19.03.2011 · Auf die Fangemeinde mag es zunächst verstörend wirken, aber mit „Schiffsverkehr“, Grönemeyers neuer Platte, hat sich der Musiker in den eigenen Wind gedreht, ohne Rücksicht auf Geschmackskompatibilität. Selbstbesinnung heißt sein neues Programm.
Von Michael LentzEs gehört zu den Vorzügen von Herbert Grönemeyers Musik, dass man sie mehrmals hören kann und muss. Man hört sie oft – um zu begreifen, was beim ersten Hören nur Ahnung war. Das liegt weniger an der zuweilen beklagten phonetischen Unverständlichkeit seiner Texte, die aus dem eigentümlichen Verschleifen von Wörtern und aus dem Weglassen von Endungen resultiert, als vielmehr an dem Amalgam von Text, Musik und Stimme, auf das Herbert Grönemeyer ein Patent besitzt.
Bei ihm hört man da genauer hin. Und das mit jedem Hören neu. Das zweite Hören ist ein Nachhören mit dem Booklet in der Hand, bei einigen Songs Wort für Wort, Zeile für Zeile. Zur eigenen Überraschung entpuppt sich so manche bereits für eingängig befundene und eingeprägte Wendung als Desinformation der Ohren, die partout etwas hören wollen, was der Song gar nicht ausgesendet hat. Ist das ein Makel? Im Gegenteil. Es zieht den Hörer ganz in die Musik, die eben keine beliebig dahinrauschende Konfektionsware ist. Der Grönemeyer steckt im Buchstaben.
Auf seinem neuen Album „Schiffsverkehr“ (auf Grönland/EMI) wollen die Ohren im Refrain von „Auf dem Feld“ immer „Tanz bis Korsika / lass die Schultern kalt“ oder alternativ „Tanz Discordia“ hören, obwohl es „Tanz das goldene Kalb / lasst die Schulter kalt“ heißt. So steht es zumindest im Booklet. Das weiß man dann – und hört trotzdem wieder „Tanz bis Korsika“. So versteht jeder seinen eigenen Grönemeyer. Das individuelle Hören, das zwischen zerstreuter und identifizierender Aufmerksamkeit pendelt, wird überlagert von einer Affektästhetik, die bei Grönemeyer einerseits ein emotionales Schweben zwischen Freude und Melancholie auslösen kann, andererseits (Selbst-)Identifikation ermöglicht. Das unterscheidet ihn nicht grundlegend von anderen Popmusikern. Bei ihm aber kommen Anmut und so etwas wie „schöne Seele“ ins Spiel, auch Erhabenheit – und nun mit „Schiffsverkehr“ eine gewisse, wohltuende Abgeklärtheit.
Die Dämonen sind versenkt
Innerhalb der Werkbiographie Grönemeyers nimmt „Schiffsverkehr“ in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Zum einen sind die insgesamt zwölf Titel („November“ als Kopierschutz-Zugabe) konzentrierter gearbeitet als zum Beispiel das letzte Album „Zwölf“ (2007). Zum anderen hat sich Grönemeyer mit „Schiffsverkehr“ in den eigenen Wind gedreht ohne Rücksicht auf Geschmackskompatibilität, was auf die Fangemeinde zunächst einmal verstörend wirken mag.
Diese beiden Aspekte, das Konzentrierte, das in einer musikalisch und textlich größeren Geschlossenheit zum Ausdruck kommt, und die Rückbesinnung auf sich selbst gehören komplementär zusammen. Rund die Hälfte der Titel sind zum Teil kryptische, dann aber auch wieder ganz offene Selbstanrufungen. Dabei ist zum Beispiel der Titelsong „Schiffsverkehr“ keine hermetische Poesie, der ohne die Deutungshorizonte der abendländischen Literaturgeschichte nicht beizukommen wäre.
„Schiffsverkehr“ liegt ein Text zugrunde, der ohne die Kenntnis von Grönemeyers biographischem Hintergrund manchem vielleicht unmotiviert erscheint. Mit diesem Lied schließt sich der Kreis zu den musikalischen Verlustanzeigen im Album „Mensch“ von 2002 im Sinne eines Abschlusses und einer, wenn auch vielleicht nur trotzig behaupteten, Bewältigung der „Schicksalsschläge“: „Die Dämonen sind versenkt.“ Aber was kann jemand meinen, wenn er „mehr Schiffsverkehr“ will? Doch wohl kaum mehr Schiffbruch. Eher ist mit diesem Wunsch die Vorstellung des Aufbrechens in unbekannte Gefilde (des eigenen Lebensweges) verbunden, frei nach Dantes Satz „Da wo ich segle, fuhr kein Schiffer noch“ aus der Abteilung „Paradiso“ seiner „Göttlichen Komödie“.
Gewinnend buntscheckig
Aufbruch also, mit der Unbedingtheit eines absoluten Präsens: „Es gibt kein Damals mehr, es gibt nur ein Jetzt, ein Nach Vorher.“ Klingt die Grönemeyer-typische Wendung „Ein Nach Vorher“ (warum nicht „ein Nach Vorhin“?) noch wie Flucht in Permanenz, so kommt dieses immer schon vergangene „Jetzt“ durch die paradoxe Formel „Werde, wer ich bin“ wieder zur Ruhe. Selbstbesinnung heißt also das Lebensprogramm von „Schiffsverkehr“ bis hin zur ironisierten, dabei doch ebenso wortwörtlich zu nehmenden Liebeserklärung des Sängers an sich selbst: „Ich bin total in mich verliebt / keiner liebt mich so wie ich / ich bin so froh, dass es mich gibt“, wie es in „So wie ich“ heißt.
Den um sich selbst kreisenden Titeln stellt Grönemeyer Liebesballaden wie „Unfassbarer Grund“, „Deine Zeit“ oder „Zu Dir“ gegenüber. „Zu Dir“ ist eine wunderbare Sehnsuchtshymne, die zwar den Verlust beklagt, gleichzeitig aber um das positive Eigenleben von Erinnerung weiß, die „immer jung“ bleibe. Mit seiner an eine Spieluhr erinnernden Musik präsentiert sich „Unfassbarer Grund“ als eine Art Kinderlied. Textlich kommt das Spielerische in der Abwandlung von Sprichwörtern wie „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ („Wo steht, wer fragt, der nicht gewinnt“) oder in der Zerlegung von Komposita („Ohne Regel kein Verkehr“) zum Ausdruck. Dieser Umgang mit Sprache ist seit Jahren ein spezielles Grönemeyer-Idiom genauso wie die zu ihrer sprechrhythmischen Betonung gegenläufige metrisch-musikalische Einpassung von Wörtern, was zu irritierenden Rückungen führt wie in dem ganz auf Schiffsmetaphorik geeichten „Kreuz meinen Weg“: „willens, Unmögliches zu wagen“.
Die musikalischen Anleihen und Stilzitate in „Schiffsverkehr“ geben dem Album etwas gewinnend Buntscheckiges. Scheint Grönemeyer in „Kreuz meinen Weg“ atmosphärisch zunächst an Gothic respektive Dark Wave anknüpfen zu wollen, bevor sich das Stück zu einer kraftvollen Hymne aufschwingt, so wechselt er im druckvoll treibenden „Fernweh“, unterstützt von einem Backgroundchor, für Augenblicke zum Kirchenchoral
Ein Glanzstück gefühlvoller Songkultur
„Erzähl mir von morgen“, basierend auf dem Haupttitel aus Grönemeyers Filmmusik „The American“ (2010), überzeugt als schreitende Prozessionsmusik, als eindringlicher Trauermarsch. Hier wird Grönemeyers Stimme ihr eigener Backgroundchor. In der Cowboynummer „So wie ich“, mit welcher der Sänger kurzweilig ins Countryfach wechselt, singt er mit sich selbst nach dem Prinzip von „call and response“. Der im Duktus souveräne, musikalisch für Grönemeyer ungewohnte Abschiedssong „Lass es uns nicht regnen“ entfaltet mit sparsamen Klavierakkorden, dezentem Bläsersatz und dem die Stimme markant grundierenden Bass eine Lässigkeit und einen eher amerikanischen Sound, der die Stimme ganz nach vorn treten lässt. Überhaupt sorgen die Musiker Norbert Hamm (Bass), Jakob Hansonis (Gitarre), Alfred Kritzer (Keyboard), Armin Rühl (Schlagzeug) und Stephan Zobeley (Gitarre) für Qualitätssicherung auf höchstem Niveau. Der grandiose Saxophonist Frank Kirchner wird dieses Mal nur auf der Live-Tour zu erleben sein.
Die in der äußeren Aufmachung eher klassisch gestaltete Special Edition von „Schiffsverkehr“ enthält unter anderem eine zweite CD mit sechs englischen Titeln, darunter die englischen Versionen von „Mensch“ (von der Platte „Mensch“) und „Ich versteh“ („I Walk“ von „Zwölf“). Das sentimentale „Keep Hurting Me“ mit seiner barockisierenden Einleitung und sparsamen Instrumentierung (akustische Gitarre als Laute, dazu Streicher) ist der verblüffende Höhepunkt der Beigabe: ein Glanzstück gefühlvoller Songkultur.
Mit dem neuen Album „bleibt alles anders“, wie Grönemeyer 1998 schön paradox ein Album betitelte. „Schiffsverkehr“ ist ernst und würdevoll, eine prägnante, dabei im Duktus ruhige Neubesinnung und musikalische Lebensbilanz. „Schiffsverkehr“ wird bleiben, mit jedem Hören anders. Und da ist noch lange nicht alles ausgehört. Verbeugung.