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Deutschlands Liedermacher : Wortmörder ahoi!

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Aber sind unpolitische Lieder nicht immer schon böse Lieder? Die scheinbar überholte Frage, die für die deutsche Spielart des Genres steht, ist offenbar immer noch offen. So klagte Dieter Dehm, der als Liedermacher seit den sechziger Jahren den Namen „Lerryn“ trägt und seit September 2005 für die Linkspartei im Bundestag sitzt, nicht nur über eine „Ausgrenzung linker Lieder“ durch „Zensur“. Er bezeichnete ein Lied über den Himmel, das nicht zugleich amerikanische Bomben besänge, zugleich als „schreiendes Schweigen zum Unrecht“. Die Wiederaufnahme von Brechts Verdikt, in Kriegszeiten sei „ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen“, wirkte gerade im Fall von Dehm verwunderlich - denn Dehms größte Erfolge waren die Liedtexte zu Klaus Lages Fetenhit „1000 Und 1 Nacht (Zoom!)“ und zum von der holländischen Alternativcombo „Bots“ vertonten Trinklied „Was sollen wir trinken?“, das jetzt in einer Technofassung von „Scooter“ das Eimersaufen auf Mallorca rhythmisiert. Aber das Lied ist halt kein durch Inhalte determinierbares Medium: Schließlich existierte selbst das Horst-Wessel-Lied in den zwanziger Jahren in einer linken Frühfassung, bei welcher die Worte „SA“ und „Rotfront“ schlicht gegeneinander ausgetauscht waren.

Der von den meisten anwesenden Liedermachern am Ende unterzeichnete „Tutzinger Appell“, in welchem sie unrealistischerweise mehr Sendezeiten für ihre Stücke in Radio und Fernsehen fordern, widerspricht dem Grundgedanken des Liedermachertums, das von der Einsamkeit des Sängers mit der Gitarre handelt und keine subventionierten Sendeplätze zur Hauptsendezeit benötigt. Wie alle Kulturgüter muß sich auch die Liedermacherei neue Formen, neue Kanäle und neue Inhalte suchen, wenn sie weiterexistieren will.

Wenn man den Hahn abdreht

Das Abschlußkonzert gab einen interessanten Überblick über die Weiterentwicklungen, aber auch über die Verwandlungen und Schwundstufen des historischen Genres. So standen auch Schüler aus Christof Stählins Nachwuchsschmiede auf der Bühne - etwa Martin Sommer, ein blasser Knabe von sechsundzwanzig Jahren, der sein Erweckungserlebnis mit zwölf Jahren durch die Platten von Heinz Rudolf Kunze erfuhr und nun Texte singt wie: „Wieviel Wasser muß den Bach noch runtergehen, bis man versteht, daß nichts mehr geht, wenn man den Hahn abdreht?“

Dota Kehr, ebenfalls eine Schülerin von Stählin, gab dem ganzen Komplex eine angenehm fremde Note, indem sie ihre witzigen Texte mit Bossa-Akkorden unterlegte - ihr merkte man die Schule der Straßenmusik an. Stählin selbst sang eine schöne Ode an die Zypressen, Ulla Meinecke ein Trostlied für Männer, und Konstantin Wecker gab am Flügel eine verspielte Ballade. Dann gab es einen Liedermacher zweiter Ordnung wie Götz Widmann, der einen Politsong über „Jesus und Stoiber“ vortrug, oder einen herzerfischenden Blueser wie Stefan Stoppok.

Trotzdem wirkte es am Ende auch ein bißchen wie eine Befreiung, als Bernd Begemann, der Elektroliedermacher aus der Hamburger Schule, seine Gitarre in den Verstärker einstöpselte und damit jene Geste vollzog, an der das deutsche Liedermachertum seine Grenze findet. Begemann trat wie immer ordentlich gekleidet mit weißem Sakko und orangefarbener Krawatte an. Witzigerweise bewies Begemanns Auftritt, daß der Wille zum Stil keineswegs den „emotionalen Kern“, den Begemann zuvor in der Diskussion als Merkmal eines guten Songs beschrieben hatte, zum Schmelzen bringt: Der Song „Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern“ mit Zeilen wie „Ich bin ein Fremder in deiner Wohnung“ gehörte zu den herzerweichendsten Augenblicken auf der Tutzinger Tagung. Manchmal ist Coolness der einzige Weg, zum Kern der Dinge vorzudringen.

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