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Harry Belafonte wird neunzig : Bürgerrecht auf Calypso

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Wer in ihm nur den gefälligen Unterhaltungskünstler sieht, irrt sich gewaltig: Harry Belafonte, hier bei einem Konzert in Frankfurt 2003. Bild: dpa

Wer ihn für einen harmlosen Sonnyboy hält, unterschätzt ihn: Zum neunzigsten Geburtstag des subversiven Sängers, Schauspielers und Entertainers Harry Belafonte, der trotz seines Ruhms nie den Star herauskehrte.

          Das haben sich die Ausrichter des Konzertes „Für den Frieden der Welt“ damals – 1983 in Ost-Berlin – wohl ganz anders vorgestellt. Als Zugpferd für die Veranstaltung der FDJ gegen die „Aggression der Nato“ hatte man neben dem coolen Rocker Udo Lindenberg auch den amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten und Sänger Harry Belafonte eingeladen. Der aber erteilte den Einäugigen beider politischer Lager schon bei der Pressekonferenz vor dem Konzert im Palast der Republik eine schallende Lektion. Einen Tag zuvor hatten amerikanische Truppen unter Hinweis auf prokubanische Entwicklungen die Karibikinsel Grenada besetzt. Frage eines westlichen Journalisten bei der Pressekonferenz: „Mister Belafonte, was sagen Sie zu dem Einmarsch Ihrer Landsleute in Grenada?“ Belafonte: „Ich verurteile die Präsenz der Amerikaner in vielen Teilen der Welt und ebenso die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion.“ Den Mitgliedern der FDJ verschlug es die Sprache wie den Redakteuren vom „Neuen Deutschland“, die tags darauf in ihrem Blatt lieber über das kollektive Absingen von „We Shall Overcome“ berichteten, statt die Pressekonferenz zu erwähnen.

          Man hätte es wissen können. Harry Belafontes Calypso war nie ohne Aufruf gegen Gewalt, welcher Provenienz auch immer, zu haben gewesen. Der strahlende Beau aus den schäbigen Mietskasernen von Harlem, Spross bitterarmer, illegaler Einwanderer aus Martinique und Jamaika, wo er selbst ein paar Jahre seiner Kindheit verbrachte, war nicht umsonst von Erwin Piscator an der New School for Social Research in New York zum Schauspieler ausgebildet worden. Das Bewusstsein für die Nöte der „People of Colour“ in der amerikanischen Gesellschaft hat ihn immer begleitet, und nur die Tauben unter den Blinden haben seine Lieder, die er mit seiner attraktiven, stets heiseren Stimme vortrug, als pure Happy-Go-Lucky-Folksongs missverstanden. Unter dem Echo des „Day-O Day-ay-ay-O“ des Banana-Boat-Songs wäre schon in den fünfziger Jahren – wenn man gewollt hätte – das Ächzen der schlecht bezahlten Hafenarbeiter herauszuhören gewesen. Aber Ahnungslosigkeit gab es auch schon bei Louis Armstrong, dessen stets gezücktes Schweißtuch man fälschlicherweise für eine weiße Fahne der Kapitulation des Jazzgiganten vor den Auswüchsen des niederen Entertainments hielt.

          Ein bequemer Zeitgenosse ist er nie gewesen

          Harry Belafonte war der erste Afroamerikaner, der einen Emmy für eine eigene Fernsehsendung erhielt, und der erste Künstler überhaupt, der mehr als eine Million Schallplatten verkaufte – noch vor Elvis und all den Großen des Pop-Business. Aber der kommerzielle Erfolg hat den Mann nicht korrumpiert, der seine musikalische Karriere als Jazzsänger in den vierziger Jahren im legendären Royal Roost, dem Geburtsort des Cooljazz von Miles Davis, und im Village Vanguard von New York begann. Neben den mit Anstand und Feingefühl gesungenen farbenfrohen Liedern vom Sonnenuntergang am Meer und von den wehenden Röcken einer mit seinem Geld klammheimlich nach Venezuela geflüchteten „Matilda“ hat er sich immer sozial engagiert und Martin Luther King auf seinen Rallyes für die Bürgerrechte von Selma nach Montgomery begleitet.

          Er hat bei gemeinsamen Auftritten mit Petula Clark ganz nebenbei die Apartheid-Schranken des amerikanischen Fernsehens durchbrochen und „The Long Road to Freedom“ veröffentlicht, eine klingende Anthologie der afroamerikanischen Kultur von den Ursprüngen in der Ashanti-Musik Westafrikas bis zu den Spirituals und Plantagen-Songs aus Louisiana. Ein bequemer Zeitgenosse und tumber Tor der gehobenen Unterhaltungsbranche ist Harry Belafonte nie gewesen, auch nicht in Filmen Hollywoods wie in Otto Premingers Bizet-Adaption „Carmen Jones“, in Robert Altmans „Kansas City“ oder in „Odds Against Tomorrow“, einem Thriller mit rassistischen Untertönen von Robert Wise.

          War schon immer politisch: Harry Belafonte mit seiner damaligen Frau Julie Robinson bei einem Besuch Nelson Mandelas in Pretoria 1999.
          War schon immer politisch: Harry Belafonte mit seiner damaligen Frau Julie Robinson bei einem Besuch Nelson Mandelas in Pretoria 1999. : Bild: dpa

          Mit all seinen künstlerischen Taten war Harry Belafonte auch deshalb erfolgreich, weil er so unprätentiös daherkam, nie den Star herauskehrte, der er eigentlich war, und sein gewinnendes Sunnyboy-Image stets mit einer überzeugenden humanen Haltung in Einklang brachte, die allen Widrigkeiten zum Trotz Optimismus verbreitete. Als Sänger ist er schon lange nicht mehr aktiv, das öffentliche Geschehen in Amerika aber verfolgt er immer noch mit hoch aufgerichteten Antennen. Erst kürzlich hat er im amerikanischen Politmagazin „Democracy Now“ neben Noam Chomsky den amerikanischen Präsidenten scharf attackiert und dazu aufgerufen, durch zivilen Ungehorsam das Land für Donald Trump „unregierbar“ zu machen. „Ich helfe den Leuten, die Dinge anders zu sehen“, so hat er früher einmal hintersinnig bescheiden seine Aufgabe beschrieben. Die Hilfe scheint nötiger denn je, auch in seinem Alter von neunzig Jahren, das er heute erreicht hat.

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