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CD der Woche: Laura Gibson Heraus aus Knusperhaus und Märchenland

13.01.2012 ·  Laura Gibson, einst ein Folk-Lämmchen, traut sich jetzt was - und sie kann auch was. Feine Melodien übernehmen auf „La Grande“ das Kommando.

Von Alexander Müller
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© City Slang/Universal CD der Woche: Laura Gibson „La Grande“

Ist die Welt da noch in Ordnung oder einfach nur hoffnungslos antiquiert? Nirgends sind die geschlechtlichen Rollenklischees so klar definiert wie in der amerikanischen Folk-Szene. Während die Männer zumeist den vollbärtigen, kauzigen Schrat markieren, gerieren sich die Frauen häufig wie Feen aus dem Zauberwald, mal eher der Typ scheues Reh, mal zeternde Kräuterhexe. Um herauszufinden, in welche Richtung Laura Gibson tendiert, genügt ein Blick aufs Cover ihres neuen Albums. Das zeigt sie nächtens barfuß im Gras stehend, in eine kuschelige Decke, angeblich ein Familienerbstück, gehüllt, vor sich das Lagerfeuer, hinter sich hoch aufragende Baumwipfel. Fehlt eigentlich nur noch die Klampfe, und das Bild der hippieesken Singer/Songwriterin, die im Einklang mit der Natur ihre Lieder singt, wäre perfekt.

CD der Woche: Laura Gibson „La Grande“

Doch wie so oft trügt der Schein, wenn auch nur ein bisschen. Laura Gibson, die sich bis dato mit schwermütigen und bettlägerigen Songs einen Namen gemacht hat, reibt sich für ihr drittes Solo-Album endlich den Schlaf aus den Augen. Raus aus den Federn, der Morgen ist da! „La Grande“, benannt nach einer Kleinstadt in Oregon, ist zeitgemäß und nostalgisch, zurückhaltend und ausdrucksstark, kapriziös und eingängig zugleich.

Zu Konventionen geht sie auf Distanz

Rumpelnd und pumpelnd geht es im Titelsong los, mit viel Country-and-Western-Twang und im Schweinsgalopp durch die von Kiefern bestandene, hügelige Landschaft, über der die Stare kreisen. Aufbruchsstimmung ist angesagt. Höchste Zeit, das Alte hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken. Die Müdigkeit ist nach diesem musikalischen Parforceritt aus den Gliedern geschüttelt, und noch der letzte Hinterwäldler hat begriffen, dass die in der Independent-Hochburg Portland lebende Gibson dieses Mal tatsächlich Neuland betreten will.

Kein zartes Lämmchen möchte sie mehr sein, sondern eine Löwin, wie sie in der rustikalen Bossa-Nova-Variation „Lion/Lamb“ sogar ausdrücklich mitteilt. Das maunzt sie dem Geliebten allerdings so sanft ins Ohr, dass man ihr die Verwandlung in eine fauchende Raubkatze, die die Krallen ausfährt, doch nicht ganz abnimmt. Zwar schlägt Laura Gibson im Anschluss an den flotten Auftakt wieder leisere Töne an, etwa in dem verwunschenen „Skin, Warming Skin“ oder dem dünnhäutigen „Milk-Heavy, Pollen-Eyed“, das davon handelt, wie man immer wieder stolpernd und strauchelnd trotz aller Widrigkeiten zu einem geliebten Menschen zurückkehrt. Oft genug gelingt es ihr jedoch, dabei einen eigenwilligen Sound zu entwickeln, der sie etwas weg führt von den Konventionen des Alternative Folk. Sie traut sich, kann aber auch was. Ihr Album jedenfalls, das Stilelemente von Blues und Gospel aufgreift, lässt keine Sekunde lang die Zügel schleifen, bleibt stets hochkonzentriert, originell und spannend.

Wo feine Melodien regieren

Dass „La Grande“ ein aus dem Einheitsbrei herausragendes Schmankerl geworden ist, dazu haben natürlich auch die befreundeten Musiker, die an den Aufnahmen der Platte beteiligt waren, ihr Scherflein beigetragen. Unter anderem sind Mitglieder von Calexico, M. Ward, den Dodos und den Decemberists mit von der Partie. Sie zupfen die akustischen Gitarren, setzen dezente Piano-Tupfer, lassen die Hammondorgel wummern, den Kontrabass brummen und die Flöten zwitschern.

Überladen wirkt das Ganze ungeachtet dieser vielseitigen Instrumentierung indes nicht. Vielmehr erweckt die umsichtige Produktion den Eindruck, dass sich alle ganz in den Dienst der fein ziselierten Melodien stellen, mit denen sich Laura Gibson dem misstrauisch beäugten Pop annähert. Dessen Hang zu Überspanntheit und falschem Pathos gibt sie freilich nicht nach. Weltumarmende Gesten und Anbiederei sind ihr fremd. Was zählt, ist der individuelle Ausdruck, die Freiheit, die sich die aus einer Holzfällerstadt stammende Zweiunddreißigjährige genommen hat, um künstlerisch ihren eigenen Weg zu gehen.

Frei von Kitsch, frei von Egozentrik

Auch textlich und gesanglich weiß sie zu überzeugen. Ihre markante, leicht zerbrechlich anmutende Stimme, stets nah am Mikrofon, kann wehklagend, beruhigend oder fordernd klingen; viel Wind macht Laura Gibson nicht darum. Der bescheidene Tonfall passt schlichtweg sehr gut zu den Geschichten, die sie erzählt, zu den naturnahen und dennoch rätselhaften Bildwelten, die sie aus dem Ärmel schüttelt. Dass sie währenddessen weder, wie leider so viele ihres Schlags, dem kunterbunten Blumenkinder-Kitsch frönt noch egozentrische Nabelschau betreibt, ist ihr hoch anzurechnen.

Ihre in einem eigenhändig restaurierten Wohnwagen aus den sechziger Jahren geschriebenen Songs, die von Zuversicht und Selbstvertrauen künden, bleiben intim, handfest und ein wenig versponnen. Sie öffnen sich einem größeren Publikum, behalten ihr Geheimnis aber für sich. So gehört sich das schließlich für das bezaubernde Werk eines Fabelwesens, das einen Schritt heraus aus Knusperhaus und Märchenland wagt.

Laura Gibson, La Grande. CitySlang 1157432 (Universal)

Quelle: F.A.Z.
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