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CD der Woche: Kathleen Edwards Der Teufel fährt Rad

13.01.2012 ·  Kathleen Edwards ist die heimliche Königin des alternativen Country. Der Bon-Iver-Boss Justin Vernon war ihr nun bei einem Album behilflich, das sie endgültig auf den Thron hieven müsste.

Von Daniel Grinsted
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© Concord/Decca/Universal CD der Woche: Kathleen Edwards „Voyageur"

Da ist sie wieder: Irgendwo zwischen Orgel, elektrischen Gitarren und Schlagzeug kann man die hell tönende Glocke einer Fahrradklingel hören. Das Signalgerät scheint Justin Vernons Markenzeichen geworden zu sein. Nur stammt der betreffende Song nicht von ihm, sondern von Kathleen Edwards. Doch der Mann hinter Bon Iver, der verantwortlich ist für die schönste Independent-Platte des vergangenen Jahres, hat beim neuen Album der Kanadierin kräftig mitgemischt, als Co-Produzent, Sänger und Multiinstrumentalist. Eine romantische Beziehung führen die beiden obendrein.

Die hohe Qualität des neuen Kathleen-Edwards-Albums „Voyageur“ allein auf das bärtige Genie aus Wisconsin zu schieben wäre allerdings ungerecht. Es sind vornehmlich großartige Songs, denen Justin Vernon dann bloß noch den entscheidenden Schliff verliehen hat. Das merkt man beim ersten Hören jedoch noch nicht. Da überwiegt der Eindruck eines mäßigen Albums, das sich nicht recht zwischen Country, Pop und Rock entscheiden kann. Man denkt an Sheryl Crow, im besten Fall. Und mit ihrer hauchig-trockenen Stimme klingt die dreiunddreißig Jahre alte Kathleen Edwards oft wie Dolores O’Riordan von den Cranberries. Doch mit jedem neuen Hördurchgang gewinnen die Songs an Wirkung und Tiefe.

Produziert vom König Midas des Independent-Folk

Nach dem konventionellen Eröffnungsstück, das irgendwie an Paul McCartneys Radiohit „Hope of Deliverance“ erinnert, wird es dann stetig besser. „Well, I’m looking for/A soft place to land/The forest floor/The palms of your hands“, singt Kathleen Edwards mit Vernon im Duett, während Klavierakkorde gewissermaßen durch die Weite Ontarios hallen und der Jazzbesen über die Felle wischt. Kontrabass und Violine begleiten die sich steigernden Marschtrommeln von Sean Carey, der seine Sticks sonst für Bon Iver wirbelt. Es ist insgesamt ein Stück, das in die neue Richtung weist. Ähnlich wie die titelgebenden Voyageurs – Pelzhändler, die um 1800 mit ihren Birkenkanus in die kanadische Wildnis vorstießen – betritt Kathleen Edwards mit ihrem viertem Album Grenzland.

Seit dem Erscheinen ihres Debüts vor neun Jahren gilt sie als Kronprinzessin des Alternative Country. Jenseits von Nordamerika wurde die Tochter eines Botschafters, die in der Schweiz und Südkorea aufwuchs, indes kaum wahrgenommen. Das dürfte sich nun ändern. Nicht zuletzt dank des kürzlich mit vier Grammy-Nominierungen bedachten Justin Vernon und seines sagenumwobenen April Base Studios, einer umgebauten Tierklinik im 1000-Seelen-Dorf Fall Creek. Was der König Midas des Independent-Folk derzeit auch anfasst, wird unweigerlich zu Gold.

Unterwegs zu den eigenen Dämonen

Es geht um Veränderung, Verlust und den Wunsch nach einem neuen Anfang. In bewegenden Worten verarbeitet Edwards die Trennung von ihrem Mann. Synthesizer und Wurlitzerorgel lassen dabei hohe Töne wie Funken ums nächtliche Lagerfeuer tanzen. Vernon klimpert dazu auf der Westerngitarre. Zu den schönsten Stücken zählt „House Full of Empty Rooms“, das ganz ohne Schlagzeug auskommt und dafür mit Kontrabass sowie einem halbakustischen Flügel arbeitet. Und Kathleen Edwards’ Gesang ist fragil und selbstbewusst zugleich: „You don’t talk to me/Not the way that you used to/Maybe I don’t listen/In a way that makes you think I do.“. Im Hintergrund die Stimme dieses allgegenwärtigen Mannes aus Eau Claire, Wisconsin, dazu noch ein Chor, der im Wesentlichen aus der britischen Band Stornoway besteht.

CD der Woche: Kathleen Edwards „Voyageur"

Aber es geht auch lockerer zu. Da wird mit verzerrten Gitarren gerockt, ein weibliches Folk-Trio singt die Harmonien, und im Refrain heißt es vor allem „Sha-la-la-la-la-la-la“, dies ist übrigens der einzige Song, in dem Vernon auch einmal eine Runde aussetzt. Besonders befreit klingt Kathleen Edwards in einer ausgelassenen Nummer mit Blechbläsern, die nach gerade einmal zweieinhalb Minuten aber schon wieder vorbei ist. Ganz anders das traurige „Pink Champagne“, wo sie ihren Hochzeitstag Revue passieren lässt. Zusammen mit Resonatorgitarre und dem weichen Klang des Fender-Rhodes-Pianos ist das eine ergreifende Kombination.

Tasteninstrumente dominieren schließlich auch das mit sieben Minuten längste Stück. „Hang me up on your cross / For the record / I only wanted to sing songs“, offenbart Edwards gemeinsam mit der von Grammys einst geradezu überschütteten Jazz-, Soul- und Countrysängerin Norah Jones in einem Refrain, der noch lange im Ohr bleibt. Am experimentellsten wird es in „Going to Hell“: Justin Vernon übernimmt hier Bass, Banjo, Synthesizer und E-Gitarre, Sean Carey trommelt derweil auf Gläsern, und Kathleen Edwards bedient alles vom Omnichord bis zum Vibraphon. Sie singt von der Reise zu ihren eigenen Dämonen: „See I’m going to hell/In a basket I made/Woven from the letters/And it spells your name.“ Und während Kathleen Edwards zur Hölle fährt, kann man inmitten all dieses explodierenden Bombasts tatsächlich das leise Klingeln einer Glocke hören. Der Teufel fährt also Rad.

Kathleen Edwards, Voyageur. Concord/Decca 1481399 (Universal)

Quelle: F.A.Z.
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