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CD der Woche: Loudon Wainwright III. Der alte Sturkopf

 ·  Von Sohn Rufus längst überholt, blickt Loudon Wainwright III. jetzt mit bitterer Folk-Ironie zurück. Für den Größten hält sich Daddy freilich immer noch.

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Mit fünfundzwanzig sang er schon über Haarausfall: „I know I’m unhealthy, no doctor would doubt / My dreams are all unhappy and my hair’s falling out.“ Das war 1971 auf seinem zweiten Album, das Lied hieß „Suicide Song“. Jetzt ist Loudon Wainwright III. fünfundsechzig und damit älter, als sein eigener Vater wurde. Für einen skeptischen Folksänger ist das ein zweifelhaftes Vergnügen und Anlass für ein nachdenklich gestimmtes, bilanzierendes Alterswerk.

Die Ironie von früher hat er sich offenbar bewahrt. In dem Stück „My Meds“ zählt und reimt er all jene Medikamenten-Namen zusammen, mit denen ein älterer Nordamerikaner schon Bekanntschaft gemacht hat, und das sind einige. Lipitor, Lexapro, Lorazepam und Avodart, und dann kommt diese herrliche Doppelzeile: „They say Ambien’s o.k., long as you don’t drive in your sleep / If you operate machinery, pray the Lord your soul to keep.“

Zunächst scheint es also, als ob für diesen Mann auch das tatsächliche Eintreten von Alterserscheinungen nur mit Humor zu ertragen ist – er treibt ihn sogar auf die Spitze in einem Duett mit dem australischen Komiker Barry Humphries, der hier in seiner Transvestitenrolle als „Dame Edna Everage“ auftritt. Die beiden geben ein altes Paar, das wehmütig auf lange vergangene Freuden zurückblickt: „I remember Sex“, sehr gesittet in feinstem Englisch beschrieben allerdings, das Stück könnte auch von Monty Python sein.

Sehr eingängig und anrührend

Gut die Hälfte der Lieder auf diesem Album hält diesen distanziert-humoristischen Ansatz tapfer durch – und doch kann Loudon Wainwright III. heute nicht mehr nur spielerisch über den Tod singen, der inzwischen einige Weggefährten sowie auch seine Ex-Frau, die Sängerin Kate McGarrigle, ereilt hat.

Den schönen Song „Over the Hill“, den die beiden 1975 zusammen geschrieben haben, hat der Überlebende nun noch einmal mit der gemeinsamen Tochter Martha aufgenommen, und jetzt klingt das, was damals noch Fiktion war, erfahrungsgesättigt. „Who could have possibly thought / It would go so fast / But it certainly did“: Der Text ist so einfach wie der langsame Country-Wechselschlag dazu auf der Gitarre, und eben dies macht das Lied so eingängig und anrührend.

CD der Woche: Loudon Wainwright III „Older Than My Old Man Now“

Was das Familienleben angeht, so scheint der alte Vater von einem seltsamen Stolz auf zerrüttete Verhältnisse durchdrungen zu sein: Im Titelstück „Older than My Old Man Now“ wird berichtet, wie er in jedem Jahrzehnt seit den siebziger Jahren eine Ehe vor die Wand gefahren hat – gut, das ist eine Art Talking Blues, und man muss das vielleicht nicht ganz ernst nehmen.

Ein großes Versöhnungsduett ist das nicht

„All in a Family“ greift das Thema aber nochmals auf, und wie hier nun schon zu besinnlicheren Akkorden bittere Erkenntnisse ausgesprochen werden, klingt dann doch bemitleidenswert: „No one wins in a family war“, heißt es da, von seltenen Treffen an den größeren Feiertagen ist die Rede, bei denen jeder in der Sippe nur darauf wartet, dass sie wieder vorbei sind. „Let dysfunction rule“ lautet der sarkastische Schluss daraus, zu dem man nicht so recht singen und tanzen möchte.

Natürlich kommt so eine Bilanzplatte nicht ohne Verweis auf das berüchtigte Zerwürfnis mit dem Sohn Rufus aus, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren wollte. Der Sohn wirkt immerhin bei dem betreffenden Stück mit, doch ein großes Versöhnungsduett ist daraus nicht geworden: „You’ll never change, neither will I“, singen da zwei Dickschädel nebeneinanderher, ohne Hoffnung auf Besserung: „We’ll stay the same til the days that we die.“ Dass der Sohn, der unlängst selbst ein neues Album vorgelegt hat, die mit Abstand schönere Stimme hat, wird bei diesem Direktvergleich niemand leugnen können.

Obwohl Rufus den Vater längst an Ruhm und kommerziellem Erfolg überholt hat, hält sich Daddy wohl noch immer für den Größten. Wie der Regent Loudon III. gleichsam mit einer Rapper-Attitüde dann noch mit weiblichen Trophäen angeben muss, ist ziemlich lächerlich – die Musik auf dieser mit diversen Gästen eingespielten Platte, darunter John Scofield und Ramblin’ Jack Eliott, wird dagegen nach hinten heraus immer besser: Die Melodien sind sorgfältiger gearbeitet und zum Teil dezent mit Akkordeon unterlegt, und schließlich wird mit der Ballade „Something’s Out to Get Me“ doch noch ein würdiges Finale geliefert, das die Macht des Todes anerkennt, sie aber zugleich künstlerisch besiegt.

Loudon Wainright III.: „Older Than My Old Man Now“. Proper 1989138

Quelle: F.A.Z.
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