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CD-Kritik Julian Casablancas: Die elfte Dimension

05.11.2009 ·  Mit seiner Band The Strokes rettete er einst den gammeligen New Yorker Rock'n'Roll, jetzt treibt es Julian Casablancas erheblich bunter. Sein bemerkenswertes Solodebüt erinnert mit seinen hinterhältigen Melodien und dem pathetischen Gesang an einen böse schillernden Schmetterling.

Von Edo Reents
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Wenn man sich als Sänger einer wichtigen Band selbständig macht, dann gibt es dafür im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder man greift auf die vertrauten Mitspieler zurück und schreibt auf die Platte dann eben nur seinen eigenen Namen - das wäre das Modell Rod Stewart -, oder man sucht sich dafür anderes, am besten ebenfalls schon berühmtes Personal - das wäre das Modell Mick Jagger, der für sein eigentliches Solodebüt „She's The Boss“ (1985) geradezu sagenhafte Prominenz einspannte (Jeff Beck, Pete Townshend, Herbie Hancock, Sly Dunbar und Robbie Shakespeare) und damit die Tatsache kaschierte, dass er im Vergleich zu den übrigen Rolling Stones spät dran war.

Spät, aber nicht zu spät kommt nun auch Julian Casablancas mit einer eigenen Platte. Der Sänger und Songschreiber der Band The Strokes beschreitet dabei gewissermaßen einen dritten Weg und macht fast alles alleine - Modell Steve Winwood, der allerdings auch schon bei Traffic sehr vieles selbst gemacht hat. „All instuments played by Julian Casablancas und Jason Lader“ versichern die liner notes, was insofern überrascht, als Casablancas bei den Strokes als Instrumentalist bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Ein halbes Dutzend Musiker hilft bei dem einen oder anderen Lied dann doch aus und besorgt Percussion, Tambourine, Orgel, Horn und Gitarre. Dass Casablancas Wahl auf Jason Lader und auf keinen großen Namen fiel, wird man als Zeichen von Souveränität deuten dürfen - wie leicht hätte er irgendeinen Rick Rubin (der jedoch in der Dankadresse auftaucht) oder, eine Nummer kleiner, einen Nigel Godrich nehmen können, die ihm einen aufs Wesentliche reduzierten oder eben über alles Wesentliche hinausschießenden Sound schon geschneidert hätten.

Die Kühle des folgenden Jahrzehnts

Jason Lader, der unter anderem die bisher jüngste und hoffentlich nicht letzte Platte von Rilo Kiley beaufsichtigt (“Under The Blacklight“, 2007) und es zugelassen hat, dass die fabelhafte Jenny Lewis sich darauf sehr bedrohlich dem Gesangsstil Belinda Carlisles annähert, ohne sich dabei lächerlich zu machen - Lader sorgt als Produzent nun für ein rockhistorisch informiertes, doch keineswegs aufdringlich nostalgisches Klangbild, das mehr Zeitgenossenschaft verrät, als man vom Cover her vermuten könnte: Der Sänger sitzt einsam, aber selbstbewusst auf einem Stuhl inmitten von allerhand Apparaten (riesige Lautsprecherboxen, ein Klavier, eine Gitarre, ein Horn), zu seinen Füßen auf dem Holzfußboden ein demütig zu ihm aufblickender Hund, der genauso aussieht wie der von His Master's Voice und es auch sein soll, wie das auf einer Anrichte deponierte Grammophon nahelegt.

Diese entschieden analoge Aufmachung führt ein wenig in die Irre - „Phrazes For The Young“ ist überhaupt kein klassisch-warmes Siebziger-Jahre-Rockalbum; es verströmt die Kühle des folgenden Jahrzehnts und steht allem, was nach 1980 kam oder noch da war, nahe, also New Wave, Reggae, Disko, Clubmusik. Aus diesen Stilrichtungen speisten sich auch die bisher drei Strokes-Platten, aber es waren eher Einsprengsel, klug eingebaute Zitate, die an dem grundsätzlichen Post-Punk-Charakter dieser damals wie eine Offenbarung gefeierten Musik nichts änderten.

Wie zu Lou Reeds Glanzzeiten

Von diesem Hintergrund konventioneller, aber doch immer wieder aufregender Gitarrenlastigkeit hat sich Julian Casablancas nun zumindest für dieses eine Mal gelöst, und hervor tritt ein farbenkräftig, fast böse schillernder Schmetterling, der über so ziemlich jede Abgefeimtheit verfügt, die seit Bryan Ferry und Roxy Music Standard ist: die experimentierfreudige Handhabung der Instrumente, die schon aus minimalen Akkordwechseln erzielten Effekte (das alte Velvet-Underground-Erbe der Strokes), die bisweilen hinterhältigen Melodien und vor allem das Pathos des Gesangs. Julian Casablancas ist ein zurückgenommener Sänger, dessen Stimme man die Herkunft aus besserem Hause (der Vater gründete die Model-Agentur Elite) und ein nicht leicht zufriedenzustellendes Geschmacksbedürfnis abzuhören meint - selten geht er in seinem öligen Vortrag zum Äußersten.

In der damit hergestellten Distanz zum Rock lebt er sich mit Material aus, von dem nicht anzunehmen ist, dass er damit vorher bei seiner Band abgeblitzt wäre (wie es dem Strokes-Gitarristen Albert Hammond jr. passiert war, der daraufhin zwei eigene Platten veröffentlichte). Es sind acht Lieder, was heute für ein Album wenig ist; aber sie sind im Durchschnitt fünf Minuten lang, und die Hälfte davon sind Kostbarkeiten, frei von der Schnodderigkeit der Strokes-Lieder, die der gelungene Auftakt „Out of the Blue“ noch am ehesten atmet: ein geradliniger Rocksong, der an Lou Reeds Glanzzeiten erinnert.

Fast schon Country

„Left & Right in the Dark“ ist dann mit der großzügig draufgegossenen Synthesizersoße beste, späte Roxy-Music-Schule und im Übrigen ein Kratzfuß vor den als stilprägender Einfluss nun klar erkennbaren Cars, man könnte aber auch sagen: Icehouse. Die Single „11th Dimension“ könnte eine Anspielung auf den 11. September 2001 sein, denn dies war die Zeit, in der die Strokes berühmt wurden; sie sind eine Band der Zeitenwende, die mit dem ihr unterstellten Coolnessfaktor den New Yorker Rock'n'Roll wiederbelebte, den Britpop in gewisser Weise überflüssig und so Platz für Bands wie die Libertines und Franz Ferdinand machte.

„Chords of the Apocalypse“ ist mit seiner verblüffenden Hammond-Orgel eine Reminiszenz an „Kiss and Say Goodbye“ von den Manhattans, „Tourist“ ist stampfender Bombast nach Art von Sisters Of Mercy. Herausragend, in jeder Hinsicht überraschend dann „Ludlow St.“: Das Intro ist so kakophonisch-spätindustriell, dass man schon meint, gleich kommt „Uhrwerk Orange“ im Fernsehen; aber dann geht die Sache über in einen Drehorgelwalzer, trunken und voller trauriger Hingabe an eine überholte Lebensform, fast schon Country, nicht nur auf Grund des Banjo-Einsatzes.

Damit hat Julian Casablancas mehr als einen Achtungserfolg erzielt (der aber wohl auch das Mindeste gewesen wäre, was man von einem Musiker seiner Klasse hätte erwarten können): eine sehr gute, allerdings nicht leicht zugängliche Platte.

Julian Casablancas, Phrazes For The Young. RCA/Cult Records 48421 (Sony)

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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