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CD der Woche: Thomas Pigor Der zwölffache Mann des Monats

25.11.2011 · 

Von Patrick Bahners
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In der Sprache Shakespeares heißen die Karikaturisten der Zeitungen „editorial cartoonists“. Sie liefern gezeichnete Leitartikel, die neben den geschriebenen auf den „editorial pages“ gedruckt werden. Im zweiten Radioprogramm des Südwestrundfunks und im Deutschlandfunk gibt es seit Anfang dieses Jahres neben den gesprochenen Kommentaren gesungene Leitartikel. Thomas Pigor produziert ein „Chanson des Monats“. Pünktlich liegt jetzt die erste Jahreskollektion auf Platte vor.

Pünktlich? Ja, so pünktlich wie die Deutsche Bahn. (Bahnglossen sind ein beliebtes Subgenre am feuilletonistischen Ende des Leitartikelspektrums. Vielleicht liefert Pigor dazu ja im neuen Jahr einen Beitrag, in Anknüpfung an „ICE“, seine geflügelte Mitreisendenschelte aus Volumen 3: „Ich könnt’ sie alle erschlagen, hier im Großraumwagen / Dieses ,Zeit‘-Leserpack im ICE.“ Das Geheimnis des Leitartikels ist die Wiederholung. Und der Verzicht auf Parenthesen.) Die Zeitungen bringen ihre Sonderbeilagen mit den größten Pleiten und teuersten Toten ja auch schon ein paar Tage vor Silvester heraus.

Weihnachten mit Wulff

Pigors Dezember-Song können wir nun sogar schon im November hören, weil der Leitartikler - ein Alter Fritz im Kreis der journalistischen Strategen - dem Gang der Dinge naturgemäß zuvorkommt. Keine unvorgreiflichen, sondern durchaus vorgreifliche Gedanken breitet er aus, er stellt die Leitplanken auf, an denen Euro-Retter, V-Mann-Führer und die Lutherbotschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 auf der Fahrt in die Zukunft entlangschrammen sollen. Wie es sich gehört, hat Pigor für sein Adventslied ins besinnliche Fach seines Schreibtischs gegriffen. Das Lied behandelt die Spaltung der Gesellschaft in Weihnachtsvorarbeiter und Weihnachtsverweigerer. Die einen „müssen sich Weihnachtsbundespräsidentenansprachen ausdenken“ oder, noch schlimmer, die Location für die durch die Bundesländer wandernde ZDF-Sendung „Weihnachten mit dem Bundespräsidenten“ inspizieren. „Die andern ham mit Weihnachten nichts am Hut. / Die hams gut!“

Auch ein Thomas Pigor ist nicht an 365 Tagen im Jahr ein Misanthrop, nur an 361. Er bleibt die Aussicht auf eine ausgleichende soziale Gerechtigkeit nicht schuldig: In den vier Tagen zwischen den Jahren, „wenn das Telefon keinen Muckser tut, / da hams alle gut, da hams alle gut“. Außer den Jazzern, die just in diesen vier Tagen sterben und es damit nicht in den nächsten Jahresrückblick schaffen. So weit blickt die Zeitung nun auch wieder nicht zurück. Und der Leitartikler schon gar nicht. Hat man je einen Leitartikler gelesen, der sich korrigiert hätte? Weil er Seehofer hochgeschrieben oder die Risiken der Kernkraft niedrig gehängt hatte?

Vom Zeitgeist zur Zeitpoesie

Ein Satz aus dem Lied des Jahres unter den zwölf Chansons taugt zum Merkvers: „Man schaut ungern zurück.“ Diese „Diktatorenballade“, das Chanson für den März, ist ein Leitartikel über die Leitartikelwelt, die Sphäre des weltpolitischen Sachverstands, der sich keinen Illusionen hingeben will und von der Geschichte blamiert wird. Obwohl er die Akteure doch so schön sortiert hat! „Es gibt gute Diktatoren und böse Diktatoren, / die bösen Diktatoren sind unverfroren. / Mit den guten Diktatoren kann man einig werden, / denn sie haben meist Öl und seltene Erden.“ Es bewährt sich Pigors hochfeines Ohr, wenn er das seltene Wort der „seltenen Erden“ aus dem Redestrom des verfließenden Jahres angelt und für den ewigen Vorrat deutscher Zeitpoesie rettet.

CD der Woche: Thomas Pigor „Mit Pigor durch das Jahr“

Zum musterhaften Zeitgedicht wird die Ballade, weil sie von der Vergeblichkeit des Leitartikelschreibens handelt, indem die zeitlos bedenkenswerte Appeasement-Kritik im Lied für alle Zeit übertönt wird vom verklungenen innenpolitischen Gemurmel jenes Märzmoments: „Die Presse redet, anstatt nachzubohren, / nur von guten Doktoren und bösen Doktoren.“ Am Ende geht die Stimme des Sängers unter in einem Chor, der „Ein Ausnahmepolitiker! Eine Lichtgestalt!“ skandiert. Auch in diesem Chor singt nur Pigor, demokratisch vervielfältigt. Der zwölffache Mann des Monats ist ein Alleinunterhalter und -belehrer. Nur in fünf Liedern traktiert Benedikt Eichhorn den Denkerflügel. Ein gelungener Leitartikel ist ein Monolog, dessen Autor sich zwischen den Zeilen selbst ins Wort fällt.

In der Redaktion der „Titanic“ machte man sich einmal Sorgen über einen der berühmtesten Leitartikler dieser Zeitung. Auf der ersten Seite stand: „Amerika ist enttäuscht / Von Jan Reifenberg“. Was war passiert? Deutschland wird nicht enttäuscht von Thomas Pigor. Diese Platte kann man zu Weihnachten einem pensionierten Leitartikler schenken: als Gruß von Zuhaus.

Thomas Pigor, Mit Pigor durch das Jahr – 12 Chansons zum Zeitgeschehen, Roof Music 21133483 (Edel)

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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