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CD von Käptn Peng : Mikroben, Kugelblitze und der ganze Rest

  • -Aktualisiert am

Ein Wandler zwischen den Gattungsgrenzen: Der Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek. Hier in der Rolle des Gregor Jens aus dem Film „Das Wochenende“ Bild: UFA-Cinema

Zwischen Ulk und Einsamkeit, verspieltem Jazz und und rhythmischem Rock - Ab ins Universum: Käptn Peng und die Tentakel von Delphi lösen den Diskurspop im Tanzrausch auf

          Der beliebt-berüchtigte deutsche Kopfpop hat jetzt sein Endstadium erreicht. Längst hielt man ihn für dahinscheidend, ausdünnend, verdimmend; nun flackert er noch einmal hell empor, lodert, zuckt, tanzt, lässt tanzen. „Käptn Peng und die Tentakel von Delphi“ führen auf einerseits euphorisierende, andererseits aber auch verstörende und bedrückende Weise zu Ende, was vor vielen Jahren, sagen wir, mit „Ton Steine Scherben“ und später „Fehlfarben“ begann, was dann in den goldenen Neunzigern mit Bands wie „Die Sterne“, „Blumfeld“ oder „Tocotronic“ zunächst mit viel Elan aufgegriffen wurde, um dann immer weiter in der Seitengasse der weltfernen Verzagnis zu versacken, der für ungenügend befundenen Welt hin ins große Achselzucken zu entfleuchen.

          So verabschiedete sich das Projekt, gesellschaftliche Positioniertheit und Gedankenschärfe mit dem absoluten Willen zum Pop in Einklang zu bringen, dem Willen, zu rocken und all das, was man zu sagen hat, am Ende des Abends vielleicht auch mal ungesagt sein zu lassen, vielleicht einfach auch mal das Hirn auf Standby schalten zu können: Dies war die ungenannte Sehnsucht aller Mühen, das nie erklärte und natürlich auch kaum erreichbare Ziel der Kopfpopper.

          Hier wird gefunkt, gerumpelt, gerockt, gerappt und gejazzt

          Denn immer hat man ja doch etwas mitzuteilen, immer doch eine Ich-, Du- oder Wir-Botschaft oder eine Welterklärung hinauszusingen gehabt; politisch; skeptizistisch; ichbezogen, und niemals, oder nur in ganz seltenen Momenten, hat man die absolut systemkonforme Urbotschaft des Pop ungebrochen rüberbringen wollen: Tanzt, Leute, tanzt, denn morgen steht wieder ein schwerer Arbeitstag an. Sehnt euch nach Liebe, Leute, gründet Familien, damit ihr dann keine Fragen mehr stellt und die Revolution hübsch brav in den Liedern bleibt.

          Dieses Dilemma des deutschen Kopfpops wird bei Käptn Peng nun auf seine mutmaßlich äußerste Spitze getrieben: Musik und Mitteilung fallen so weit auseinander, dass sie beinahe schon eine Welt umspannen und sich hinten wiedertreffen, und das ist es vermutlich auch, was die Menschen massenweise in die Konzerte dieser Gruppe gezogen hat, ohne dass irgendeine bemerkbare Werbung stattgefunden hätte, außer der von Ohr zu Ohr zu Ohr: Hier wird gefunkt, gerumpelt, gerockt, gerappt und gejazzt, wie man es beim Deutschpop noch nie erlebt hat, am ehesten sind noch Die Sterne in die Nähe dieses Grooves gekommen, über den man eigentlich gar nicht schreiben möchte beziehungsweise kann: Denn zum Darüberschreiben ist er ja nicht gemacht. Sondern zum Zucken und Hopsen.

          Für diese tolle Errungenschaft deutscher Musikkultur sind dabei die Namenloseren in der Band zuständig, die schweigenden Interviewbeisitzer an Bass, Gitarre und Schlagzeug, deren Namen sich kaum herausfinden lassen, und die aber auch, in all dem Tanzwirbel, wo nur noch die Körper miteinander und mit der Weltseele sprechen, eigentlich gar keine Namen brauchen.

          Und für uns schon gar nicht. Denn für die sprachliche Kommunikation, für die Aussage beziehungsweise deren wortgewaltig ausufernde Verweigerung ist vor allem der Texter, Rapper (und übrigens ja auch nicht ganz erfolglose Schauspieler) Robert Gwisdek zuständig, dessen Bruder Hannes als Rhythmusexperte den Vorsänger mit der Band verzahnt.

          Käptn Peng und das Universum

          In dem, was Robert sprechsingend zum Vortrage bringt, hat es die intellektuelle Distanzierung bis zum äußersten Ende der Klippe gebracht: Nicht mehr die Gesellschaftsbeschreibung aus der Ferne ist hier das Thema, nicht wird das Individuum wohlgeordnet in eine Pose von Überlegenheit, Ablehnung, Revolte, Ennui oder Besserwisserei gebracht.

          All das ist längst verabschiedet worden, die Menschheit an sich kommt nur noch als Fußnote aus sieben Milliarden Idioten vor: Käptn Pengs Texte setzen sich eigentlich eher mit dem Universum auseinander, mit der Krümmung des Raumes, den Mikroben, mit gestreiften und ungestreiften Dingen, mit den Gebäuden, Haltungen und Verweigerungen, Meinungen, Weichorganismen, mit Gott, Gottes Schöpfer, Socken-Handpuppen, Kugelblitzen und dem ganzen Rest.

          Ein Mix aus Ulk und Einsamkeit

          In Käptn Pengs Texten wird keine Haltung mehr eingenommen, sondern, und da kommt man mit der Rauschlust des Tanzens zusammen, alles, aber auch wirklich alles wird zermanscht und verrührt, und wenn, inmitten dieser Totalauflösung alles Wahrnehmbaren, sich noch etwas herauszuheben scheint, so ist es eine Art Ich, das sich von sich selbst verabschieden will, das die eigene Existenz und die des Universums in einem Abwasch in Frage stellt. Der Wahnsinn, sagte Robert Gwisdek alias Käptn Peng in einem Interview, sei in seinem Leben schon immer ein Thema gewesen: „Das Rappen hilft mir, die Mitte zu finden in diesem Gewitter in meinem Kopf.“

          Wohin soll uns das führen? Humor wäre natürlich schön, ein Lächeln. Für den Fan. Humor ist es, der die Lust und Erlösung des Rhythmus mit der Schärfe des Draufblicks versöhnt. Aber sind Käptn Pengs Lyrics, die man zunächst als ulkig, gewitzt und wohltuend unkitschig rezipiert, sind sie wirklich von einer kontrollierten, pointenfreudigen Distanz-Lust getragen? Oder ist es doch wirklich der Blick eines, der wider den Willen fortgerissen wird aus allen Zusammenhängen? Irgendwo wohnt eine maximale Einsamkeit und Verzweiflung in diesen Texten, und wenn wir die erst gespürt haben, hilft uns die Musik kaum noch darüber hinweg.

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