Ein Blick, und man ist verloren. Wie oft ist dieser Liebesblitz schon besungen worden? So oft, dass die Zahl der Lieder nur vom Leben selbst übertroffen wird. Also von den zahllosen Blitzeinschlägen, die Heranwachsende oft im Dutzend zuteil werden. Mit „First Time“ hat nun Roman Lob, 21 Jahre, auch sein Becherchen ins Meer der Liebe-auf-den-ersten-Blick-Songs geleert. Eine Zeile im gefällig unauffälligen Plätschern lässt aufhorchen: „Home is where the heart is.“
Mit dem gleichnamigen Lied vom Gefühl, das Konventionen blind und Seelen sehend macht, Männer und Frauen zusammenbringt, aber auch Männer zu Männern und Frauen zu Frauen treiben kann, fiel einst die Folksängerin Mary Travers beim Versuch einer Solokarriere auf. Auch, weil der Titel einen Song Elvis Presleys zitierte, der 1961 brav im He-and-She-Rahmen geblieben war.
Entwaffend, symphatisch, offen
So, wie jetzt Roman Lob im Romeo-und-Julia-Klischee bleibt. Doch wer wollte es ihm verdenken? Die bisher größte Stärke des Neulings, der nun ein ganzes Album, „Changes“ (Universal), vorlegt, ist schließlich seine Authentizität. Mit entwaffnender, sympathischer Offenheit erklärte er während des Wettbewerbs „Unser Star für Baku“, er sei stimmlich der Favoritin ziemlich unterlegen. Ebenso unverstellt wirkte es, wenn er freimütig zugab, der Abschluss seiner Lehre als Industriemechaniker sei ihm, weil man nie wisse, was komme, wichtiger gewesen als ein Freischein für „Deutschland sucht den Superstar“. Und so frei singt er denn auch vom ersten Mal und dem Gefühl, es könne „in these ever changing times“ trotzdem eine Liebe für immer sein; wie jeder next door boy weiß er schließlich, dass auf nichts mehr Verlass ist - „but in the end we’ll do it all again.“
Also ist Roman Lob mit seiner koketten Gebrochenheit Mainstream, und ist ihm und Thomas Dürr (der das Album produziert hat) als Textern von „First Time“ das widerborstige Zitat „home is where the heart is“ nur unterlaufen? Punktum? Nein, denn für Baku qualifizierte sich Lob, weil er mehr bietet als Stromlinienförmiges. Da ist „Standing still“, sein Lied für den Songcontest, komponiert und getextet vom Jazzphänomen und Singer/Songwriter Jamie Cullum, in dem Liebeskummer über sich hinauswächst zur resignierten Erkenntnis, die Leere zu umarmen sei allgemeines Schicksal. Mit dem Text hält die Stimme Schritt: Roman Lob, dem man nach den ersten Zeilen nicht mehr als kulleräugig boyiges Säuseln zutraut, steigert sich mit den Strophen zu erfreulicher Vielfalt. Wie er Töne stemmt, vom verhaltenen zu drängendem Gesang vorstößt, ist beachtlich - und wohl Folge seiner Zeit als Leadsänger erst einer Heavy Metal Group und dann der Alternative-Rock-Band Rooftop Kingdom.
Allmachtsgefühle nach dem ersten Mal
Diese Zeit ehrend, hat Roman Lob den Kingdom-Song „Day by Day“ übernommen, ein melancholisches Lied, sparsam arrangiert und träumerisch verhalten gesungen. Was soll’s, dass der Text treu alle üblichen Verlassenheitsformeln nachbetet - der Sänger gibt sie wieder, als hätte er sie eben erst entdeckt. Was auch für „After Tonight“ gilt, das die Allmachtsgefühle behandelt, die einen nach dem ersten Mal überkommen, und das mit Tempowechseln Roman Lob zungenbrecherische Balanceakte abfordert, die er glänzend salopp bewältigt.
„Something Stupid“ schlendert lässig und versöhnt so einigermaßen mit dem ziemlich dämlichen Textgeplänkel über angebliche Jugendphantasien. Davon aber sticht der folgende Song ab wie ein Falke vom Kanarienvögelchen: „Convicted“ schildert grundehrlich die Gefühlswirren eines Jugendlichen, dem die Geliebte zugleich unentbehrlich und krankmachend ist. Ungewöhnlicher Rhythmus, rockige Gitarren - man vermisst eigentlich nur einen souligen sperrigen Backgroundchor; nicht, weil Lobs Stimme, auch hier bestechend variantenreich, Stütze brauchte, sondern, um das Ganze abzurunden.
120 Millionen am Fernsehschirm, 25.000 in der Halle
Überhaupt: Sperriges hätte es viel mehr sein dürfen. „Call out the Sun“, der Auftakt, ist eine nette Beatles-Reminiszenz, mit viel Akustikgitarren, ein fröhlich gewordener „Blackbird“. „Alone“ geht ans Gefühl, aber man wird den Eindruck nicht los, dass die Ballade mit ihrem edelkitschigen Bombast bei Barbra Streisand besser aufgehoben wäre.
Am 26. Mai stellt sich Roman Lob 120 Millionen Fernsehzuschauern und einer Halle mit 25.000 Menschen. Dass er das Zeug hat, dem standzuhalten, hat er schon bewiesen. Aber dass er, das Ausnahmetalent, sich musikalisch nicht glattbügeln lässt, muss er erst noch beweisen. Sein Debütalbum weist in beide Richtungen, die glatte und die rauhe.