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Veröffentlicht: 15.05.2017, 14:17 Uhr

Neues Album von Deep Purple Das hässlich-schöne Haupt des Rock ’n’ Roll

So wie sie wird niemand mehr spielen: Deep Purple verbreiten auf ihrem neuen Album „Infinite“ Luftströme der Inspiration. Vielleicht zum letzten Mal.

von Jürgen Roth
© Jim Rakete Grau gewordene Pioniere, noch voller Unternehmungslust: Deep Purple

Das zerrende, hackende Intro-Riff bohrt sich in den Schädel; Bass-Drum und Snare stampfen über einen metallischen Untergrund; düster verhallen vereinzelte Schläge auf die Toms; giftig sirrende und flirrende Keyboard-Girlanden züngeln zwischen Gitarre und Schlagzeug hindurch – ein Koloss setzt sich in Bewegung.

Und dann die erste Strophe, die diesen monumental groovenden Einstieg verschluckt oder beiseitewischt, getragen und geweitet, wie eine Aussicht auf eine Prärie bei mildem, klarem Wetter, und Ian Gillan singt mit jenem Timbre, in dem der Blues und der Rock ’n’ Roll in statu nascendi nachzittern und an das man sich dereinst als an eine der fünf, sechs unvergleichlichen Stimmen der Rockmusik erinnern wird: „Break the calm before the fall / Bad news travels at the speed of flight / Good news not at all / And here we are again / Playing endless games of war.“

Aus dem Geist der Freiheit geboren

„Birds Of Prey“, das neunte Stück auf „Infinite“, Deep Purples zwanzigstem, neuerlich von Produzent Bob Ezrin in einem glanzvoll-transparenten Sound inszeniertem Studioalbum, ist möglicherweise das sinistre Vermächtnis einer der lässigsten, uneitelsten, freundlichsten und virtuosesten Gruppen des Genres Hardrock, obwohl das Quintett, wie es mal jemand tat, treffender als „die lauteste Jazzband der Welt“ zu bezeichnen wäre.

© earMusic Deep Purple: „All I Got Is You“

Wie drückt man das Gefühl einer wütenden Klage aus, ohne an ihm zu ersticken? Steve Morse, der nach Ritchie Blackmores Abgang 1994 auf den Interimsgitarristen Joe Satriani folgte, demonstriert es im langen Outro von „Birds Of Prey“: indem man kraftvoll beatmete Bending-Single-Notes kreisen und aufsteigen lässt und den Luftströmen der Inspiration anvertraut.

In der unbedingt empfehlenswerten, zum Teil anrührenden filmischen Dokumentation „From Here To Infinite“, die zu geringem Aufpreis der regulären CD beiliegt und die einem mit Werkstattgesprächen und intimen Einblicken in die Arbeit im legendären Tonstudio The Tracking Room in Nashville vor Augen führt, welches Maß an Spaß und respektvoller, unvoreingenommener und unverbrämter Interaktion es benötigt, um ein so bedrückend beglückendes, aus dem Jam, aus dem Geist der Freiheit geborenes Meisterwerk zu konstruieren und zu arrangieren, bekundet Bassist Roger Glover: „Wer sind wir? Wir sind das, was wir spielen. Wir lieben, was wir tun.“

Wegschauenden Kneipenbeiläufigkeit

Glover denkt in Läufen und Takten, Schlagzeuger Ian Paice in Rhythmen, Steve Morse und Keyboarder Don Airey denken in Akkorden, Melodien und Harmonien – aber das ist falsch: Allen fünf sind sämtliche Aspekte eines Songs stets präsent –, und Ian Gillan ist sauer: „I used to be an angry young man, and now I’m fucking furios.“

Infinite beginnt mit „Time For Bedlam“, einer fulminanten Polemik gegen Unmündigkeit, Unterdrückung, Knechtung und die Erbarmungslosigkeit des politisch organisierten Wahns, kontrapunktiert durch eine musikalische Komplexität, die dem Verhängnis die fröhlich gefeierte instrumentale Könnerschaft, den kontrollierten Übermut entgegenstellt: durch Anleihen bei der Gregorianik, in den Boden gerammte Riffs, fließende Tonartwechsel, neckische Selbstzitate („Pictures Of Home“ vom kanonischen Purple-Album „Machine Head“), grollende, keuchende, fauchende, bellende, speiende, das Klanggewebe zerfetzende Hammondorgel-Eskapaden. Weil Deep Purple indes nie eine Ansammlung von anmaßenden, missionarischen Moralgurken waren, kleben sie umgehend einen funkbehauchten, mächtig vorwärtstänzelnden und lustvoll-bündig rausgedroschenen Dröhner über Widerstand dran – Little Richards „Rip it Up“ für unsere dümmliche Zeit –, und dem fügen sie mit „All I Got is You“ eine vielschichtige, um eine warme Hookline herumgruppierte, federnde und sentimentalische Rhapsodie an, durch die Ian Paice’ stolpernde Synkopen und perlende Fills schlurfen und taumeln.

Indem Deep Purple nichts vordergründig Kohärentes zu sagen beabsichtigen, sagen sie etwas – nämlich: dass sich Rockmusik mit handwerklicher Großzügigkeit vielfältiger Gesten zu bedienen vermag, jener der Honky-Tonk-Komik („One Night in Vegas“) genauso wie jener der Reminiszenz an die Artrock-Epik von Yes oder Focus („The Surprising“), jener der ausfransenden Arabeske genauso wie jener des eisern-brutalen Stakkatos, jener der wegschauenden Kneipenbeiläufigkeit („Johnny’s Band“) genauso wie jener des Reggae oder des Swing.

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Deep Purple sind ein Naturereignis, etwas von der Geschichte nicht Vorgesehenes. Und wie die Natur, die stoffliche Welt, degradiert zum „Objekt totaler Ausbeutung“ (Horkheimer), endgültig den Bach runterzugehen scheint, so neigt sich die Geschichte dieser unprätentiösesten und lichtesten aller großen Bands ihrem Ende entgegen. Mitte Mai beginnt ihre lange Abschiedstournee, „The Long Goodbye Tour“, die, sollte nichts dazwischenkommen, 2018, im Jahr des fünfzigjährigen Bestehens von Deep Purple, fortgesetzt werden wird. Anders als das Verschwinden der Natur, das kaum jemand bemerkt und noch weniger Menschen bekümmert, stimmt die Aussicht auf die unvermeidliche Auflösung dieser erstaunlich eingerichteten Musikmanufaktur, dieses ziemlich einsam und störrisch in der Zeit stehenden Ensembles, das Gros der Fans betrüblich, wehmütig, traurig. Zwar werden andere „das wunderschöne, hässliche Haupt des Rock’n’Roll“ erheben; aber Ian Paice dürfte recht behalten: „Wenn Bands wie Deep Purple aufhören, ist es das Ende einer Ära. Es wird niemanden mehr geben, der so spielt, der aus unseren Quellen schöpft.“

Er sagt es mit einem angedeuteten schelmischen Lächeln. Und was schmuggelt Ian Gillan am Schluss von „Get Me Outta Here“ ein? „Auf Wiedersehen, meine Damen!“ Beziehungsweise: „See you, suckers!“

Glosse

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