Schon seit Jahren behauptete Kevin Rowland, mit Originalmitgliedern der Dexys Midnight Runners - der Bandname wurde in der Zwischenzeit auf Dexys verkürzt -, an neuem Material zu arbeiten. Dass jetzt allerdings tatsächlich ein ganzes Album mit elf neuen Songs erscheint, kommt einer Sensation gleich, denn der 1953 im englischen Wolverhampton geborene Kevin Rowland galt über die Jahre als extrem erratisch und unzuverlässig.
Als im Sommer 1980 „Searching For The Young Soul Rebels“ erschien, lösten Dexys Midnight Runners ein nicht nur musikalisches Beben aus. Ihre Musik, deren klangliche Blaupause sie sich übrigens bei Van Morrisons Album „Into The Music“ von 1979 ausgeliehen hatten, war ein unverschämt kraftvolles Amalgam aus Soul, Folk und Rock mit einer prächtig schmetternden Bläserabteilung - in Zeiten von Punk und New Wave ein eigentlich nicht gerade erfolgversprechendes Rezept. Doch die Band gerierte sich in dunklen Klamotten und Wollmützen als Straßengang und sorgte auch damit für Furore, dass ihr Sänger und Anführer Rowland nicht mit der Presse sprach, sondern stattdessen großspurige Statements als direkte Kommuniqués absetzte.
Die schnieken Business-Anzüge
Mit dem britischen Nummer-1-Hit „Geno“ bescherten Dexys Midnight Runners Geno Washington eine späte zweite Karriere, doch kurz darauf hatte Kevin Rowland bereits anderes im Sinn. Schon für das zweite Album „Too-Rye-Aye“ feuerte er die halbe Band und steckte die neuen Musiker in zerrissene Latzhosen. Der aufgekratzte Folkrock stand in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem nun immer etwas ungewaschen wirkenden Erscheinungsbild der Band, bei Van Morrison bedankten sie sich, indem sie dessen Lied „Jackie Wilson Said (I’m In Heaven When You Smile)“ von der 1972er Platte „Saint Dominic’s Preview“ ziemlich originalgetreu coverten. Das Ergebnis war ein noch größerer Erfolg als das Debütalbum, die Single „Come On Eileen“ war in den Vereinigten Staaten sogar der erfolgreichste Song des Jahres 1982.
Mit „Don’t Stand Me Down“, dem dritten Album, hatte Kevin Rowland das Konzept des rasanten Imagewechsels dann allerdings überreizt. Diese grandiose Platte, für die Kevin Rowland altgediente Recken wie den Atomic-Rooster-Organisten Vincent Crane rekrutiert hatte, wurde ein Flop - geschuldet wohl dem Umstand, dass Rowland auf ihr minutenlang ohne instrumentale Begleitung vor sich hin murmelte; es lag aber wohl auch an dem aufreizenden Coverfoto, auf dem Rowland das verbliebene Rumpftrio an Musikern in schnieke Business-Anzüge gesteckt hatte.
Kevin Rowland machte noch das respektable Soloalbum „The Wanderer“, das jedoch völlig unbeachtet blieb, und verschwand danach in der Versenkung. Elf Jahre später ließ er sich auf dem Cover seines zweiten Albums „My Beauty“ in Frauenkleidung inklusive erlesener Spitzenunterwäsche abbilden - in der britischen Rockszene war er seitdem unten durch.
Doch das musikalische Erbe von Dexys Midnight Runners erwies sich als zu stark. In der kommenden Woche erscheint, nach 27 Jahren, tatsächlich ein neues Dexys-Album: Auf „One Day I’m Going To Soar“ führt Kevin Rowland die alten Stärken der Band zu neuen Höhen. Ein Heuler wie „I’m Always Going To Love You“, der eigentlich auch aus seligen Motown-Tagen stammen könnte, zählt dabei genauso zu den großen Pluspunkten wie das geradezu überschäumende Auftaktlied „Now“ oder das mit einem patschenden Backbeat ausgestattete „She Got A Wiggle“. Krachende Bläsersätze - Posaunist „Big“ Jimmy Paterson ist zum Glück mit von der Partie -, flirrende Streicher und Kevin Rowlands manischer Sprechgesang machen dieses Werk zu einer gelungenen Mischung aus allen drei bisherigen Dexys-Platten, in „Thinking Of You“ gibt Rowland sich mit der Zeile „With your legs crossed I’m thinking of you“ sogar romantisch.
Über das ganze Album hinweg ist Kevin Rowlands Stimme, in der sich jauchzende Euphorie und Weinerlichkeit auf paradoxe Weise verbinden, wie eh und je präsent. „It’s okay to be a private person“, hat er über die Jahre erkannt und nun alle Energie in die Musik gelegt. Und ein Misserfolg ist nicht mehr das Ende der Welt. Der dürfte aber auch nicht bevorstehen.