17.04.2007 · Wir haben die Zukunft des Rock gesehen. Nein, kleiner Witz. Es war nur „Deerhoof“, ein Postrock-Trio mit Einheits-Avantgarde. Zum Glück gab es eine Vorband, ein Duo, das auch noch nur zur Hälfte auf die Bühne kam - und überzeugte.
Von Klaus UngererWir haben die Zukunft des Rock 'n' Roll gesehen. Nein, kleiner Witz. Der Rock 'n' Roll kennt keine Zukunft, er findet im Hier und im Jetzt statt, seine Vergangenheit aber wächst und schwillt und hängt schwer dran an ihm. Was tun? Wie noch auf Bühnen schreiten, eine Gitarre im Anschlag, Sticks in der Hand? Marschieren die Gespenster aller peinlichen und oberpeinlichen Rock-'n'-Roll-Monster mit auf, die aus dem Aufbruch einer Jugendkultur längst ein Säule der Gesellschaft gemacht haben? Steht da tatsächlich einer mit Phil-Collins-T-Shirt im Publikum, und, wenn ja, braucht es irgendwo noch eine ironische Brechung am Hemd?
Der Impetus des Rock 'n' Roll, er ist schon lange dahin, da kann man Krach machen, sich ausziehen oder Hühnern den Kopf zerbeißen - alles ist zitiert, alles ein Witz, alles eine Erheiterung der Modeopfer in der crowd da drunten. Wenn man nun aber diese Musik liebt und nicht vergehen lassen mag, wenn man sie jenen nicht überlassen will, die den Aufbruch und das Aufbrechen nicht einmal mehr versuchen? Dann muss man schon ziemlich schlau sein. Oder den Mut zum Naiven haben.
Gut, dass sie nur zu dritt sind
„Festsaal Kreuzberg“ in Berlin, nicht mal richtig proppenvoll ist der Laden, wie es sich doch für eine Insider-Kultband gehören würde, welche angeblich von „Sonic Youth“, Matt Groening und vielen anderen Koryphäen verehrt wird und welche sich dem stetigen Umbruch verschrieben hat, dem Aufbrechen des Pop: „Deerhoof“, neun Alben alt und aus San Francisco stammend, sind die Freejazzer des Noise, sie sind die stetigen Interruptoren der eigenen Lieder, mit einiger Hartnäckigkeit trachten sie nach der Zusammenzwingung des Unvereinbaren: Gut, dass sie nur zu dritt sind. Mehr Streben in die Exzentrik kann keine Bühne verkraften.
Wie eine Castingband des intellektuellen Postpop stehen sie da, sie haben eine echte Japanerin, Satomi Matsuzaki, zu bieten, welche am Bass den Gesang bestreitet, der sein ganz privates Zwischenreich zwischen Wiegenliedern und Schönberg erkundet, derweil die anderen beiden nicht faul sind: „Beck“-Lookalike John Dieterich hat sich in eine selbstvergessene Orgie mit seiner Gitarre verstrickt, welche recht schräg und sprunghaft zu klingen hat, ohne dass dabei aber eine körperlich aufwendige Handhabung vergessen werden dürfte, und den Freerock komplett macht dann Schlagzeuger Greg Saunier, welcher rührt und scheppert und dann wieder ganz woanders hinklöppelt, dass es eine Art hat. Zwischendurch ist er dann derjenige, welcher auf ganz herkömmliche Weise sogar das Publikum anzusprechen beginnt, so zwischen manchen Songs; Brocken auf Deutsch ausstoßend, sich über Satomis bodennahes Mikro beugend dabei, für manchen Lacher gut, gibt er den Kauz.
Ein Lo-Fi-Elektropopduo im Soloauftritt
Dieses Konzert zu erleben ist zunächst einmal natürlich eine Freude, da der gute Wille zu Aufbruch und Wagnis labt. Viel schneller aber, als man erwartet hätte, hat man hier in den neuen Kosmos mit seinen Gesetzmäßigkeiten hereingefunden, viel schneller als erwartet verliert „Deerhoofs“ Knüppel- und Klöppelset seinen Reiz. Die Wiegenliedstimme, sie singt so zerbrechlich, die Gitarre nölt so schräg, das Schlagzeug rührt so hyperaktiv; die Hardcorefans, sie tanzen so muskulös, so entschlossen, so rückhaltlos begeistert. Dann. Nächster Song: Die Wiegenliedstimme, sie singt so zerbrechlich, die Gitarre nölt so schräg, das Schlagzeug rührt so muskulös . . . na ja, und so hoppelt das dahin, immer so weiter, immer so fort. Wenn draußen nicht noch Frühling wär'.
Den sucht man auf. Ins gute alte Kreuzberg hinein. Und siehe da: Was im Kopf bleibt von „Deerhoof“, ist doch tatsächlich „The Blow“. Die sogenannte Vorband. Mit welch einfachen Mitteln sie die Hochdruckakademiker von „Deerhoof“ zerstäubt! „The Blow“, das ist der andere, der naivistische Ansatz, mit Popmusik weiterzuleben: Ein Lo-Fi-Elektropopduo aus Sängerin und Frickler; zarter, doch konziser Gesang mit hypnotischer Schlichtheit untendrunter, und um das Minimalismusglück noch komplett zu machen, war Sängerin Khaela Maricich am Sonntag ganz alleine da: Ihr Mitstreiter war irgendwie mit einem anderen Projekt unterwegs, aber das störte ja gar nicht, Khaela hatte ihre Musik auf dem Notebook mitgebracht, stand auf der Bühne und sang erst mal davon, wie nackt sie sei: Groß oder Grotte?
Die Antwort hatte man spätestens auf dem Heimweg, als die Erinnerung an das halbierte Duo den pfeifenden Nachhall des „Deerhoof“-Kunstrocks rasch vergessen ließ: Frau Maricich ist der Eindruck, der bleibt: ihr musikalisches Eigenleben zwischen Anne Clark und „Ace of Base“; ihre semiernste, charmante Ausdrucks-Tanzperformance, ihre tapfere, ironisch getragene Bühneneinsamkeit, das einnehmende Wesen, die berückenden Stücke: So geht's auch, und so geht's besser. Der Pop lebt, er muss nicht zerschlagen, dekonstruiert und vorgestellt werden, denn an anderem Ort entsteht er immer gerade irgendwo neu, in einem Schlafzimmer oder einer Garage; frisch, bunt und ein Trost für den Moment.
Weitere Konzerte von „The Blow““:
Montag, 23. April: Maria am Ufer, Berlin
Dienstag, 24. April: Fundbureau, Hamburg
Mittwoch, 25. April: Gebäude 9, Köln
Weiterer Auftritt von „Deerhoof“:
Freitag, 27. April: Donaufestival, Krems/Donau, A