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Chuck Berry zum 90. : Ein Mann aus geordneten Verhältnissen

Simple Stories, harte Gitarren: Chuck Berry legte die Fundamente für die moderne Rockmusik. Bild: dpa

Chuck Berry, uramerikanische Vaterfigur und böser Bube der Rockmusik, wird neunzig Jahre alt.

          Es ist bekannt, dass die um 1930 geborenen Musiker - aber sicherlich nicht nur die Musiker - eine schwere, entbehrungsreiche oder einfach nur grauenhafte Kindheit hatten. Umso bewundernswerter, aber, im Sinne eines Antriebs, auch umso begreiflicher, was sie danach aus ihrem Leben machten, nämlich oft das Beste: James Brown, Ray Charles, Johnny Cash, Ike Turner, Link Wray und wie sie alle hießen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Chuck Berry ist unter ihnen der Älteste, und er lebt sogar noch! Fragen nach seiner Kindheit aber pflegt er im Keim zu ersticken: „Jeder war mal Kind, da gibt’s nicht viel zu erzählen.“ Jedenfalls gibt es keine solche Elendsgeschichte zu erzählen wie bei den anderen; denn Chuck Berry, geboren in St. Louis, Missouri, stammt aus geordneten Verhältnissen, die sich kaum ausschlachten lassen für eines dieser melodramatischen Biopics, in denen die Karrieren solcher Giganten zuweilen unfassbare Züge bekommen. Da kann der Konzertfilm „Hail! Hail! Rock ’n’ Roll“, in dem Taylor Hackford quasi den Urschrei dieser Musik in den Titel nahm, nicht mithalten.

          Er ließ die komplette Beatmusik erahnen

          Jenseits jeder Chronologie hat man in Chuck Berry den Urvater des Rock ’n’ Roll zu sehen; denn auch wenn er die Bühne ein Jahr später betrat als Elvis Presley und Bill Haley, so war doch der Eindruck, den er 1955 auf Anhieb hinterließ, der wuchtigste und auch nachhaltigste: Die sich wohl auch dem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter verdankende Selbstsicherheit, mit der dieser versierte Komödiant und Performer damals „Maybellene“ vortrug, das sich der nachmals so abgedroschenen Analogie Auto-Frau erstmals bediente, ließ in der Rückschau schon die komplette Beatmusik der frühen Beatles, Animals, Kinks und vieler anderer erahnen, auch die Archaismen von Creedence Clearwater Revival.

          Rockmusik, die mit zündenden Gitarren arbeitet und Wert auf einen hohen Rhythm&Blues-Gehalt legt, ist schon rein musikalisch ohne ihn und „Johnny B. Goode“, „Roll Over Beethoven“, „Memphis Tennessee“, „Sweet Little Sixteen“ und, und, und nicht denkbar. Und die Young-Brüder von AC/DC, die Könige des harten, riff-lastigen Rock, schworen im fernen Australien nur auf diesen einen Namen, nicht auf irgendwelche Virtuosen-Langweiler des Bluesrock.

          Zweieinhalb-Minuten-Geschichten aus dem Alltag

          Fast noch einflussreicher aber ist Chuck Berry als Chronist. Willi Winkler nannte ihn vor zehn Jahren, zum Achtzigsten, den „größten Dichter, den Amerika je hervorgebracht hat“, und das war nur eine sachte Zuspitzung. Auch Bob Dylan hat es zu akzeptieren, dass Chuck Berry für die Identifikationskraft der Rockmusik mehr geleistet hat als jeder andere, indem er seine Zweieinhalb-Minuten-Geschichten im uramerikanischen, vom Konsum geprägten Alltag der Telefonzellen und Highways, Bushaltestellen und Flughäfen ansiedelte und für eine Wiedererkennbarkeit von Lebenssituationen sorgte, die niemanden, der sich wenigstens ab und zu mal einen Eisdielen-Besuch leisten konnte, ausschloss. Die Simplizität dieser Storys, die perfekt mit den Akkorden harmonierte und ein so nie wieder erreichtes, bündiges Ganzes erzielte, bekam in den Folgejahrzehnten, in denen Berrys Wirkung nie ganz nachließ, etwas Uralt-Musterhaftes.

          Die persönlichen Eskapaden dieses Mannes, dessen Launenhaftigkeit und Reizbarkeit gefürchtet waren - man frage nur Keith Richards -, stehen auf einem anderen Blatt. Mehrere Gefängnisaufenthalte, Tantiemenprobleme, die bis in seine früheste Zeit reichten, dazu Schwierigkeiten mit Plattenfirmen, mit denen der Spätstarter wertvolle Zeit vergeudete, vermochten seine Energie nie nennenswert zu drosseln. Bis ins höhere und nun hohe Alter stand und steht er auf der Bühne, um die einzigartige Magie seiner Musik herüberzubringen. An diesem Dienstag wird Charles Edward Anderson „Chuck“ Berry neunzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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