Home
http://www.faz.net/-gsd-vydb
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Das neue „Ärzte“-Album Das ist doch zum Dehydrieren!

11.11.2007 ·  Ihr sollt sein ein einig Pulk von Punkern: „Jazz ist anders“ heißt das neue Album der Ärzte. Es ist ein einziger Triumph der Motivation und des Mannschaftsspiels. Patrick Bahners hat sich überwältigen lassen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wenn der Ortsgeist bloß nicht vergiftet ist! Im ehemaligen Müngersdorfer Stadion schlossen Christoph Daum und seine Langzeitverlobte Angelica Camm den Bund für die zweite Lebenshälfte und die zweite Liga. Der Bräutigam stand im einen Tor, die Braut im anderen, am Anstoßpunkt gab es Ringtausch und Kuss, auf der Tribüne saß niemand außer dem Manager Michael Meier. Ergebnis: Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr, die Mannschaft erreicht die Fans nicht mehr, und was mag es über das Glück im Zweitehehafen sagen, dass Daum immer noch an seinem Stuhl klebt?

Am selben Ort feierten in der Silvesternacht 2006 die drei Langzeitpunkrocker Farin Urlaub, Bela B. und Rod González eine Art Silberhochzeit - vor etwas mehr Publikum. Nur „Die Ärzte“ haben noch verrücktere Fans als der 1. FC Köln. Was diese Treuesten der Treuen nicht wussten: Um ein Haar hätten sie am ersten Morgen des neuen Jahres sehr, sehr tapfer sein müssen. Für die Band war das Winternachtkonzert ein Test. Hatte man überhaupt noch Lust, zusammen Krach zu machen?

Vorurteilsfrei und tabulos

Man probierte es aus, vorurteilsfrei und tabulos wie beim Speed-Dating, allerdings über die für ein „Ärzte“-Konzert typische Länge von plusminus drei Stunden. Drei Jahre zuvor hatten „Die Ärzte“ das Doppelalbum „Geräusch“ herausgebracht, in mehrfacher Hinsicht ein Werk der Reife. Im Rückblick beschreiben sie die pralle Wundertüte als einen Sack, in den jeder von ihnen seine selbstgemachten Lieder gesteckt habe. Bei der Aufnahme seien die anderen zum Teil nicht einmal dabei gewesen. Logische Konsequenz waren Solo-Projekte, die als solche auch ausgewiesen wurden.

Fatalistisch nahmen die Musiker in Kauf, dass die Presse schreiben musste, der oder der von den Ärzten habe sich neu erfunden - obwohl „Die Ärzte“ doch die Band sind, die zwar in der Nachfolge Edisons allerlei Dunkelbirnen und Pointenstrahler gebastelt hat, aber nie genötigt war, ihren Erfindergeist an der Bandidentität auszutoben. Authentizität simplen Gefühlsausdrucks gepaart mit durchgeistigter Lustigkeit: bitte sehr, das sind „Die Ärzte“. Gegen die Melancholie des Konstruktivismus scheint diese Mischung zu immunisieren. Alles, was „Die Ärzte“ machen, ist unvermittelt.

Der Funke sprang über

Diesem ästhetischen Geheimnis der Gruppe entspricht das Produktionsprinzip ihrer neuen Platte „Jazz ist anders“, mit der die stolzen Eltern nun kundtun, dass der Funke in Köln noch einmal übergesprungen ist, als hätte Kai Pflaume Regie geführt. Sie haben alles allein gemacht, ohne Gastmusiker und Produzenten, aber zu dritt. Wie bei Tick, Trick und Track hat der eine dem anderen das Wort aus dem Mund und das Instrument aus der Hand genommen: ein einig Pulk von Punkern. Echte Herzblattgeschichten aus dem Ehehimmel waren in der Fachpresse zu lesen: Wie ein Gatte, der zur Feier des Hochzeitstages endlich einmal daran gedacht hat, den Klodeckel in der Position zu hinterlassen, in der seine Frau ihn vorzufinden wünscht, hat Bela B. zum erstenmal in der Bandgeschichte seine Schlagzeugsachen alleine geübt.

Und? Hat's was gebracht? Anders formuliert: Schmeckt's? So muss man nämlich formulieren, da die Platte in einem patentgefalteten Pizzakarton daherkommt und wie eine Pizza aussieht, vegetarisch natürlich (denn Tiere tun ihnen leid). Als Bonus gibt es eine Extraplatte mit drei (plus eins) Liedern in Tomatenscheibenform. Ein Bild des Zähen, Klebrigen, Labberigen, Pappigen, Kalten, das man eigentlich nur ratzfatz wegputzen kann, um es nicht mehr sehen zu müssen. Doch wie viel Liebe zum Detail ist an diese Verpackung verschwendet worden! Wir begreifen: Diese Platte soll man wieder und wieder hören! Elke (die fette Elke) wird sich von ihr ein Stück abschneiden, ach was, wird sich das ganze Ding auf einen Sitz einverleiben, denn Elke ist der berühmteste aller „Ärzte“-Fans, Schutzgeist und Nemesis zugleich, wie Reiner Calmund an der Seite von Christoph Daum.

Bis an die Tabellenspitze

Der Fluch von Müngersdorf hat nicht gewirkt: „Jazz ist anders“ stürmt, wie es sich gehört, an die Tabellenspitze. Obwohl „Die Ärzte“ weiteste Bevölkerungskreise gegen sich aufbringen - statt Elke bekommen die Fußballfans ihr Fett weg. Der Graf ist konvertiert: Er will, verkündet er in „Licht am Ende des Sarges“, jetzt wirklich kein Anachronismus mehr sein in unserem restlos aufgeklärten Land. Bela B. geht fortan, und nicht nur im Karneval, als zahnloser Vorkämpfer des Gender Mainstreaming und gründet wahrscheinlich bald den Zentralrat der Ex-Vampire: „Will fühlen, was andre fühlen, / Ins Schwimmbad gehen und Fußball spielen.“ Als das Lied eigentlich schon vorbei ist, melden die Anderen sich zu Wort und lassen den lustigen Vampir hochleben mit dem Fangesang „Es gibt nur ein Transsylvanien . . .“

Ein Sänger-Songschreiber, der sich permanent neu erfindet, komponiert sich ein Loch in den Kopf, wenn er zu lange seinen Denkapparat mit einem Hämmerchen malträtiert. Die Ärzte sagen sich: Sollen die Deppen doch ihr Land der Ideen ausrufen; wir wiederholen uns, denn das ist nicht erst nach fünfundzwanzig Jahren die Kunst. So bieten sie unter dem Titel „Heulerei“ ein prägnantes Stück im Genre Beschimpfung der künftigen Ex-Freundin. Man kann sich denken, wie der Refrain lautet: „Du würdest heuln!“ Alles kommt auf das verschluckte „e“ an, das die vorauseilende Nachäffung des Heulgeräusches perfekt macht. Und wie gemein, dass der Mann dann auch noch dokumentiert, dass er nicht verlernt hat, sich zu artikulieren. Nahe läge ja der Verdacht, in Wahrheit werde er gleich flennen. Aber der reimende Fremdwörter-Duden bleibt trocken: „Die Wahrheit ist, wenn ich dich verließe, / Dann würden deine Tränen nur so fließen. / Du würdest vollständig dehydrieren, / Alles in Taschentücher investieren.“

Ein Vorschlag zur Güte

Diese Präzisionsarbeit beim Versbau sorgt auch für einen großartigen Moment in „Lasse redn“, einem Vorschlag zur Güte, der so heiter daherkommt, dass man lange meint, er sei vielleicht überhaupt nicht ernst gemeint. Gibt es die Nachbarn überhaupt noch, die über die Trägerin hochhackiger Schuhe tuscheln? Sind sie nicht nur Anlass für urkomische Couplets wie „Du darfst nie mehr in die Vereinigten Staaten, / Denn du bist die Geliebte von Osama bin Laden“?

Aber dann kommen plötzlich drei Verse, in dem jedes Wort scharf und glänzend ist, ein sausendes Messer wie von Dr. Guillotin. „Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der ,Bild', / Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht, / Aus Angst, Hass,Titten und dem Wetterbericht.“ Es liegt Vitalität in solchem Aussprechen einfacher Wahrheiten. Der überwältigende Eindruck auch dieser neuen „Ärzte“-Platte ist alterslose Energie.

Die Ärzte, Jazz ist anders. Hot Action/Universal 930018-8

Quelle: F.A.Z., 10.11.2007, Nr. 262 / Seite 42
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 4