21.08.2009 · Popmusik als das Versprechen, ein anderer Mensch sein zu können, ohne es werden zu müssen: Zoot Woman sind zurück und haben mit „Things Are What They Used To Be“ ein dunkles, unruhiges, intelligentes Album vorgelegt.
Von Tobias RütherManchmal ist Stuart Price zu spät dran für die Konzerte seiner Band Zoot Woman. Dann steht er vor der Bühne mitten im Publikum und schaut zu, wie die anderen – seine beiden Schulfreunde Johnny und Adam Blake, Jasmin O’Meara am Bass und die Backgroundsängerinnen – Lieder spielen, die Price sich mit seiner Band ausgedacht hat. Aber Price ist eben nebenher auch noch Produzent, ein sehr beschäftigter und gefragter sogar. Einer, den Madonna anruft, wenn sie wie eine europäische Disko klingen will, und dann kommt Price und sie nehmen „Confessions on a Dance Floor“ auf. Oder die Killers buchen ihn, um eine Tanzplatte zu machen wie „Day & Age“ im vorigen Jahr.
Und deshalb ist Stuart Price in den letzten sechs Jahren, die es gedauert hat, das neue Album seiner eigenen Band namens „Things Are What They Used To Be“ zu schreiben, zwischen den Bandproben zuhaus und den Studios der Welt gependelt, hat deshalb manche Konzerte verpasst, aber eben auch eine Menge Musik gehört, und wenn man so will, dann ist dieses neue Album von Zoot Woman das Ergebnis einer ziemlich intensiven Auseinandersetzung mit den avanciertesten Sounds, die Popmusik im Jahr 2009 zu bieten hat.
Jäger der verlorenen Fantasie
Zoot Woman haben 2001, als Stuart, Adam und Johny gerade um die zwanzig waren, mit ihrem Debüt „Living In A Magazine“ die denkbar geschmackvollste Renaissance der achtziger Jahre ausgelöst. Nicht mit Umhängekeyboards oder Schulterpolster und großen Frisuren, sondern fern jeder Ironie. Eher so, dass Zoot Woman mit großem Ernst die Essenz jener Epoche herauspräparierten, als Synthesizer auf Rockformate trafen und beides zu einer elektronischen Melancholie verschmolzen, effektiv, kalt, glänzend und schön wie Chrom.
Popmusik als das Versprechen, ein anderer Mensch sein zu können, ohne es werden zu müssen: Zoot Woman sind zurück und haben mit „Things Are What They Used To Be“ ein dunkles, unruhiges, intelligentes Album vorgelegt.
Mit „Living In A Magazine“, sagt Stuart Price heute, wollte er etwas zurückgewinnen, was er in der Popmusik seit dem Männerpathos von Nirvana vermisst hatte. „Die Fantasie war verlorengegangen“, sagt Price, ein aufmerksamer und freundlicher Gesprächspartner. „Ich habe immer gedacht, dass Fantasie ein große Rolle in der Popmusik spielt, dass man auf der Bühne nicht so aussehen sollte, wie man sonst auf der Straße herumläuft, dass Männer ruhig geschminkt sein sollten und all das nicht ernst gemeint sein muss. Mit Nirvana änderte sich das, und plötzlich sollte man echt und ganz bei sich selbst sein, ein Außenseiter – was am Ende auch nur kommerziell wurde.“
Schein ohne Sein
Und weil Zoot Woman da etwas verstanden hatten und wiederbelebten, was englische Popmusiker immer schon besser konnten als amerikanische, wurden die geschminkten drei jungen Männer im Jahr 2001 zur Band der Stunde, deren Bilder aus Modezeitschriften herausfielen, deren Songs in Galerien gespielt wurden, zur Traumband für junge Menschen, die am eigenen Stil experimentierten. Nebenher war die Musik wirklich gut: als hätten Zoot Woman die klarsten Momente von Human League und Heaven 17 nochmals neu entwickelt. „Information First“ war eines der Lieder, die von einer Minute zur anderen alles änderten; als könnte die Popmusik ab jetzt nicht mehr hinter diesen Sound zurück. Man kann eben auch Human League und Heaven 17 nur einmal zum ersten Mal zitieren.
Daran gemessen, ist „Things Are What They Used To Be“ keine überragende Platte geworden, keine Sensation wie die erste der Band es war oder die zweite aus dem Jahr 2003, „Zoot Woman“ betitelt, auf der sich Adam und Johnny Blake und Stuart Price endgültig einen Namen als Songschreiber machten. Aber diese dritte Platte ist schon ein Ereignis, erstens weil Zoot Woman endlich wieder zurück sind. Und zweitens, weil Lieder wie der Auftakt „Just A Friend Of Mine“ den Club und die Gitarre gleichzeitig und mitreißend feiern. Weil in diesem Lied nochmal die Möglichkeit aufscheint, dank Popmusik ein ganz anderer Mensch sein zu können, ohne es wirklich werden zu müssen.
Die Achtziger als Formel
Dunkler, unruhiger, unsicherer klingt das neue Album aber, weniger auftrumpfend wie das erste oder souverän wie das zweite. „Das ist Ausdruck von Frustration“, sagt Stuart Price, der in der Band Bass und Keyboard spielt. „Von Adams Angst, weil es mit der Platte so lange gedauert hat. Und diese Angst manifestiert sich dann oft in aggressiven Sounds.“ Die achtziger Jahre geistern noch immer durch die Lieder von „Things Are What they Used To Be“, aber diesmal stärker als je zuvor als Formel: Eine Rockband versucht, Tanzmusik zu spielen.
Stuart Price hat, was den Zitatpop seiner Band betrifft, eine klare Haltung: Wenn man stiehlt, sollte man das bei Tageslicht tun und nicht clever seine Spuren verwischen – weil man sonst nicht verstanden wird. Wer zuhört, wie Price über seine Musik nachdenkt, der hört mehr Konzept heraus als auf den Liedern, über die er redet. „Meine Philosophie lautet: Die besten Sachen geschehen schnell und billig“, sagt Stuart Price. „Weil es dann keine Erwartungen gibt, dass es gut sein muss, weil es viel Geld gekostet hat. Manchmal ist die schnellste Verbindung zwischen Idee und Ergebnis die beste. Es muss nicht perfekt sein, um gut zu sein.“
Auf halbem Weg
Im Fall von „Things Are What They Used To Be“ war aber nun die Verbindung sehr langsam, und Price redet auch gar nicht drumherum. „Wir haben sechs Jahre damit zugebracht, Songs zu schreiben, umzuschreiben, liegenzulassen und sie uns dann wieder vorzunehmen“, sagt er. „Aber am Ende waren wir sechs Wochen im Studio, haben den Löwenanteil weggeworfen in der Überzeugung, dass schon im Kopf hängen bleiben wird, was gut ist – und die Platte doch wieder in kurzer Zeit gemacht.“ Die zwölf Lieder werden getragen von Johny Blakes irgendwie aristokratischer, waidwunder Stimme, von der – man merkt es jetzt stärker auf den Platten zuvor – viel bei Zoot Woman abhängt. Man merkt es vielleicht auch deshalb stärker als früher, weil mit Ausnahme vielleicht vom schon genannten „Just A Friend Of Mine“ oder Liedern wie „We Won‘t Break“ und „Take You Higher“ die ganz großen Juwelen fehlen, die für immer bleiben – wie „Information First“ oder „Grey Day“ vom zweiten Album.
Dafür ist „Things Are What They Used To Be“ eine intelligente Platte geworden, intelligenter als die meisten, die zwischen Gitarren und Elektronik so erscheinen. Aber doch wirkt sie wie kurz vor dem Durchbruch, noch nicht ganz da, auf halbem Weg zu etwas Neuem. Wenn einer wüsste, wie man dorthin gelangen kann, dann ist es wohl Stuart Price von Zoot Woman.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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