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Robert Fripp zum Siebzigsten : Ein ziemlich freier Mensch

Robert Fripp in New York, 1986 Bild: Getty

Der Rockgitarrist Robert Fripp, bis heute die einzige Konstante der Band King Crimson, wusste mit guter Arbeit immer ein leuchtendes Beispiel zu geben. Darum darf man ihm zum Siebzigsten jetzt auch mal so richtig heimleuchten.

          Robert Fripp machte immer etwas anderes. Er löste Gruppen auf, weil sie erfolgreich wurden oder ihm zu einfach. Oder er bot an, sie zu verlassen, worauf die anderen sagten, er sei doch der Einzige, der wirklich dazugehöre, und lieber selbst gingen, wogegen er auch nichts hatte. Er nahm keine Drogen, vielleicht war er damals, um 1970, der einzige Gitarrist von Weltrang, für den das galt. Auf der Bühne spielt er im Sitzen und als Linkshänder mit der Rechten. Die Band King Crimson, deren einziges Dauermitglied er war und ist, entstand nach einer Anzeige, in der die Brüder Giles einen singenden Keyboarder suchten. Fripp, der weder Klavier spielte noch sang, bewarb sich. Ende 1968 wurde King Crimson gegründet, ein Jahr später war die Band weltberühmt.

          Berühmt wofür? Für alles und sein Gegenteil. Es war die Zeit, als ein Rocksong am besten lang war, dem Beatles-Erbe das Tanzen auszutreiben hatte und zu beweisen, dass Rockmusik ohne Bluesgedächtnis nicht nur möglich ist, sondern wünschenswert sein kann. Irgendein Blödmann hat das dann „Progressive Rock“ genannt, wobei aber nicht unbeobachtet blieb, dass der progressive Rock genau eines nicht tat: fortzuschreiten. Er änderte sich nur dauernd. Die Stücke von „King Crimson“ dauerten mal fünfzig Sekunden und dann wieder dreiundzwanzig Minuten, sie erzählten von Mythen, dem Teufel - zu dem eine besondere Beziehung haben müsste, wer zu ihnen tanzen wollte - und dem Mittelalter, Hallensportarten und Katzenfutter. Man könnte von reiner Poesie sprechen. Die besten Texte schrieb eine Zeitlang Richard Palmer-James, der gar nicht mitspielte. Man könnte von hocharbeitsteiligem Virtuosentum sprechen. Oder von der Freude an Unbekanntem. Wenn die Lieder von Träumen handelten, hießen sie „Prince Rupert Awakes“, und genauso paradox war „Three of a Perfect Pair“, das natürlich von vier Musikern gespielt wurde. Zu den schönsten Stücken der Band gehört ein unfassbar melancholisches Lied über Rembrandts „Nachtwache“, das so anfängt, wie Rocksongs eigentlich aufhören, mit zitterndem Becken, sich verlierender Gitarre und ausklingender Violine. Was immer man anders machen konnte, machte Fripp.

          Die Gruppen in und mit denen er spielte, hießen: The Ravens, The League of Gentlemen, The Majestic Dance Orchestra, Centipede, Matching Mole, No Man, The League of Crafty Guitarists, G3, Porcupine Tree. Wir haben längst nicht alle erfasst. Er spielte mit Van der Graaf Generator, David Bowie und Blondie, mit Brian Eno und Peter Gabriel, mit Keith Tippett und mit Cheika Rimmitti. Seine Innovationen am eigenen Instrument sind zahllos, sein Stil sehr am Jazz und an dem orientiert, was er „Konzertmusik“ nennt. Dass ihn eine ewige Bestenliste des „Rolling Stone“, die von der üblichen Blues-Mafia dominiert wird, nur an Platz 62 führt, erschließt sich als Witz erst, wenn man weiß, dass Mark Knopfler dort auf Platz 44 steht und Eric Clapton an 2.

          Mit jedem neuen Album änderte sich durch Robert Fripp der Stil von King Crimson, was auch ein Grund für den hohen Verschleiß an guten Musikern war. Einen Höhepunkt bildeten die Alben „Larks’ Tongues In Aspic“ (1973) sowie „Starless And Bible Black“ (1974), das überwiegend aus Live-Aufnahmen bestand, die - siehe oben unter: anders machen - so lange bearbeitet wurden, bis sie nach Studioaufnahmen klangen. Im Jahr 1974 wurde die Band auch aufgelöst. 1981 von Fripp neu gegründet, 1984 wieder aufgelöst und 1994 wieder neu gegründet, 1997 zerlegte sie sich in kleinere Gruppen (die von Fripp so benannten „ProjeKcts“), um 2000 abermals neugegründet zu werden, was nur bis 2004 hielt, aber 2007 wurden King Crimson erneut gegründet und 2012 beendet, doch ein Jahr danach waren sie wieder da, genauer: Fripp war wieder da. Im Vergleich zu ihm sind Unternehmer passive Typen; wenn Freiheit wirklich heißt „eine Sache beginnen“, dann handelt es sich bei Robert Fripp um einen ziemlich freien Menschen.

          Nebenbei hat er eine Gitarrenschule gegründet und, mitunter zusammen mit seiner Schwester Patricia, einer Rhetorikerin, Vortragsabende gegeben, bei denen er sich über Musikkritiker lustig machte, indem er ihre Texte kommentierte und die schlimmsten Sachen, die sie über ihn sagten, als Lob interpretierte. Über Musik gibt es von ihm zahllose Aphorismen zwischen Weisheit, Banalität und Witz: „Musik ist der Becher, der den Wein der Stille enthält. Töne sind der Becher, wenn er leer ist. Geräusche, wenn er zerbrochen ist.“

          Darüber kann man lange nachdenken, aber zum siebzigsten Geburtstag von Robert Fripp, der an der Südwestküste Englands zur Welt kam, kann man am kommenden Montag auch noch etwas Besseres tun: sich „The Night Watch“ anhören und seine erste Zeile durch das Werk dieses äußerst außergewöhnlichen Künstlers bestätigt finden: „Shine, shine, the light of good works shine“.

          Quelle: F.A.Z.

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