16.07.2010 · Seit dreißig Jahren warten wir auf eine richtig gute Nina-Hagen-Platte - hier ist sie: lupenreiner Gospel. Deutschlands beste Rocksängerin macht das wohl überraschendste Album des Jahres mit uramerikanischer Musik.
Von Edo ReentsNina Hagen ist ein besonders krasser Fall von Talentvergeudung. Die noch vor Inga Rumpf rangierende beste deutsche Rocksängerin wusste mit einer Stimme, für die es nie technische Probleme zu geben schien, eigentlich nur zweimal etwas anzufangen, und das ist mehr als dreißig Jahre her: Die Platten „Nina Hagen Band“ (1978) und „Unbehagen“ (1979) wiesen sie als das aus, was es bis dahin zumindest in Deutschland so noch nicht gegeben hatte: ein mit Berliner Mutterwitz gesegnetes, zwischen Infantilität und Genialität irrlichterndes Kraftpaket, das in seiner Phrasierungskunst internationalen Höchststandards mühelos genügte. Alice Schwarzer sprach wohl nicht nur als feministische Schwester, als sie behauptete, Nina Hagen sei „Patti Smith oder Liza Minnelli ebenbürtig“. Die Zeitschrift „Melody Maker“ fragte sich ernsthaft, ob sie „Deutschlands bedeutendster Beitrag zur Popgeschichte seit Brecht“ sei.
Es spricht für Nina Hagen, dass sie sich aus solchen Zuschreibungen nichts gemacht hat; zumindest erweckte sie diesen Anschein. Nach ihren ersten beiden Platten, die Punk und Wave hierzulande auf einen Doppelschlag hoffähig gemacht haben - wahrscheinlich eher wegen als trotz ihres rotzig-deftigen Gestus -, schickte sie ihre Musiker wegen angeblicher Provinzialität in die Wüste, wo diese unter dem Namen Spliff dann allerdings überraschend weiter Karriere machten, und wandte sich selbst überirdischen, kosmischen Dingen zu.
Hatte sie als enorm schlagfertiger Bürgerschreck noch Kontur besessen, so wurde sie mit ihren Ufo-Spinnereien bald ganz einfach irrelevant; jeder Auftritt, der das Image der Unzurechnungsfähigen offenbar gezielt befestigen sollte und des Witzes ja nicht durchweg entbehrte, machte sie als Künstlerin immer weniger der Rede wert und überdeckte ihr immenses Potential, das in Liedern wie „New York New York“ (1983) oder ihrer Zarah-Leander-Imitation gelegentlich noch pfiffig zum Ausdruck kam. Alles in allem dachte man: was für eine Verschwendung!
Spirituelle Planstelle
Olaf Leitner, einer ihrer hartnäckigsten Bewunderer, schrieb vor fünf Jahren: „Lass die Faxen und starte ein grimassenfreies Comeback, der Platz ist frei!“ Dieser Bitte ist sie nun nachgekommen. Aber was soll man davon halten, dass Nina Hagen nun eine Gospel-, Blues- und Countryplatte gemacht hat? Der Platz war frei, so viel ist richtig, denn eine Planstelle für genuine Americana-Music, die vor den Zeiten Patti Smiths und Liza Minnellis anzusiedeln ist, gab es für deutsche Sängerinnen nie. Und die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellt sich bei ihr grundsätzlich nicht; es ist egal, was und woran sie glaubt.
Und wenn es doch Jesus Christus sein sollte? Das gerade erschienene Album „Personal Jesus“ kommt jedenfalls der Erwartung, hier werde nun tatsächlich „the Lord“ gepriesen, ausgiebig nach; fast möchte man sagen: zu ausgiebig. Jedes dritte Lied ruft ihn schon im Titel an. Aber das stört weiter nicht. Musik und Gesang haben so viel Substanz, dass die fast penetrant traktierte Thematik sich bequem in sie einfügt. Es geht los mit „God's Radar“, einer schmissig-schönen, recht obskuren Nummer des amerikanischen Gospelensembles Dixie Hummingbirds. Im ersten Moment denkt man, die gute alte Mavis Stapels hätte schon wieder etwas eingesungen, mit solcher gutturalen Inbrunst geht Nina Hagen an die Sache heran; die Mandoline müsste von Ry Cooder sein und das Akkordeon von Flaco Jiménez. Das ist also schon mal eine sehr stilsichere Angelegenheit.
So lässt man das Irdische hinter sich
Das „I'll Live Again“ verbreitet auf fast schon aufgekratzte Art und Weise die in diesem Genre übliche Auferstehungshoffnung, wobei der Gesang abermals eine solche Autorität verströmt, dass man es kaum fassen mag. Nina Hagen kann es mit den allerbesten Rhythm&Blues-Sängerinnen aufnehmen; sie kann glucksen und kieksen wie Ruth Brown und LaVerne Baker, schnurren wie Eartha Kitt, beherrscht klagen wie Aretha Franklin und brummen und pressen wie alle zusammen. Herausragend ist, nicht nur in dieser Hinsicht, das stampfende „Nobody's Fault But Mine“, das die klassische Blues-Zerknirschtheit gleichsam transzendiert in die selbstbewusste Zuversicht einer Gläubigen, die außer irdisch-fleischlichen Freuden und Leiden noch andere kennt. Trotz der thematischen Schwere federleicht ist „Down at the Cross“, das mit der zarten Mandoline stellenweise klingt wie „When I'm Dead and Gone“ von McGuinness Flint.
In „Mean Old World“ gibt sich Nina Hagen beladen wie Mahalia Jackson, schunkelt für viel zu kurze zweieinhalb Minuten in schönstem Country („Help Me“), als hätte sie immer schon vorgehabt, wie Tammy Waynette zu klingen, nur eine Oktave tiefer und mit noch mehr Anmut. Neben galoppierendem, aber immer noch nicht überdrehtem Swing-Bluesrock („Take Jesus With You“ und „On the Battlefield“) gibt es Woody Guthries Tirade „All You Fascists Bound to Lose“, mit der Nina Hagen vollends den uramerikanischen Boden erreicht, auf dem sie eine so verblüffend gute Figur macht und dessen militant humanistische Seite ihren eigenen Überzeugungen auch ganz gut entspricht. Man muss dabei manchmal an Marlene Dietrich denken, die in dem famosen Western „Destry Rides Again“ auf der Theke „The Boys In The Back Room“ schmettert.
Auf Gottes Radarschirm
Nur der Titelsong, geborgt bei Depeche Mode, will nicht recht überzeugen. Schon Johnny Cashs spätes Cover wirkte merkwürdig, hier gerät die Sache ebenfalls viel zu schleppend und entbehrt der bösartig pumpenden Brillanz der Vorlage. Aber das ändert nichts daran, dass Nina Hagen auch hier sicher vordringt zu der spirituellen Substanz, in der sie sich in den vergangenen dreißig Jahren meistens verheddert hat.
Die Frage ist nur, wie ernst das alles gemeint ist. Es gibt Sänger, die jeden Stil und jede Technik so vollkommen beherrschen und gewissermaßen im Blut haben, dass jede Äußerung automatisch auch etwas von Zitat oder Parodie an sich hat. Bei Nina Hagen ist das auch hier so, vielleicht aber nur deswegen, weil man sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie auch anders kann. Was Schrillheit ist, schien sie in den vergangenen Jahrzehnten für deutsche Verhältnisse definiert zu haben. Davon muss man sich beim Hören dieses ganz und gar erstaunlichen Albums lösen. „God's radar is fixed on you“: Das ist wahr, und im Himmel ist mehr Freude über eine vermutlich gar nicht mal so reuige Gospelschnute als über eine - na, egal.
Hörproben unter www.personaljesus.de