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Mittwoch, 19. Juni 2013
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CD der Woche: Lloyd Cole Wenn ich ein Lied wär'

 ·  Lloyd Cole behauptet, seine Platte wäre gebrochen, aber es ist zum Glück nur sein Herz. Der Engländer gewinnt seinem Schmerz eine warme und dabei intelligente Singer-Songwriter-Platte ab.

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In einem der Stücke, die Lloyd Cole auf seiner letzten Deutschlandtournee sang, heißt es: „But of course I'm more than just a song“. Erstaunlich, dass ausgerechnet er meinte, dies seinen Hörern mitteilen zu müssen. In äußerst uncoolen Englischlehrer-Klamotten stand Cole auf der Bühne, das Haar graumeliert, das Gesicht auch und blickte skeptisch ins Rund. Am Schluss der Konzerte entschuldigte er sich für seine „grumpyness“. Das wäre gar nicht nötig gewesen, hatte man seine schlechte Laune bis dahin doch für eine besonders subtile Form britischen Humors gehalten; zumal diese Art perfekt passt zu Coles Liedern über gescheiterte Ehen, Massenmörder, Männer in der Midlife Crisis und, besonders aufschlussreich, die Sinnlosigkeit von Liebesliedern. Dass er seine Kloß-im-Hals-Texte in elegante Melodien zu kleiden pflegt, macht die Sache umso reizvoller und Cole zu einem der Größten seiner Zunft.

Die Sinnlosigkeit von Liebesliedern: Schon immer hat Cole gerne die eigene Profession, das Musizieren, das Schreiben in seine stilvoll depressiven Songs eingearbeitet. Etwa wenn er in „Tried to Rock“ über die Unzulänglichkeit des zynischen Europäers beim stumpfen Herumrocken sang, wenn in „My Bag“ ein zugekokster Musiker dem Barmann versicherte, er leide tatsächlich für seine Kunst, und wenn in „Unhappy Song“ der Verlassene seiner Ex hinterhersang: „When it comes to September I got my own unhappy song“.

Und nun, auf „Broken Record“, seiner ersten mit Band produzierten Platte seit zehn Jahren, singt er dieses mindestens dreibödige Stück „If I Were a Song“. Das anfangs unauffällig dahinperlende Lied, das Cole in der Mitte des Albums platziert hat, bringt die Finesse, die völlig eigene Melancholie und die Abgründigkeit Coles perfekt auf den Punkt: „What if I was just a song?/Could an interval really be more than the space between us?/Would you still dance when I play?“

CD der Woche: Lloyd Cole

Geschichtenerzähler und Rollenspieler

Eines sollte man wissen, bevor man sich Lloyd Cole nähert: Der Mann ist ein Geschichtenerzähler, ein Rollenspieler oder, wie er es selbst einmal sagte: ein method actor, der sich einen Song lang in seine Charaktere hineinbegibt. Cole weiß genau, wie verführerisch es ist, die Typen in seinen Songs mit ihrem Schöpfer zu verwechseln, und wird nicht müde zu betonen, dass er keinesfalls sich meint, wenn da eine erste Person Singular im Text auftaucht, was die Frage nahelegt, wer denn dann das lyrische Ich in „If I Were A Song“ ist? Die wirkliche Leistung besteht darin, dass Stücke wie dieses so viel mehr sind als bloß smarte Konstruktionen; sie berühren, weil man jenseits aller Klischees von Bekenntnislyrik immer das Sentiment und die Emphase des Autors fühlt.

Gleich in der ersten Zeile auf „Broken Record“ ist der Geschichtenerzähler und Rollenspieler am Werk: „Not that I had that much dignity left anyway“, singt er zu einem tuckernden Banjo und erzählt - musikalisch exakt in der Mitte zwischen Dylan und Jimmy Webb - von einer weiteren gescheiterten Beziehung. In „Writer's Retreat“ spiegelt er ein weiteres Mal die Fährnisse zwischenmenschlicher Beziehungen im kreativen Prozess und weiß: „You can get a beat from a broken heart/You can write a book while falling apart“.

Unerreichte Stimmungsvielfalt

Es sind Uptempo-Songs wie dieser oder das faszinierend scheinschlichte „Oh Genevieve“, in denen der Lloyd Cole der Achtziger durchscheint, jener junge Bücherwurm mit der Haartolle, mit dem alle Mädchen, denen Morrissey zu unnahbar war, unbedingt in diese nächste Truffaut-Retrospektive gehen wollten und dessen Unsicherheiten und Übersprungshandlungen bei „Top Of The Pops“-Auftritten man für coole neurotische Posen hielt. Zum Glück aber ist Cole kein alberner Junggebliebener: Der Familienvater weiß, wie jeder bessere Songschreiber, um die Peinlichkeiten pseudo-juvenilen Gehabes und hat schon in den Neunzigern begonnen, das Älterwerden zum Thema seiner Stücke zu machen, zuletzt auf seinem Album „Antidepressant“ in dem wunderbaren „Women in a Bar“. Doch so gut diese Platte damals war: An die Stimmungsvielfalt von „Broken Record“ reicht sie nicht heran.

Dass es etwas dauert, bis sich alle Songs ins Herz gegraben haben, dass die Lieblingsstücke unentwegt wechseln, dass man nach Wochen des Hörens plötzlich anfangs unauffällige Stücke wie „Rhinestones“ oder „That's Allright“ favorisiert, dass selbst das zunächst etwas shantyhaft wirkende „Man Overboard“ irgendwann als elegante Komposition erstrahlt - all das macht diese Platte zum wärmsten, vor allem aber: zum klügsten Songschreiber-Album des Jahres.

Diesen Herbst kommt Lloyd Cole mit Band wieder auf Tournee nach Deutschland. Er wird wieder skeptisch ins Rund schauen, er wird sich vielleicht wieder für seine schlechte Laune entschuldigen. In jedem Fall wird man große Freude daran haben, seinem inzwischen doch recht ausladenden Werk zuzuhören. Und man wird sich wieder mal fragen, was es denn nun wirklich mit dem lyrischen Ich in seinen Songs auf sich hat.

Lloyd Cole, Broken Record. Tapete Records 7159556

Quelle: F.A.Z.
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