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Brian Eno wird 70 : Verweigerer der Langeweile

Brian Eno als gefiederter Elektroniker von Roxy Music, 1973. Bald darauf ließ er Band und Kostüme hinter sich. Bild: www.fotex.de

Popmusik besteht nicht nur aus Instrumenten und Gesang: Zum größten Teil setzt sie sich aus Entscheidungen und Fehlern zusammen. Brian Eno, der heute siebzig wird, hat sie erlebt.

          Popmusik setzt sich nicht aus Gitarre, Bass, Schlagzeug, Tasten und Gesang zusammen, sondern aus Entscheidungen und Fehlern. Auf der Suche nach der Magie, von der Popmusik lebt, entscheiden sich die einen zum Beispiel dafür, das komplette Gegenteil von dem zu tun, was alle anderen gerade tun. Und die anderen stehen im Probenraum herum und warten darauf, dass sich endlich jemand verspielt: wie Steven van Zandt, der Gitarrist von Bruce Springsteen, der sich nicht an die Noten hielt, die sein Boss ihm vorgegeben hatte, und so das unsterbliche Riff von „Born to Run“ schuf.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Brian Eno, der heute siebzig Jahre alt wird, ist immer ein Mann der Entscheidungen gewesen. Und wenn er einen Fehler machte, dann folgte das meistens einem Plan. Zum Beispiel hat Eno sich in den späten Sechzigern, als Virtuosität ein großes Ding unter Popmusikern zu werden begann, dazu entschieden, eine Karriere als Popmusiker zu machen, ohne überhaupt ein Instrument ordentlich zu beherrschen. Auf der Kunsthochschule im englischen Ipswich hatte er noch mit Kassettenrekordern herumgespielt, bei Roxy Music dann, sicher eine der einflussreichsten Bands der siebziger und achtziger Jahre, stand er im Fummel an den Synthesizern – und bediente sie nach Intuition. Also nicht so wie die Virtuosen Keith Emerson oder Rick Wakeman, sondern eher: wie ein Kind.

          Nach zwei Alben entschied Brian Eno sich dann, die Band wieder zu verlassen – da war zu viel Ego auf engstem Raum, das andere gehörte Bryan Ferry – und allein weiterzumachen. Erst mit Glamrock, wie ihn auch Roxy Music gespielt hatten, dann aber immer elektronischer. Als Nächstes entschied sich Eno, nicht mehr zu singen, was schade war, genau wie die Entscheidung gegen Fummel, Schminke und Federboa, die etwas früher schon gefallen war: weil er eine Stimme aus kaltem Metallic besitzt, die Enos wenigen Hits aus dieser Zeit (wie „Dead Finks Don’t Talk“ von „Here Come the Warm Jets“ von 1973 oder „St. Elmo’s Fire“ von 1975) eine intelligente Lässigkeit verliehen hatte.

          Klüger und reicher

          Aber Eno hatte sich auf einen anderen Weg gemacht. Und der führte weg von den Traditionen dieser noch sehr jungen Kunstform Popmusik. Eno zog auf diesem Weg kurzzeitig den Superstar David Bowie mit sich, der nicht nur elektrisiert von seinen Experimenten war, sondern ihm auch noch das Verstummen nachmachte: Bowie sang dann auf „Low“ und „Heroes“ auch nicht mehr. Diese ersten Platten, die Eno und Bowie gemeinsam aufnahmen, bald als Bewohner West-Berlins, gelten bis heute als Kern aller intelligenten Popmusik. Ohne Enos Arbeit am Synthesizer würde es Bowies Hymne „Heroes“ nicht geben.

          Auf der dritten Platte der beiden aber, „Lodger“, hatte es Eno dann zu weit mit den Entscheidungen getrieben: Er stand in einem stickigen Studio in Montreux und zeigte mit einem Stock auf Noten an einer Tafel, Bowies Band sollte springen – und muckte auf. Das markierte zwar das vorläufige Ende der Zusammenarbeit mit Bowie, der auch keine Lust mehr auf forcierte Experimente hatte, zugleich aber den Anfang von Enos Karriere als Produzent: Mit den Talking Heads und Ultravox hat er genauso gearbeitet wie mit Coldplay und U2, Mitte der neunziger Jahre war er dann sogar wieder mit Bowie im Studio („Outside“). Und immer wieder hat er sich auch für die eigene Musik Partner gesucht, wie Robert Fripp, den Gitarristen von Bowies „Heroes“, David Byrne von den Talking Heads, Jah Wobble, zuletzt Karl Hyde.

          Niemand, der sich gern langweilt, würde man denken. Aber zu dieser Verweigerung der Langeweile gehörte eben nicht nur der frühe Fummel, sondern immer auch die Umarmung der neuesten Technologien. Im Pop hat Eno den Fortschritt selbst vorangetrieben, mit einer Wachheit, die andere Stars seiner Generation eben nicht besaßen. Und davon zehrt Brian Eno, der inzwischen natürlich auch hier und dort Professuren innehatte, der für Microsoft die berühmte Erkennungsmelodie schrieb und fast die Hymne für die Fußball-WM 2006 und der kürzlich noch eine Klanginstallation im Berliner Gropius-Bau zeigte, bis heute. Was er tat, ob als bildender Künstler oder Musiker, folgte immer einem Plan, der sich dann, weil an seiner Umsetzung Menschen beteiligt waren, verselbständigte und ein Eigenleben entwickelte. Am Gehirn hing bei ihm immer ein Körper dran, der sich bewegen wollte.

          Dass er im vergangenen Sommer das Berliner Festival „Pop Kultur“ boykottierte, weil ein israelischer Künstler einen Reisekostenzuschuss von der israelischen Botschaft in Berlin erhalten hatte, war ausnahmsweise einmal überhaupt keine gute Entscheidung von Brian Eno. Seine vielen anderen, richtigen Entscheidungen aber haben die Popmusik klüger und reicher gemacht.

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