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CD der Woche Wo ist der Whiskey?

13.10.2011 ·  Erst 36 und schon einen auf elder statesman machen: Ryan Adams lässt es auf „Ashes & Fire“ ruhig angehen - zu ruhig.

Von Edo Reents
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Ryan Adams ist ohne Zweifel der wichtigste Solist des Alternative Country. Er ist auch der produktivste. Und das ist in gewisser Weise ein Problem. Einen Ausstoß von mehr als einem Dutzend Platten in weniger als einem Dutzend Jahren – die fünf bisher unveröffentlichten von 2001 noch gar nicht mitgerechnet – können weder der Musiker noch sein Publikum verkraften. Wie man hört, verbrachte Adams die vergangenen Jahre oft am Rand des Irrsinns, was ihn freilich von nichts abhielt (F.A.Z. vom 7. Januar 2006). Dem schlichten Gesetz von der Aufmerksamkeitsökonomie gehorchend, fiel die Musik aber immer weniger ins Gewicht; eine neue Ryan-Adams-Platte war einfach kein Ereignis mehr, sondern im Gegenteil manchmal schon fast lästig.

Dabei hätten die allermeisten davon, mit Ausnahme der wirklich total unausgegorenen Platten „Demolition“ und „Love Is Hell Vol. 1+2“, erhöhte Aufmerksamkeit verdient gehabt. Zwar wurde die Musik immer windschiefer und haltloser, doch allein der doppelte Doppelschlag von 2005, „Cold Roses“ und „Jacksonville City Nights“, hätte aus jemandem, der es noch nicht war, einen Star gemacht. Mehr Herzblut gab selbst in dieser an Selbstentblößung gewöhnten Szene niemand. Adams aber machte, als könne er sich über das Erreichte gar nicht freuen, rastlos weiter, trieb seine Begleitband, die Cardinals, in einen zumeist süffigen, whiskeyseligen Sound hinein und schüttelte dabei immer wieder bermerkenswerte Platten „Easy Tiger“ und „Follow The Lights“ aus dem Ärmel, deren altmodisches Sentiment noch unter den rüdesten Lärmattacken herauszuhören war und auf das eine Vorbild verwies, als dessen legitimer Nachfolger er längst dasteht: Hank Williams.

CD der Woche: Ryan Adams „Ashes & Fire“

Ryan Adams gehört zu den Countryrockern, die vom Punk herkommen und sich schon deswegen durch eine gewisse Unberechenbarkeit auszeichnen. In der Musik seiner ersten richtigen Band Whiskeytown lag die Steel- neben der Rockgitarre wie das Lamm neben dem Löwen. Adams war, wie kein Zweiter, jederzeit in der Lage, den Fatalismus, dem der County verhaftet ist, in stürmischste Aggression zu verkehren. Der Mutwille, den er mit seinem Repertoire trieb, hatte gelegentlich selbstzerstörerische Züge, und es ist eigentlich ein Wunder, dass er nicht längst vollständig ausgebrannt ist.

Seine vierzehnte Studioaufnahme, für die er Universal den Rücken kehrte und auf eigenem Label zu Columbia/Sony wechselte, fiele, als relativ rasche Rückmeldung nach dem uninteressanten „Cardinology“ und der Resteverwertung auf „III/IV“, nicht weiter ins Gewicht, knüpfte er damit nicht an die Klarheit seiner ersten beiden Platten an. In der Tat weist „Ashes&Fire“ die grundsätzliche Ruhe auf, die „Heartbreaker“ (2000) und „Gold“ (2001) zu so überlegenen Werken machte, die trotz ihrem geradezu schamlosen Eklektizismus große Entschlossenheit verrieten. Diese Meisterwerke wurden von Ethan Johns produziert, der im vergangenen Jahrzehnt auch eine Reihe sehr guter anderer Musiker betreute, darunter Tift Merritt, Sarabeth Tucek, Ray LaMontagne, die Kings Of Leon, und zuletzt Tom Jones zu einem geradezu spektakulären Alterswerk verholfen hat. Er ist Sohn des großen Glyn, der in den sechziger und siebziger Jahren einer der wichtigsten britischen Tonmeister war und von den Beatles und Rolling Stones über die Who und Faces bis hin zu den Eagles den halben Rockadel veredelt hat. Dass er sich jetzt um Adams kümmert, ist allein schon ein Grund, sich die Platte anzuhören.

Ungewöhnlich verhalten

„Ashes&Fire“ klingt wie ausgetrocknet, auf das Wesentliche reduziert. Adams selbst spielt nur akustische Gitarre und vertraut ansonsten auf eine Rumpfband, die durch zwei Gastmusiker beachtlich aufgewertet wird: Benmont Tench steuert nostalgische Klänge auf der Hammond-Orgel bei, Greg Leisz tut dasselbe an seiner Pedal Steel. Der Titelsong, der wohl kaum aus Zufall mit einem Phönix-aus-der-Asche-Anklang arbeitet, hat eine dieser zwingenden Melodien mit sachter Emphase, wie nur Adams sie hinbekommt. „Dirty Rain“ ist Akustiksoul, fast unmerklich steigert sich Adams’ Stimme in eine Apokalypse hinein und verdünnt, ja, verliert sich fast in einer Spiritualität, die zu seinem ansonsten so erdigen Musiziergestus eigentlich gar nicht passt.

Andere Lieder wirken ähnlich, Adams lässt sie manchmal fest verstummen, und wenn man nicht im Booklet gelesen hätte, dass ihm Norah Jones mehrmals ins Ohr haucht, man würde es gar nicht bemerken. Allenfalls das von Jeremy Stacey bediente, rhythmisch extrem sichere Schlagzeug verleiht Liedern wie „Do I Wait“ und „Invisible Riverside“ eine gewisse Wucht. Insgesamt fällt auf, wie verhalten diese Platte klingt, was umso mehr überrascht, als Glyn Johns eigentlich ein Spezialist für den druckvollen, oft auch sehr harten Sound ist. Der war hier ganz offensichtlich nicht das Ziel.

Es ist nur die Frage, ob Ryan Adams diese elder-statesman-hafte Zurückgenommenheit auch steht. Daran konnte man schon früher, wenn er allzu leise Töne anschlug, Zweifel haben. Wer sich jetzt, neugierig gemacht durch den prominenten Produzenten, ein Echo auf die großen Songs von „Heartbreaker“ und vor allem „Gold“ erhofft hat, wird jedenfalls enttäuscht, fühlt sich aber vielleicht dazu animiert, das in der Zwischenzeit veröffentlichte Material noch einmal aufmerksam durchzuhören – manches gewinnt dabei auf verblüffende Weise. Auch wenn bei der neuen Platte eventuell aufkommende Langeweile durch die ausgesprochen geschmackvolle Produktion wettgemacht wird, so hätte man vielleicht doch lieber den Sohn des Produzenten ranlassen sollen.

Ryan Adams, Ashes & Fire. Pax Am/Columbia 796802 (Sony Music)

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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