18.11.2006 · Er ist der Lumpensammler des amerikanischen Traums: Mit der CD-Box „Orphans“ hat Tom Waits jetzt sein Hauptwerk vorgelegt. Auf drei CDs besingt er Krakeeler, Schreihälse und Bastarde - schreiend, wimmernd, schnarrend und rostig wie noch nie.
Von Peter KemperEiner muß immer den Müll raustragen. Das gilt auch für das große Haus der amerikanischen Musikgeschichte. Seit mehr als dreißig Jahren gibt Tom Waits hier den kauzigen Kalfaktor. Erst sammelt er liegengebliebene Liedideen in den verschiedenen Traditionsabteilungen ein, dann schafft er sie raus auf seinen privaten Schrottplatz, stochert in ihnen herum, zersägt, zerschrammelt und zerdeppert sie. Tom Waits ist der virtuose Lumpensammler des amerikanischen Traums.
Es sind Geschichten voller Dellen und Schrammen, die Waits faszinieren. Ob sie von Eisenbahnunglücken, Meerjungfrauen oder Wahnsinnigen handeln, fast immer klingen sie dumpf und knisternd, als seien sie mit Schlamm und Dreck, im besten Fall mit einer jahrzehntealten Staubschicht bedeckt.
Waisenkinder der Wohlstandsgesellschaft
Dieser über die Jahre immer weiter perfektionierte Lo-Fi-Primitivismus adelt auch Waits' jüngstes Werk - erklärtermaßen sein opus magnum. Unter dem Titel „Orphans“ befaßt er sich mit den verlorenen Waisenkindern der vermeintlichen Wohlstandsgesellschaft und singt von „Brawlers, Bawlers & Bastards“ (Krakeelern, Schreihälsen und Bastarden), die allesamt das Waitssche Kunst-Kriterium eines „aufbegehrenden Scheiterns“ erfüllen. Diese Kategorien gliedern die drei CDs der opulent gestalteten Box auch thematisch; sechsundfünfzig Songs sind in dem gewichtigen Begleitbuch aus der Drucker-Handpresse verzeichnet. Schon das braunschwarze Cover gibt die Grundstimmung vor: Grimmig blickt Waits in die Kamera, hinter sich eine geisterhaft verwaschene Kulisse aus uralten Alien-Gesichtern, schemenhaften Blues-Gestalten, grotesken Lautsprecher-Hörnern und Tonbandgeräten - das mysteriöse Interieur einer versunkenen Welt.
Seine Irrfahrt durch die amerikanischen Songgenres startet Waits auf „Brawlers“ mit der gehetzten Bitte „Leg dich zu mir“. Doch wer würde es bei dieser verzerrten Megaphon-Stimme lange aushalten? Wie ein brüllender Grizzly stürzt sie sich auf den Hörer. Waits spielt den ewigen Klabautermann des Blues, in dem schwerblütigen Schrott-Stomper „Low Down“ mit seinem zwanzigjährigen Sohn Casey am Schlagzeug. Auch die weinende Mundharmonika von Charlie Musselwhite ist mal mit im Spiel. Dabei klingen die meisten „Brawler“-Songs wie durch eine Milchglasscheibe gesungen: verschwommen, dumpf und bedrohlich. Man glaubt bisweilen, die „Stones“, „Captain Beefheart“, Muddy Waters und „T-Rex“ gleichzeitig zu hören.
Rare Zwitterprodukte
Die unglaubliche Bandbreite seiner Stimmcharaktere offenbart sich dann auf der „Bawler“-Scheibe. Hier sind es Einsamkeitsballaden vom Ende der Straße, verrauschte Wiegenlieder, keltische Walzer und lässige Country-Nummern, die eine ungewohnte Versöhnlichkeit verströmen. „Long Way Home“ beispielsweise ist in seiner strengen Sparsamkeit ein Meisterwerk. Während sich Waits gerade noch als Schamane klanglicher Welterkundung präsentierte, offenbart er hier plötzlich ein Zugleich aus Melancholie und Verzückung. Allein für das jubilierende Begräbnislied „Take Care of All My Children“ mit schräger Blaskapelle müßte ihm ein Platz unter großen amerikanischen Singer/Songwritern sicher sein.
Er ist auf mehr als zwanzig Alben immer wieder für stilistische Hakenschläge und Kehrtwendungen gut gewesen: vom Country-Blues zu knarzigen Jazzballaden, von durchschlagenden Rockrhythmen zum Avantgardetheater. Auf der dritten CD „Bastards“ nun kommen die raren Zwitterprodukte des Meisters selbst zur Aufführung. Sie beginnt mit einer donnernden Deklamation des Brecht/Weill-Klassikers „What Keeps Mankind Alive“. Die traurige Gute-Nacht-Geschichte, die Waits dann aus Büchners „Woyzeck“ destilliert, ist für Kinder keineswegs zum Einschlafen geeignet. Auch seine Lesung über die besonders widerstandsfähige Spezies der „Armee-Ameisen“ will keine rechte Stimmung aufkommen lassen. Erst die zerbrechlich-verträumte Version des „Ramones“-Titels „Danny Says“ entwickelt ein wohliges Gefühl von Transzendenz.
Mörder, Insekten und Verrückte
All die Arbeiten für Filmemacher und Theaterregisseure, seine Bukowski- und Kerouac-Lesungen, die Waits hier erstmals zusammenfaßt, feiern das Abseitige: „Die Texte handeln in der Regel von Mördern, Insekten, Ertrunkenen und Verrückten - ,the full dinner menu', wie meine Mutter zu sagen pflegte.“ Und doch sind die vordergründig schrundig und schartig klingenden Stücke ausgetüftelte Produktionen, die von dem Toningenieur Karl Derfler skrupulös in Szene gesetzt wurden.
Zusammen mit seiner Frau und Co-Autorin Kathleen Brennan hat Waits hier radikal wie nie zuvor seine musikalischen Obsessionen ausgelebt. Kein Album hat bisher seine rostige Ästhetik derart strahlend ausgestellt. Das Rohe und das Gekochte - „Orphans“ bietet beides und dazu noch Verkohltes. Außer einer Unzahl von Holz- und Blechbläsern, Gitarristen, Organisten und Drummern setzt Waits auch noch zahlreiche skurrile Instrumente ein: Neben der Bambusklarinette und einem „Waterphone“ kommt eine „Kreisgeige“ zum Einsatz. Was das alles zu bedeuten hat? Waits wagt eine Erklärung: „Mir fällt dazu immer folgendes Bild ein: Ein Straßenjunge mit Schweißerbrille schippert einen Sarg mit großen Schwimmreifen über den Ohio River, während ein Frauenverprügler einen angezündeten Feuerwerkskörper im Ohr stecken hat.“ Alles klar?