28.10.2011 · Endlich allein: Noel Gallagher belebt den Oasis-Sound wieder, aber alles klingt nun doch etwas anders. Sogar Trompeten und Posaunen kommen zum Einsatz.
Von Daniel GrinstedEs lag nicht an Oasis, schuld war ein Stück Obst. Paris, im August 2009: Wenige Minuten vor Konzertbeginn greift Liam Gallagher seinen Bruder Noel zuerst mit einer Pflaume, dann mit dessen Gitarre an. Schluss, das war’s, sagt der Ältere. Konzert, Tour, Band – alles vorbei. Während Liam sich Monate später mit der Rockband Beady Eye zurückmeldet, lässt sich Noel mehr Zeit. Nun, mit vierundvierzig Jahren, präsentiert er sein erstes Soloalbum, das genauso heißt wie sein neues Projekt: „Noel Gallagher’s High Flying Birds“, benannt nach einem Song von Billy Edd Wheeler.
Trotz mancher Experimente: Es klingt nicht viel anders als Oasis. Kaum verwunderlich, stammen doch fast alle Songs aus seiner Feder. Mit „Wonderwall“, „Don’t Look Back in Anger“ oder „D’You Know What I Mean?“ wird Noel Gallagher in den Neunzigern zum Retter des englischen Rock. Britannia ist cool, und Tony Blair gilt als große Hoffnung. Und Oasis sind so einflussreich, dass eine Musikzeitschrift den Begriff „Noelrock“ prägt. Mit zunehmendem Erfolg wandelt sich das Image des irischstämmigen Working Class Hero, sein Leben als Rock’n’Roll Star gleicht immer mehr einer Champagne Supernova. Und wie mit New Labour geht es auch mit Oasis bergab. Nach achtzehn turbulenten Jahren zieht „The Chief“ die Notbremse.
So prägend Liam Gallaghers Gesang für den Klang der Band auch war – die bessere Stimme hat Noel. Sie ist wärmer und nuancenreicher. Davon profitiert auch sein Solo-Projekt, das er vergangenes Jahr mit Schlagzeuger Jeremy Stacey, Perkussionist Lenny Castro und Keyboarder Mike Rowe gestartet hat. Schon beim ersten Stück bietet er gehörig Bombast auf. Räuspern, Husten, dann setzen Streicher und ein Chor ein. Das erinnert zu Beginn an Air, später an The Verve. „Hang in there love/You gotta hold on“, singt Gallagher mit kraftvoller, eindringlicher Stimme. Großartig.
Es folgen Songs, die meistens von einem stampfenden Ringo-Starr-Beat vorangetrieben werden, der irgendwann zu nerven beginnt. Anders als bei Oasis kommen jetzt auch Trompete, Posaune und Saxophon zum Einsatz. Das erweitert natürlich das Klangspektrum, wirkt zuweilen aber überfrachtet. Und die Backgroundsängerin Beccy Byrne kann man häufig nur erahnen. Für alle Lads gibt es Lieder, deren Refrains auch noch bei erhöhtem Alkoholpegel im Pub mitgegrölt werden können: „Dream on/Was that songbird singing/Shout it out for me!“ Andere, wie das schöne „If I Had a Gun...“ hätten auch gut auf frühe Oasis-Alben gepasst.
Noel Gallaghers Rock schwankt zwischen Alternative und Psychedelic. Manches erinnert auch an Glam Rock und Kammerpop. Hier eine singende Säge, dort etwas Percussion, mal ein Banjo oder Kontrabass. Einmal erklingt sogar eine Glasharfe. Gallagher wagt mehr, als er bei Oasis durfte, doch weniger, als man sich gewünscht hätte. Spielende Kinder im Hintergrund, Meeresrauschen, Händeklatschen – ausgefallener wird es kaum.
Und wo sind die Hymnen, die er bei Oasis aus dem Ärmel schüttelte? Ein Gitarrenvirtuose ist war er nie, dafür hat er Stücke geschrieben, die heute noch jeder Zweite mitsingen kann. Stattdessen gibt es Dance-Rock-Ausflüge, die er besser Coldplay oder den Killers überlassen hätte, und Refrains wie „Oh me, oh my/I say so long baby bye-bye“ braucht niemand.
Die Stärken des Albums finden sich dort, wo die Stimme nicht im Brei versinkt, wie beim letzten Stück „Stop the Clocks“, das Gallagher bereits vor zehn Jahren geschrieben hat, zusammen mit „Everybody’s on the Run“ und „(I Wanna Live in a Dream in My) Record Machine“ einer der Höhepunkte des Albums. Der Chor sorgt für Gänsehaut, die Akustikgitarre klingt perfekt, seine Stimme beeindruckt auf ganzer Linie. Und dass der Refrain nur aus einem quäkenden Gitarrensolo besteht, ist auch mal was. Die letzte Minute des Albums gipfelt in psychedelischem Bläsergetöse und gibt einen Vorgeschmack auf sein nächstes Werk. Das hat er zusammen mit dem Duo von Amorphous Androgynous aufgenommen, besser bekannt als The Future Sound Of London. Der zukünftige Sound von Noel Gallagher bleibt aber ungewiss.