spendierte, so lange sie dabei war, das Timbre, von dem der allesentscheidende Sommergras-Duft ausging, das Aroma einer Sorte Liebeslikör, das von Millionen durstiger Herzen aufgesogen wurde, als wäre spätestens morgen früh Jüngstes Gericht und ewige Sperrstunde.

          Managergerangel, Ehrgeizhändel, erotische Verstrickungen und psychologische Zerrüttungen umgaben diesen Höhepunkt der jüngeren Kulturgeschichte. Wer heute den Sog aus jenseitiger Sehnsucht in diesseitiges Festhalten hört, der „Stop! In the Name of Love“ heißt, wer die jede leibesmögliche Erfüllung im vorläufigen Verzichtenmüssen vorwegnehmende schwere Süße von „You Can’t Hurry Love“ oder die sexy Ausgeschlafenheit von „Buttered Popcorn“ („Ah, and salty and gooey and sticky“) wiederfindet, muss wohl glauben, dass Menschen vor fünfzig Jahren aus denkendem Konfekt gemacht waren, statt, wie heute, aus Genetik und Sozialdressur.

          Mehr als nur sich selbst darstellen

          Ein Weltstar werden, das ist schnell passiert - es passiert immer schneller und folgenloser -, ein Weltstar bleiben aber, das ist ein Job für Leute, die bei der Selbstdarstellung mehr darstellen können als sich selbst. Diana Ross wusste und weiß, wie das geht - ob 1968 mit atomtesttauglicher Afro-Frisur oder 1980 in Echsenhaut-Jeans auf dem Cover des „Diana“-Albums, ob in dem kurzen, aber ebenso züchtigen wie glamourösen Kleidchen samt weißen Handschuhen, in denen sie auf einem Barhocker zu „Meet The Supremes“-Zeiten jedes Objektiv blindlächeln konnte, oder im glitzerroten Robenwahnsinn der Grande Dame.

          Schöne, gesegnete, interessante Menschen, die es fertigbringen, über mehrere Verwandlungen hin und im Laufe vieler Jahre von einem großen Publikum gleich heftig geliebt zu werden wie im Moment ihres ersten Erscheinens, gibt es in zwei Spielarten. Die einen verwandeln sich immer wieder, damit die Liebe der Fans nicht einschläft; die anderen verwandeln sich immer wieder, um mehr und mehr die zu werden, die jene Liebe eigentlich von Anfang an gemeint hat.

          Sängerin, Schauspielerin, Fernsehproduzentin: Erst 2012 wurde Diana Ross mit einem Grammy für ihr Lebenswerk geehrt.

          Dass Diana Ross zur zweiten dieser beiden Ordnungen zählt, erkennt man vor allem an den nicht unerheblichen Risiken, die sie der inneren Stimmigkeit ihrer Entwicklung zuliebe immer wieder einging. So ließ sie nach Ausflügen in die Schauspielerei und Versuchen als Produzentin von Fernsehshows Ende der siebziger Jahre ihren Vertrag mit Motown auslaufen, um es sich im Amt der Diva nicht zu bequem zu machen - und meldete sich dann mit einem von den Disco-Funk-Genies Nile Rodgers und Bernard Edwards destillierten messerscharfen Blättchenschokosplitter namens „Upside Down“ zurück, der in nur zwei Songzeilen heiter-beiläufig das gesamte Spektrum ihrer Sängerinnenseele durchquerte: „Respectfully I say to thee I know that you’re cheatin’ when no one makes me feel like you do“ - die minneverzückte oder religiös entflammte Anrede „thee“ steht da direkt neben der lässig-straßensmarten Verkürzung des „cheating“ (mit, wie die Phonetik sagt, velar-nasalem Endkonsonanten) zu „cheatin‘’“ (mit alveolarem Endkonsonanten) - der Kontrast zwischen Göttin und Gör, den sie da ausspielt, als wäre er Kleingeld, sagt auch, dass sie sich einfach nimmt, was sie gebrauchen kann, dass sie also nicht etwa die ausführende Sängerin für Rodgers und Edwards ist, sondern diese beiden ihre Zulieferer sind.

          So hielt sie’s auch mit den Gebrüdern Gibb (volkstümlich The Bee Gees), die ihr 1985 den größten Hit ihrer zweiten Karrierehälfte schrieben, „Chain Reaction“ - ein Stück, an dem, weil es die eckig stampfende Radiobombastik der Mittachtziger mit dem Schmelz des Spätsiebziger-Stils der Gibbs auf recht gewaltsame Art zusammenzwingt, heute beim Wiederhören eigentlich nichts mehr stimmt - außer eben die Stimme von Diana Ross, weil sie genialerweise den dummen Sound, der mit seinen Imponierbreitseiten einen Gesang zu fordern scheint, der jedes zartere Empfinden wegdrückt, verblüffend schlicht-liedhaft-verspielt unterläuft und den ganzen lästigen Over-The-Top-Blödsinn so mit der Wärme und Würde einer auf zahlreichen Konzertreisen zwischen Jazz und Soul ausgereiften edlen Schönheit auflöst, als wär’ das, so graziös es ist, ganz selbstverständlich. An diesem Mittwoch wird Diana Ross siebzig Jahre alt.

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