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Courtney Love Der Duft von revoltierenden Männern

19.02.2004 ·  Amerikas geschundener Liebling erzählt vom Leben, das nur sie kennt: Courtney Loves Solodebüt "America's Sweetheart" ist ein im vollen Saft stehendes Rockalbum von nahezu klassischer Strahlkraft.

Von Andreas Rosenfelder
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Einer der jugendfreien Schwänke aus dem nicht immer lustigen Leben der Courtney Love, das in Buchform gewiß einen Warnhinweis wegen sogenannter expliziter Inhalte trüge, spielt am Rande der Oscar-Verleihung des Jahres 1995. Damals griff Love die Journalistin Lynn Hirschberg an, die ihr in der "Vanity Fair" Heroinkonsum während der Frühphase ihrer Schwangerschaft vorgeworfen hatte. Als Drohinstrument schnappte sich die Musikerin eine Oscar-Statue. Es war die Auszeichnung, die Quentin Tarantino als bester Regisseur für "Pulp Fiction" erhalten hatte.

Mit einer Mischung aus Schund und Fiktion, wie sie Tarantino selbst mit einer Schauspielerin wie Uma Thurman nicht schräger hätte in Szene setzen können, sicherte sich Courtney Love einen Platz in der Popgeschichte der neunziger Jahre, allerdings - wie sollte es der Witwe des gleich nach seinem Selbstmord zum Religionsstifter verklärten Kurt Cobain anders ergehen - bloß als beste weibliche Nebenrolle. Der Trauergemeinde von Cobains Band "Nirvana" galt Love als schmarotzerisches Boxenluder, auch wenn sie ihren Fuß als begabte Anführerin der inzwischen aufgelösten Aufrührerband "Hole" selbst auf die Monitorboxen stellte. Sie, die ihren sprechenden Namen 1965 von ihren Hippie-Eltern mit auf den Lebensweg bekam und Love Michelle Harrison heißt, blieb trotz aller Gerichtsprozesse das ungeliebte Liebchen.

Ein ernstgemeintes Liebesangebot

Nun aber scheint Courtney Love, die schon bei zahlreichen Gelegenheiten auf ihre Berufserfahrung als Stripperin zurückgegriffen hat und gegen die kürzlich Haftbefehl wegen Fernbleibens von einem Gerichtstermin erlassen wurde, der Welt ein ernstgemeintes Liebesangebot zu unterbreiten. Die Zeichnung auf dem Cover ihres ersten Soloalbums "America's Sweetheart" porträtiert die Sängerin als Tagtraum mit Flügeln. Als Galionsfigur des Fahrerhäuschens könnte dieser gefallene Schutzengel jeden Lastwagen durch die Wüste führen. Ist nun auch das Krawallmädchen, das nie viel auf Feindesliebe hielt, in den ewigen Jagdgründen der Americana angekommen? Leckt es seine Wunden in jenem Niemandsland, wo immer mehr Musiker, die der Großgenres und Substile überdrüssig geworden sind, eine Heimstatt finden?

Tatsächlich ist "America's Sweetheart" ein im vollen Saft stehendes Rockalbum von nahezu klassischer Strahlkraft. Schon mit dem druckvollen Eröffnungsstück "Mono" jagt ein Fegefeuer durchs aufgeräumte Studio, wo handverlesene Musiker eine Qualitätsgarantie abgeben. Doch die Schmutzspuren des Punk, die Love als Blessuren und Ehrenzeichen zur Schau stellt, tauchen nur noch in ein paar dreckigen Riffs und schmierigen Textstellen auf.

Ein amüsiertes Paarungsangebot

Zwar stimmt sie einschlägige Lockrufe wie "Oi oi oi" oder "Gabba gabba hey" an, um Grünhörnern vom Schlage eines Julian Casablancas die Richtung zu weisen - dem Sänger der "Strokes" unterbreitet die Enddreißigerin mit "But Julian, I'm a Little Bit Older Than You" sogar ein Paarungsangebot. Aber im Liebeswerben schwingt amüsierter Spott mit, und der Kniefall vor den Nachwuchspunks ist zugleich ein Akt der Unterweisung. Ausgerechnet eine Propagandistin der ewigen Pubertät will dem Punkrock also jenen verschwitzten Teenagergeist austreiben, den jeder Kopfschwenker in den vom harten Gekloppe unterlegten Anfangsakkorden von "I'll Do Anything" noch einmal schnuppern darf - die freche Imitation von "Smells Like Teen Spirit", des größten Hits ihres toten Mannes, geht bis ins übersteuerte Gitarrensolo.

Doch der Geist dieser Platte duftet trotz Ausnahmen wie dem hingerotzten "Zeplin Song" eher nach einem über Jahrzehnte gereiften Whiskey. Besonders in Elegien wie der brüchigen Hollywood-Abrechnung "Sunset Strip" ist die Westernromantik der Produzentin Linda Perry unüberhörbar, einst Sängerin der "4 Non Blondes" und nun die Macherin hinter Frauenfiguren wie Pink und Christina Aguilera. Der Song "Uncool", bei dem Elton Johns Texter Bernie Taupin die Feder führte, klingt schon beim ersten Hören wie eine schwelgerische Mitsinghymne. Und beim von einer leisen Orgel begleiteten Schmachtfetzen "Never Gonna Be The Same" würde man sich nicht wundern, wenn plötzlich Eric Clapton als Überraschungsgast die halbakustische Gitarre auspackte, den Fuß auf den Schemel stellte und in die Saiten griffe.

Gebrandmarkt mit geschundener Stimme

"America's Sweetheart" ist ein schönes Album, dessen Makel allenfalls darin liegt, daß es makellos durchproduziert ist. Doch wer argwöhnt, das Studio diente hier bloß als eine mit den teuersten Instrumenten bestückte Luxus-Rehabilitationsklinik für gefallene Stars, täuscht sich. Courtney Loves geschundene Stimme brandmarkt wie ein Wahrzeichen jeden Song. Wenn die Sängerin in "Life Despite God" die Grenze zum Lallen überschreitet und scheinbar die Ausfälle Janis Joplins in Woodstock nachahmt, dann erzählen die verschluckten Silben mehr über den Kampf gegen die Götter als die ausgesprochenen Worte.

Als Songschreiberin beschwört Love den kaputten Glanz der Rockmusik, deren Albträume sie vom Tod im Swimmingpool über die Stimmen im Kopf bis zu brennenden Kleidern ohne jeden Beigeschmack von Psychokitsch durchbuchstabiert. Autos, Pillen, Schlagzeilen - das in Halluzinationen verschwimmende Hollywood, das den Hauptschauplatz des Albums bildet, ist im Popgeschäft keine neue Kulisse. Aber nur ein geschundener Engel kann wohl mit so viel Liebe über eine Welt aus Schund singen.

Courtney Love, America's Sweetheart. Virgin/Emi 93335

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2004, Nr. 38 / Seite 41
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