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Der Rapper Yung Hurn : Schneeflocken im Kopf

  • -Aktualisiert am

Seit jeher hat Yung Hurn hyperempfindliche Stilsensoren. Bild: Lukas Ganster

Bei dem Österreicher Yung Hurn weiß man nie so genau: Ist es wichtiger, Rapper zu sein als zu rappen? Ist das Schwachsinn – oder Wiener Schmäh? Eine Suche nach Antworten auf seinem ersten Album „1220“.

          Vor kurzem erzählte Fler in einem Interview, wie er mal Yung Hurn im Grill Royal traf. Yung Hurn saß da mit einer Frau, die aussah „wie so eine verrückte Mode-Designerin“, und Fler, erfreut darüber, den Rapper aus Wien in seinem, Flers, „Wohnzimmer“ zu sehen, ging also an den Tisch der beiden und fragte: „Man, was machst du hier?“

          Yung Hurn antwortete: „Ich esse.“

          Er habe dann überlegt, ob er ihn schlagen solle, erzählte Fler, aber der Laden sei voll gewesen und schließlich sein Wohnzimmer, und überhaupt habe er gemerkt, der Arme sei kleben geblieben oder von einem anderen Planeten.

          Selbsttätowierter Milchbub aus Österreich

          Und das sind ja wirklich so die zwei Optionen, die sich mit jedem neuen Video von Yung Hurn ergeben. Nimmt da ein selbsttätowierter Milchbub aus Österreich einfach einen Haufen Drogen, tippt irgendeinen Schwachsinn ins Handy (Hier mal ein Beispielrefrain vom neuen Album: „Aber mir geht’s gut, gut, gut, gut, gut, gut, gut“), und absolut alle, vom Identitären Martin Sellner bis zum Großschauspieler Lars Eidinger, feiern es, wegen Verweigerungshaltung, der neue Punk, Kunst? Oder stimmt, was jene Yung Hurn-Fans behaupten, die keine komplexe Rechtfertigung heranziehen, nämlich dass ihr Süssiboi schlicht früher als alle anderen auf der Deutschrap-Erde verstanden hat, dass Texte keinen Inhalt brauchen, solange sie Klang haben, und es einfach sehr gut klingt, wenn jemand mit Wiener Schmäh „Lalala, lalala, lalalalalalalalalalalaaa“ nuschelt (weil mit Wiener Schmäh alles sehr gut klingt), was sicher kein Schwachsinn ist, sondern Dadaismus, also Kunst?

          Yung Hurn live in Österreich

          Seit seinem Durchbruch mit „Nein“ vor drei Jahren hat Yung Hurn auf gruselerregende Weise alles richtig gemacht. Er hat die meisten Interviews abgelehnt, sodass er nie wegen Omnipräsenz nervte oder den Level an Erfolg erreichte, ab dem ihn Auskenner nicht mehr gut finden konnten. Zugleich schrieb er so bösartig eingängige Hooks, dass sich dazu die HR-Abteilung auf dem Oktoberfest die Bierschaumfetzen aus den Mundwinkeln leckte. Weil er seine Musik als Mixtapes verschenkte, konnte er auf Vetements-Modeschauen auftreten und durch Zalando-Werbespots laufen, und trotzdem galt er weiter als Kommerzverweigerer, als Rebell, soweit man eben 2018 als Rebell gelten kann. Unter Einsatz des Wanda-Effekts – so peinlich über Kitschiges (Sex, Liebe) singen, bis der Kitsch unpeinlich wird – widerlegte er mit der „Love Hotel“-EP sogar das Naturgesetz, wonach kein Mensch zu deutschsprachiger Musik erotische Dinge tun kann.

          Er macht so viel richtig, dass es fast nervt

          Nun also erscheint „1220“, benannt nach der Postleitzahl von Yung Hurns Heimat, der Donaustadt, dem 22. Bezirk in Wien. Worin genau sich das erste richtige Album von den vorangegangenen EPs und Mixtapes unterscheidet? Keine Ahnung, jedenfalls nicht durch außergewöhnliche Länge. Eine gute halbe Stunde dauert „1220“. Von den ersten sieben Liedern sind sechs als Singles erschienen, die erste im August 2017. Ein bisschen Wiedererkennung erfreut, aber dann doch nicht so viel, zumal man ja auch innerhalb der Songs ständig wiedererkennt, weil eine Zeile der Zeile davor gleicht und die der Zeile davor.

          Dabei macht Yung Hurn wieder so viel richtig, dass es fast nervt. Mit „Ok Cool“ hat er nach „Nein“ die andere grundlegende Haltung vertont, mit der man der Welt gegenübertreten kann, ein Song, von dem man denkt, dass Yung Hurn ihn wirklich bis aufs Letzte von Inhalt bereinigt hat, nur damit aus den auch erst mal sinnlos erscheinenden Lines „Mach die Tür zu, wer hat eine Karte jetzt? / Gib dein Handy, Linien – Zebra / Irgendwer ruft an, Handy läutet / Oben steht ‚Mama’, bitte mach schnell, schnell“ dann doch wieder ein ultrakonkretes Bild entsteht: Wie ein paar, logisch, sehr gut aussehende, junge Menschen im Klo Koks vom Display eines iPhones ziehen und plötzlich die Mutter auf dem Handy anruft – das könnte auch die erste Szene einer Netflix-Serie sein.

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