05.02.2010 · Von ihren Erfolgen in den Achtzigern kann Sade noch heute zehren, und so trifft sich das Quartett für eine neue Platte nur, wenn ihm wirklich danach ist: „Soldier of Love“ ist klanglich auf dem neuesten Stand, ohne sich wechselnden Moden zu unterwerfen.
Von Sven BeckstetteSade ist mehr als eine Person. Hinter Helen Folasade Adu, dem enigmatischem Superstar, stehen vier Musiker. Dieses Quartett, zu dem neben Adu noch Paul S. Denman, Stuart Matthewman und Andrew Hale gehören, hat sich zwar nach seiner Frontfrau benannt, und auch alle Plattencover tragen das Foto dieser eleganten Sängerin. Doch die drei Instrumentalisten sind seit Gründung der britischen Pop-Combo 1983 gleichberechtigte Teilhaber am Unternehmen Sade.
Diese Beständigkeit ist alles andere als gewöhnlich. Der übliche Weg einer Band mit einer attraktiven Sängerin wie Adu, die noch dazu über ein so unterkühltes wie tiefes Timbre verfügt, verläuft in der Regel so, dass die Position der Gesangskünstlerin mehr und mehr hervorgehoben wird, bis sie schließlich auf Solo-Pfaden unterwegs ist. Bei Sade hingegen scheinen alle Beteiligten zu wissen, was sie aneinander haben. Denn Adu mag im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen, ihre Hintermänner haben aber mindestens ebenso viel zum Gelingen der Karriere beigetragen.
Wie groß ihr Einfluss ist, lässt sich aus ihren Nebentätigkeiten ablesen: Bassist Denman, Gitarrist und Saxofonist Matthewman und Keyboarder Hale taten sich etwa in den Neunzigern zum Projekt Sweetback zusammen. Neben experimentellen Tönen zwischen Ambient und Electro finden sich auf ihren beiden Veröffentlichungen auch Stücke in der typisch sanften Sade-Manier. Und welche Bedeutung Matthewman für die akustische Identität des Ensembles besitzt, ließ sich auf Maxwells Album „Embrya“ von 1998 ausmachen. Seine Produktionen für den Neo-Soul-Sänger erinnerten jedenfalls streckenweise verdächtig stark die Aufnahmen seiner Hauptgruppe.
Nur wenn ihnen danach ist
Sade Adu und ihre Mitstreiter haben zu einer Zeit angefangen, als sich mit Tonträgern noch viel Geld verdienen ließ. Ihre ersten drei Alben aus den Achtzigern verkauften sich millionenfach. Davon können ihre Mitglieder noch heute zehren. Auf den kommerzielle Erfolg ihres neuen Materials sind die Vier inzwischen nicht mehr unbedingt angewiesen. Die längst über verschiedene Länder verstreuten Musiker treffen sich deshalb nur dann im Studio, wenn ihnen auch wirklich danach ist. Die Abstände, in denen sie sich zurückgemeldet haben, sind dabei ständig größer geworden: Zwischen ihrem vierten und fünften Album gingen immerhin sieben Jahre ins Land.
Ihre nun erschienene, erst sechste Platte bringen Adu, Denman, Hale und Matthewman nach einer Pause von sogar zehn Jahren heraus. Wie schon bei den letzten beiden Alben zeigt sich auch auf dem aktuellen „Soldier of Love“, wie gut die Band mit ihrer kreativen Freiheit umzugehen weiß. Mit jeder Aufnahme erweitern Sade zwar kontinuierlich ihr musikalisches und technisches Spektrum. Doch obwohl die Stücke der Gruppe klanglich immer absolut auf dem neuesten Stand sind, sieht das Quartett davon ab, sich beim Zeitgeist anzubiedern. Moden wie Trip-Hop oder Drum'n'Bass sind an Sade denn auch genauso spurlos vorüber gegangen wie der Einsatz von Autotune, ohne dessen Effekt sich momentan keine R&B-Sängerin mehr vor ein Mikrofon traut.
Triumphierend und niedergeschlagen zugleich
Die Wandlungen von Sade vollziehen sich demgegenüber ganz aus sich selbst heraus, ohne dass man das Gesamtkonzept dabei aus den Augen verlöre. „Love Deluxe“ von 1992 markierte den Abschied vom leichtem Jazz und von lateinamerikanischer Rhythmik, beides Elemente, die bis dahin fest dazugehört hatten. Dafür tauchten plötzlich stark verzerrte Gitarren auf und fügten dem glatten Harmoniegerüst einige wohltuende Ecken und Kanten hinzu, die teilweise von tieftönenden Dub-Bässen wieder ausgebügelt wurden: Die melancholische Grundstimmung der Lieder blieb so gewahrt, zugleich lagen Welten zwischen beispielsweise „Your Love is King“ und „No Ordinary Love“.
Ähnlich verhält es sich jetzt mit „Solider of Love“. In dem großartigen Titelstück, das die erste Single des Albums bildet, werden Konflikte nun deutlich offensiver ausgetragen: Adus Stimme, triumphierend und niedergeschlagen zugleich, kämpft sich durch ein Dickicht aus metallisch-aggressiven Riffs und wuchtigen Beats - eine perfektere Symbiose aus Gefühl und Härte lässt sich kaum vorstellen. Dass Sade sich ebenfalls zurücknehmen können, beweist das nachfolgende „Morning Bird“. Während ein Schellenkranz wie von ferne den Rhythmus markiert, knüpfen versprengte Klavierakkorde und getragene Streicher ein loses Netz, das den schwermütigen Gesang dennoch so gerade auffangen kann. Die eigentliche Überraschung sind jedoch „Be That Easy“ und „In Another Time“. Ihr langsamer Walzertakt bringt ungewohnte Country-Anleihen ins Repertoire der Band. Allein „Babyfather“ kann unter den zehn Stücken nicht recht überzeugen.
Sechs Platten in fünfundzwanzig Jahren mag ein eher bescheidener Ertrag sein. Die Maxime von Sade, Qualität über Quantität zu stellen, sei manchem dennoch dringend zur Nachahmung empfohlen.