16.01.2006 · In Dresden starteten „Depeche Mode“ ihre Europa-Tournee. Ein unüberraschend grandioses Konzert - schließlich war schon vorher bekannt, daß die britische Band live unübertroffen ist.
Von Andreas PlatthausIm Dresdner Schauspielhaus hatte am Freitag abend ein Musical Premiere, sein Titel lautet „Hartz IV“. Im Saal wird sich das übliche Premierenpublikum der deutschen Bühnen befunden haben: gesetztes Bürgertum, auf den günstigen Plätzen Studenten, das Ganze bei Eintrittspreisen bis zu sechsundzwanzig Euro. Gleichzeitig versammelten sich in Halle 1 der Dresdner Messe zwölftausend Zuschauer zum Auftakt der Europa-Tournee der britischen Band „Depeche Mode“ - zu Kartenpreisen von einheitlich fünfundfünfzig Euro. Darunter werden sich mehr Hartz-IV-Empfänger befunden haben, als das Schauspielhaus jemals sehen wird. Man hörte von Besuchern, die sich das Geld für den Eintritt hatten leihen müssen. Aber dieses Ereignis wollte niemand verpassen.
„Depeche Mode“ zählten in DDR-Zeiten zu den in oppositionellen Jugendkreisen kultisch verehrten Gruppen, denn in ihrer durch düstere Elektrosounds und Industrieklänge geprägten Frühphase boten sie nicht nur musikalisch ein neues Erscheinungsbild, sondern sie stellten in ihrer konsequent schwarzen Kleidung und dem seltsamen Mix aus androgynen und virilen Bandmitgliedern einen ästhetischen Gegenentwurf zur politisch verordneten Biederkeit der Jugendkultur dar. Als sie noch vor dem Fall der Mauer, 1988 in Ost-Berlin, ein einziges Konzert in der DDR geben durften, prägten „Depeche Mode“ damit die dortige Alternativszene so stark, daß die Gothic-Szene, die wesentlich aus dem Elektropop der Achtziger entstanden ist, noch heute in Ostdeutschland ihre wichtigsten Zentren hat.
Eingeschworene Anhängerschaft weiter gewachsen
Allerdings hätte es diesen speziellen Aspekt der Band-Geschichte nicht gebraucht, um die Dresdner Halle zu füllen. „Depeche Mode“ ist es im Verlauf eines Vierteljahrhunderts gelungen, eine eingeschworene Anhängerschaft zu gewinnen, die immer weiter gewachsen ist. So ist das für eine Veteranenband - und anders kann man die drei verbliebenen Mitglieder der ursprünglich fünfköpfigen Gruppe nicht nennen - höchst ungewöhnliche Phänomen zu erklären, daß der Altersschnitt in der Halle niedriger liegen dürfte als das Alter der Band selbst. Der Nimbus von Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher als Vertreter einer alternativen Rockmusik bleibt ungebrochen, obwohl „Depeche Mode“ von Beginn an zu den kommerziell erfolgreichsten Vertretern der gesamten Zunft zählten. Das runde Dutzend Konzerte in Deutschland ist seit Monaten restlos ausverkauft; der „schwarze Schwarm“, wie die Band den harten Kern ihrer gleichfalls meist dunkel gewandeten Zuschauer liebevoll nennt, reist seinen Idolen in bedingungsloser Treue voraus. In Dresden stehen die ersten morgens um acht in klirrender Kälte vor der Halle, um am Abend einen vorderen Platz zu ergattern.
Wer eine Vorstellung von der Atmosphäre eines gelungenen Rockkonzerts bekommen will, der muß sich einmal zwischendurch aus dem vorderen Gedränge in die abgelegenen Bereiche begeben. In Dresden begegnet man kurz vor dem Ende des Konzerthauptteils, als mit „Personal Jesus“ ein gerade mal sechzehn Jahre altes Lied gespielt wird, in dem nicht nur Johnny Cash einen der großen Klassiker der Songwriter-Kunst erkannt hat, je weiter es von der Bühne weggeht, immer mehr wie in Trance Tanzenden, Springenden, Klatschenden - ja, es scheint, als hätte sich hier der „schwarze Schwarm“ zu einem Happening versammelt, auf dem die Teilnehmer einander vehementer feiern als die Band hundertfünfzig Meter weiter. Die Verehrung der „Depeche Mode“-Fans galt immer schon eher bestimmten Klängen als den Musikern selbst: den charakteristischen Sirenen, mit denen „A pain that I'm used to“ das Konzert eröffnet, die elektronischen Hammerschläge oder die ausschließlich dunkel gestimmten Akkorde, die wie ein immerwährendes Glockenspiel wirken.
Ein Konzert von „Depeche Mode“ hat dadurch stets den Charakter einer Massenbeschwörung, die beschränkte, aber wirkungsvolle Zahl von Posen, die Sänger Dave Gahan zur Verfügung stehen, trägt entscheidend dazu bei, daß hier eine messianische Stimmung entsteht, die im rasch halbnackten Gahan Prediger, Verführer und Schmerzensmann zugleich feiert. Was er für „Depeche Mode“ bedeutet, geht weit über seine markante Stimme hinaus: Er ist der Rock-'n'-Roller der Gruppe.
Sänger mit nachtschwarzen Flügeln
Deren Kopf aber ist Martin Gore, der sich an diesem Abend ein Paar nachtschwarze Flügel umgeschnallt hat - er setzt den Titel der jüngsten Platte, „Playing the Angel“, in die Tat um. Von Gore stammen bis auf eines (“Suffer Well“) sämtliche Stücke des Abends, und wenn er auch selbst bei „Damaged People“, einem der drei Lieder, die er selbst singt, vollkommen indisponiert erscheint, so hat er sofort danach mit dem zweiten, „Home“, die ganze Halle wieder im Griff. Mehr als das: Gahan überläßt ihm nach anderthalb Stunden auch das erste Stück des Zugabenteils, und der blondgelockte Höllenengel macht aus „Somebody“ eine Himmelshymne, die die Messehalle in ein Flammenmeer von Feuerzeuglichtern verwandelt. Kaum zu glauben, daß es noch so viele Raucher gibt.
Zuvor war auf einen großen Block mit Titeln der neuen Platte Hit auf Hit gefolgt, bis der reguläre Teil mit „Enjoy the Silence“ abgeschlossen wird. Zu diesem Zeitpunkt beherrschen „Depeche Mode“ jede Nuance der Publikumsreaktion - so weit, daß Gahan bei dem Lied, das die Stille feiert, den Gesang einstellt. Und wie zum performativen Widerspruch singt die Halle für ihn: „Words are very unnecessary, they can only do harm.“
Am wirklichen Schluß, nach fünf Zugaben und genau zwei Stunden, steht ganz explizit die Überwindung all des alten Schmerzes, den sich Gore und Gahan während fünfundzwanzig Jahren in ihrem immerwährenden Streit zwischen grauer Eminenz und Aushängeschild zugefügt haben: Gahan singt „Goodnight Lovers“, das einzige Stück, das auf dieser Tournee von „Exciter“, der Vorgängerplatte zu „Playing the Angel“, noch übriggeblieben ist. Und er tut es Seite an Seite mit Gore, am Schluß gar im Duett, „like all soul sisters and soul brothers“, wie es im Lied heißt. Ein unerwartet harmoniesüchtiger Ausklang eines unüberraschend grandiosen Konzerts. Es war schon vorher bekannt, daß „Depeche Mode“ als Live-Band unübertroffen sind.
Weitere Auftritte von Depeche Mode in Deutschland:
Montag, 16. Januar: Color Line Arena, Hamburg
Mittwoch, 18. Januar: Velodrom, Berlin
Freitag, 20. Januar: LTU-Arena, Düsseldorf
Samstag, 21. Januar: LTU-Arena, Düsseldorf
Dienstag, 24. Januar: Messehalle, Erfurt
Donnerstag, 26. Januar: Festhalle, Frankfurt
Dienstag, 14. Februar: Olympiahalle, München
Mittwoch, 15. Februar: Olympiahalle, München
Donnerstag, 9. März: Schleyerhalle, Stuttgart
Freitag, 10. März: Messehalle, Friedrichshafen
Samstag, 11. März: SAP Arena, Mannheim
Freitag, 2. Juni: Volkspark Dutzendteich, Nürnberg
Sonntag, 4. Juni: Nürburgring, Nürburg
Montag, 5. Juni: Weserstadion, Bremen
Mittwoch, 12. Juli: Waldbühne, Berlin
Samstag, 15. Juli: Festwiese, Leipzig
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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