Popmusik - nicht dieses fortwährend nach „wichtigen Alben“ oder „sozialen Veränderungen im Clubwesen“ geordnete und daher größtenteils ausgedachte Zeug, das unsereins Kritikmensch gerade noch mitkriegt, sondern der brodelnde, in steter Gärung begriffene, mal leckere, mal mit eiskalten Bohlenviren verseuchte Dreck, der sich pikosekundenweise in Casting-Katastrophen, Streaming-Ozeane und Teenager-Fernsehserien-Soundtracks ergießt - versteht längst kein Mensch mehr: War das im Taxi gerade Rihanna oder was Schiefes aus Rumänien, wieso lassen sich Zendaya und Bella für die „Bravo“ in dermaßen unvorteilhaften Fetzen fotografieren, und seit wann heißt Hiphop aus Stuttgart eigentlich „Cro“ statt „Fantastische Vier“?
Egal, es gibt eine neue Madonna-Platte (Aufatmen bei bezahlten wie darbenden Bloggern: Okay, die Alte kennen wir wenigstens). Und? Wie ist sie so? Drei himmlische Nummern, drei scharf verunglückte, der Rest hält sorglos mit sich selbst mit. Ein Stück heißt „Masterpiece“, ist aber keins, sondern schmachtet verhalten lacrimando auf bequemem Teppichklopfertupfenrhythmus vor sich hin. Nebenbei fällt der Chefin an anderer Stelle immerhin die zweitbeste Textzeile ihrer Karriere aus dem Mund. Saubere Arbeit, zufriedene Kundschaft, Faktenfresser bitte nicht weiterlesen, es beginnt die zergrübelte Etüde.
Ohne Hirn, aber mit wehenden Mähnen
Möglich wäre ja zum Beispiel, dass das digitale Soundzeitalter endlich Geräusche gefunden hat, die dem Historisierungsgehabe der Popkritik wenigstens im Moment der Veröffentlichung widerstehen und damit der vorwegnehmenden Nostalgie, die derzeit so viel Pop so widerwärtig macht, den Weg versperren - auf „MDNA“, dem neuen Madonna-Brocken, erzeugen dieses Empfinden gewisse Fanfaren, aus Blechbacken blasende Harmonien sowie diverse erlesen dumme Beats. Es dämmert da etwas wie die Suggestion von erneuerter Monauralität herauf: Wann und wo ist eigentlich Stereo gestorben?
„Like a fish out of water“ nennt Madonna einen Zustand, der ihr hörbar recht gut passt, kühl wie eitel Edelgas, aus einem Glitzern herausgeflötet, das von der Wiedererkennbarkeit dieser weltberühmten Stimme nichts zu wissen vorgibt - und dazu, Galoppel, Galoppel, tänzelt ein hypno-erotischer Beat und stellt sich schließlich auf die Hinterbeine wie eine hübsche Reihe weißer Pferdchen ohne Hirn, aber mit wehenden Mähnen. Das Ding heißt „Gang Bang“, au Backe. Zur Fortführung des brillanten Anfangs-Minimalismus gebricht der seltsamen Nummer schließlich zwar der Mut; erstklassig ist sie aber trotz der Aufgescheuchtheiten, die in ihm herumfegen: Nervosität also kennt sie noch, die Allererfolgreichste, Gott sei Dank.
Wie ein Luftballon in der Stratosphäre
Oft wird das weit Ausladende, das man von Madonna seit „Ray Of Light“ (1998) kennt, jetzt in Verschlucktes zerkrümelt wie Zahnstein bei der medizinischen Mundreinigung. Andererseits, wenn es sein muss, röhrt sie schamlos: „I’m addicted to your loooove“ - der vollmundig gelogene Gesang wird von Echos und anderen Overlays lustvoll erwürgt oder mit Schmalz weggehaucht, als wären alle Noten Pusteblumensamen.
Ein Song (doch, das heißt so: Es sind immer wieder tatsächlich Lieder, nicht Collagen, Klangflächen oder wie der Firlefanz heißt) namens „Some Girls“ fängt neckisch glückverweigernd an und schraubt sich dann schräg ins Nichts - die tanzbodenaffinen Taktverhältnisse zwischen Arsis und Thesis sind, wenn kein lebendes Wesen mehr trommelt, eben nur mehr Rahmen für eine nicht länger primär mittels Wumm und Bumm und Tschack, sondern übers Aufquellenlassen von Emphase in verschiedenen Klangschichten gesteuerte Songdramaturgie. So was braucht man, „when the world starts to get you down“: Wie niedlich, das berühmte „Radio“ wird tatsächlich noch einmal als Freund in der Not empfohlen; die Musik dazu besteht aus in Lalala-Schokolade eingepacktem Puderkram, platzt bald wölkchenförmig auf und lässt seinen bunten Talmifrohsinn aus den Boxen stäuben, als wären Menschenohren aus besonders saugfähiger Silberwatte.
Die supereffektive Fabrik Madonna besitzt Rapperinnen, Cheerleader-Chöre und Peitschenzwerge, die Unfug mit Gitarren treiben, mal verzerrt, mal so, als zupfte jemand das Moos von den Saiten einer Bluegrass-Klampfe (sicher, nichts davon reicht an die Genialität des Gitarrenmissbrauchs bei „Don’t Tell Me“ auf „Music“ von 2000 heran, es ist aber doch die inzwischen sehr beruhigte Nutzanwendung eben davon). Schlimm schief geht die Zeile „be my lucky star“ als lyrisches Selbstzitat: So was Verblasenes, um auch mal moralisch zu werden, macht man einfach nicht. Zum Glück besinnt sie sich und sagt dann, in „Love Spent“, das Schönste, was sie seit „Don’t go for second best, baby, put your love to the test“ gesagt hat: „hold me like you hold your money“. Nach solchen Witzen wird sich die bargeldlose Zukunft noch zurücksehnen, wehe! Zum Ausklang, „Falling Free“, entsendet William Orbit die Chefin als mit Leuchtfingerfarben bemalten Luftballon in die Stratosphäre, „free to go“, mit Glöckchen, sachte schwächer werdend, allerliebst.
Langt es für die Clubs?
Wie bitte? Kritik? Gewiss, man liest, da wären welche unzufrieden, weil die Chefin zu oft von „girl“ und „girls“ phantasiere - steht ihr das zu, in ihrem Alter? Als hätte man nie von den „Golden Girls“ gehört, als wäre nicht der kameradschaftlichste Gruß unter urbanen Strolchen, die sich zur Selbstfindung in den Schritt fassen, wo die weiße Trainingshose am lässigsten durchhängt, seit langem: „Hallo, Mädels!“ Nein, Stuss wie „sie ist gealtert, der Thron steht Lady Gaga zu, Wechseljahre, Muttersorgen, et cetera“ sollte man bitte erst diskutieren, wenn die nächste Bruce-Springsteen-Tournee von entsprechenden Erörterungen männlicher Altersblasenschwäche unter Stadionkonzertbedingungen begleitet wird.
Aber die Clubs in den hedonistischen Metropolen? Langt’s dafür? Die berlinischste Berlinerin, die der Rezensent kennt und von der sich nicht behaupten lässt, sie sei übertrieben heterosexuell, geht am Freitag immer in die Schwulendisco und freut sich über Waschbrettbäuche. Dort wird diese Platte ihr Dienstleistungsprofil schärfen, warte nur, balde.
Kritisch-soziologisch erwischt man so was nie. Madonna, das wissen alle, gehört Millionen, die andere Sorgen haben als Kulturgeschichte.
Dietmar Dath macht´s als leuchtendes Beispiel vor...
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 23.03.2012, 21:48 Uhr
Manchmal will man halt nur etwas Spass
Karla Wesel (Kalinka76)
- 23.03.2012, 13:01 Uhr
Trockene Kritik ...
Art Bleiglass (bleiglass)
- 23.03.2012, 12:23 Uhr