26.03.2004 · Schon als Kopf der 1991 endgültig aufgelösten "Talking Heads" bewies David Byrne Ambitionen, die weit über die Laufräder des Rock hinausreichen.
Von Andreas ObstDaß sich David Byrne, aus Schottland stammend und schon lange in New York zu Hause, mit fremden Idiomen auskennt, war schon früher zu vernehmen: Als er den "Psycho Killer" besang, auf der Bühne im hautengen Kostüm, das - lange vor Gunther von Hagens - den menschlichen Körper nackt zeigt, ganz ohne Haut, da klang sein zickig amerikanisiertes Französisch als Kunstsprache eiskalter Höflichkeit wie schneidender Stahl einer Stichwaffe: "Qu'est-ce que c'est?" Und daß ihm die musikalischen Weltsprachen wie selbstverständlich geläufig sind, ist seinen Songs ohnehin seit je anzuhören. Byrnes Lieder sind ganz eigengeartete Hybride: tänzelnd über allen Stilen. Lateinamerikanische Rhythmen treiben energische Rockgitarren an - und umgekehrt -, Refrains wie aus Kinderliedertagen fransen an den Rändern aus und flimmern in die Unendlichkeit: Weltmusik in eigenen Welten.
Schon als Kopf der 1991 endgültig aufgelösten "Talking Heads" bewies Byrne Ambitionen, die weit über die Laufräder des Rock hinausreichen. Seine Songs - ob für die Band oder zuletzt für ihn selbst als Solist - waren stets nur ein Bestandteil eines komplexen Gesamtkunstwerks, seiner Vision reiner, sich selbst genügender Skurrilität. Sie bezog die Nebenkünste, vor allem Film und Fotografie, aber auch Theater und Ballett, wie selbstverständlich ein. Letztlich ging es doch immer nur um eines: die ungemeine Lust an der Verkleidung. Man muß David Byrne auf der Bühne erleben, wenn er im rosafarbenen Flokati-Anzug mit Trippelschritten das Podium vermißt, im himmelblauen Stretchtrikot zappelt oder im Schottenrock über die Stuhlreihen klettert - mitten hinein ins Publikum: auf einer imaginierten Straße ins Nirgendwo. Erst wenn man ihn sieht, ist auch seine Musik wirklich zu verstehen.
Nebulöse Erinnerung
Alles Ironie - das ist die Grundvoraussetzung für die Begegnung mit David Byrnes Kosmos und lenkt auch das neue Album des bald Zweiundfünfzigjährigen: "Grown Backwards". Schon der Titel ist augenzwinkernde Anspielung - auf einen Text von Bob Dylan. Darin geht es um die Erkenntnis, daß Jugend keine Frage des Alters ist. Was mitschwingt, ist: Wenn Rock heute, nachdem alle Barrieren längst geschleift sind, überhaupt noch Bedeutung haben sollte, die über den unmittelbaren Aplomb hinausweist, dann doch diese: Man ist stets so jung wie die Musik, die man man hört.
Im Sinne Byrnes beginnt die Platte ganz konventionell nervös: mit Handtrommelwirbeln, Marimbatupfern, Cellosehren. "Glass, Concrete & Stone" ist als Echo nebulöser Erinnerung an die Ereignisse der Nacht ein Lied zum Aufwachen. Der nächste Song könnte das Aufstehen begleiten: "The Man Who Loved Beer" ist die Anverwandlung einer Komposition der Gruppe "Lambchop", zur Besetzung gehört auch ein Streicherensemble, das die Bögen wie im Schulorchester über die Saiten schnellen läßt, wenn es gilt, mangelnde technische Fertigkeit durch Engagement auszugleichen: "The Tosca Strings" leiten hinüber in die dritte Aufnahme. Spätestens dort ist der Hörer bei David Byrne angekommen - und der Entscheidung, weiterzuhören oder die Platte zu verschenken.
Kopfschmerz
Byrne singt eine Arie aus Georges Bizets wohl nicht ganz zu Unrecht vergessener Oper "Die Perlenfischer", die vom Wettstreit zweier Freunde um eine fernöstliche Priesterin handelt. Es geht um Keuschheit, Leidenschaft, Edelmut, eine Springflut und den Sprung der verzweifelten Schönen in den Tod. Man muß die Oper nicht kennen, es ist hier alles in knapp fünf Minuten zu hören. Byrne und Rufus Wainwright exekutieren das Duett "Au fond du temple saint", und bis zum Finale bleibt in der Schwebe, was der eigentlich überwältigende Witz dieser Aufnahme ist: das gepreßte Knödeln der Sänger, die labyrinthischen Girlanden der Harfe, das Auf- und Niederwallen der Streicher oder das perkussive Pochen im Hintergrund - wie Kopfschmerz nach schwerem Rausch von zu vielen grellbunten Mixgetränken. Vom Gipfel dieses jähen Aufschwungs lassen sich die Titel der folgenden Songs programmatisch lesen - als Wegweiser durch Byrnes allerneuesten musikalischen Kosmos: Es geht ums Überleben mit guter Laune, gleichgültig, was sonst in der Welt alles in Stücke fällt.
Die Lieder seien ihm beim Joggen eingefallen, gab Byrne unlängst zum besten: wenn er laufe, summe er gerne vor sich hin. Manchmal kommen ihm dabei auch Opernarien in den Sinn. So erklärt sich das Finale der Platte: Byrne singt Verdi, die Arie "Un di felice, eterea" aus "La Traviata". An diesem Punkt angekommen, würde man ihm längst alles abnehmen. Andere mögen Opernarien in der Badewanne singen. Byrne singt sie eben im Studio. So klingt die ganze Platte. Jedes Stück ist ein Monolith ganz eigenen Rechts. Melodie und Klangfarbe, Rhythmus und Instrumentierung - alles hat eigene Logik. Das Album wächst mit jeder Begegnung mehr zusammen.
Es endet in einer Art Coda, in weiten Bögen schwingend bis hin zum abrupten Ende. Der Titel des Stücks lautet "Lazy". Es beginnt mit großen Streichergesten, die plötzlich von einem drängenden Discorhythmus abgelöst werden. Dazu sprechsingt Byrne, daß es keinen Augenblick in seinem Leben gebe, in dem er nicht zur Faulheit neige. Es ist der Charme des vermeintlich Unfertigen, der Byrnes weises, raffiniertes Werk vom ersten bis zum letzten Ton trägt - und eine Einladung an den Hörer, die Lieder im eigenen Kopf zu vollenden. Eine Stunde guter intelligenter Laune ist nicht das wenigste, was eine Platte heute bieten kann.