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Das letzte Album von „The Streets“ Licht am Ende des Tunnels? Das muss der Zug sein

 ·  Er kam, sang, siegte - jetzt tritt er lässig ab: Mike Skinner alias The Streets hat gemerkt, dass englischer Rap in die Sackgasse führt. Sein neues Album ist wieder reflektierter und ironischer. Es ist das letzte seiner Band.

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„Everything Is Borrowed“ hieß die letzte Platte von dem Ein-Mann-Gesamtkunstwerk The Streets, was danach klingt, als könnte sie bei Karl-Theodor Freiherr zu Rock'n'Roll im geschmacklos teuren Glas-Stahl-Regal stehen. Auf jeden Fall aber sollte sich der Doktor a.D. das neue, fünfte und - wie weidlich kommuniziert wurde - wohl auch letzte Album von The Streets zulegen, sich damit in einen Panzer zurückziehen, Lied zwei starten (die erste Single-Auskopplung) und die Lautstärke voll aufdrehen: „If you're going trough hell“. Viermal wird er wiederholt, dieser Refrain, baut sich auf, bevor, ein Salutschuss an alle unter der verloschenen Sonne durchs Dunkel Tappenden, der erlösende Befehl folgt: „Keep going!“ Gleich schließt die nächste Durchhalteparole an: „Fall down five times/Rise up six!“

Der Welt, „outside stormy, inside normal“, begegnet man eben am besten mit leicht prolligem Stoizismus. Es ist die Feier von Nietzsches apollinischem Kraftprotz, der den Kragen hochschlägt, wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihm ausgießt, und langsamen Schrittes darunter hinweggeht. Dann aber, kurz vor Ende von Titel zwei, gälte es, schnell zum nächsten zu springen. Plötzlich nämlich verkehrt eine dieser hinterlistigen Inversionen, das Markenzeichen des britischen Straßen-Rappers Mike Skinner, die Mut machende Botschaft in ihr Gegenteil: „At the end of the tunnel, there is always light,/It just might be a train.“

Der arbeitswütige Philosoph

Niemand weiß das so gut wie Skinner, der seit mehr als zwei Jahren das Gefühl hat, dass die Straße des garageninspirierten Grübel-Hip-hop mit englischem Akzent eher eine Sackgasse war. Die fast schon unanständige Begeisterung über das Debütalbum aus dem Jahre 2002 hatte in dem Maße abgenommen - oder sich einfach nur normalisiert -, in dem sich der Birmingham-Revoluzzer in seinen Wortwitz-Poemen von der Straße entfernte, auf der er eigentlich nie so ganz richtig zu Hause war. In seinem Resümee, das jetzt musikalisch noch einmal das gesamte innovative Spektrum von The Streets abdeckt respektive vorführt, versetzt er sich als Texter in die Anfänge zurück und erzählt charmante, authentische, mitunter auch kitschige Geschichten aus dem Alltag. In „OMG“ beispielsweise hat die Angebetete den Facebook-Status geändert: „In a relationship“ steht da, und der Anbetende kann es einfach nicht fassen.

Überhaupt neigt das Werk bei aller gepflegten Rotzigkeit oft ins Elegische: „We can never be friends“. Das Philosophieren kann Skinner nicht ganz lassen („You can't google the solutions to people's feelings“), doch wirkt das weniger aufgesetzt als beim Vorgänger, eher wieder ungestüm ironisch, frech überheblich, aber auch reflektiert, auf jeden Fall sympathisch. Am nachdenklichsten ist wohl „Blip on A Screen“, in dem Skinner sich verwundert die Augen reibt beim ersten Anblick seines Sohnes, einem kleinen Pixelhäuflein auf einem Ultraschallbild, aber doch schon so vollständig: „Erwachsen zu werden, das heißt nur die Sprache zu lernen, um mit Worten auszudrücken, was du als Baby warst.“

Dem Dionysischen neigte dieser nonchalant über scheinbare Genreregeln sich hinwegsetzende Wunderknabe nie zu. Der einzige Flirt mit dem Exzess war die Arbeitswut des Workaholics. Schließlich suchte ihn das chronische Erschöpfungssyndrom (Myalgische Enzephalomyelitis, M.E.) heim. So, wie andere Künstler ihren Drogenentzug thematisieren, beschreibt Skinner den Kampf gegen diesen Zusammenbruch, und das in schöner Doppelsinnigkeit: „The thing that I love most is trying to kill M.E.“

Abschied mit erhobenem Haupt

Der angekündigte Futurismus des Werks hält sich in Grenzen, einige Computer-Synthesizer-Klänge gibt es und auch einige verzerrte Stimmen (so im unnötig verspielten „Roof of Your Car“), dafür ist unterhalb der wie immer lässigen Stimme neben Schrammelgitarre und Bums-Beat auch Funk, Uptempo-Piano, Soul, R&B und Chorus zu hören. Auch das Cover des Albums zitiert in gekonnter Abwandlung das Debüt.

War es dort noch ein gesichtsloser Vorstadtwohnblock, auf dessen beleuchtete Fenster man schaute, so sind es nun die Beton-Glas-Pyramiden der renommierten University of East Anglia, die Star-Architekt Sir Denys Lasdun, überhaupt ziemlich verantwortlich für die Zubetonierung Großbritanniens, in den Sechzigern nach Norwich geklotzt hat. Nur ein Raum ist noch erleuchtet, dort steht der arrivierte Skinner und blickt sinnierend heraus. Das letzte Stück knipst auch diese letzte rote Lampe aus: „I'm packing up my desk, I've put it into boxes. Knock out the lights, lock the locks and leave.“

Ja, hier geht einer davon, dessen Zeit vorbei ist, erhobenen Hauptes und langsamen, aber festen Schrittes: „I'll go out without a blink/I'll go Downtown without thinking and shout over a drink“, wie es im Ohrwurm-Refrain von „Without Thinking“ heißt. Man wird wieder von Skinner hören, von The Streets wohl nicht mehr. Schön war's.

The Streets, Computers and Blues. 679 Recordings 67510 (Warner Music)

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