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CD der Woche „Ich wollte, ich wäre Jimmy Reed“

 ·  Das erste Album mit den Heartbreakers seit acht Jahren: Tom Petty tritt in die Altersphase ein und findet immer mehr zum Blues. Trotzdem oder gerade deswegen: Das zwanzigste Tom-Petty-Album ist gewaltig geworden.

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Unaufhaltsam wächst das Werk Tom Pettys. Wenn das so weiter geht, wird es eines Tages noch Bob-Dylan- und Neil-Young-Dimensionen annehmen. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass der Mann mit den langen Fingern und den Spaghettihaaren der drittgrößte Nordamerikaner ist und die Genannten an Verlässlichkeit, Stabilität und Stilsicherheit sogar noch übertrifft. Der Preis, den er für seine Weigerung zahlte, sich auf waghalsige Experimente einzulassen, um sich damit womöglich neue Hörerkreise zu erschließen, scheint vertretbar: Nach wie vor gibt es von ihm keine missratene Platte.

Die vergangenen Jahre waren gute, ergiebige Tom-Petty-Zeit: die Jeff-Lynne-Produktion „Highway Companion“ (F.A.Z. vom 21. August 2006); „Runnin’ Down A Dream“, die imponierende Filmdokumentation Peter Bogdanovichs, die die Umrisse dieses Giganten erstmals so richtig sichtbar werden ließ (F.A.Z. vom 9. Juli 2008); das spät nachgeholte Plattendebüt mit der alten Band Mudcrutch und, zuletzt, die wiederum äußerst materialreiche Box „The Live Anthology“ mit Konzertaufnahmen aus fast der gesamten Heartbreakers-Zeit.

Personal mehrmals ausgetauscht

Pettys Verhältnis zu seiner Stammband wurde in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder Belastungsproben unterworfen, die sich schon deswegen ergaben, weil er mit seinen Soloalben zeigte, dass es zur Not auch ohne die Heartbreakers ging, wobei deren wichtigste Mitglieder auch hier dabei waren, aber eben nur die wichtigsten, nämlich die in der Tat unentbehrlichen Mike Campbell (Gitarre) und Benmont Tench (Keyboard, Piano). Ohne sich von Sentimentalitäten leiten zu lassen, hat Petty sein Personal mehrmals ausgetauscht: Der Schlagzeuger Stan Lynch wurde zu Gunsten Steve Ferrones abserviert, klanglich nicht zum Nachteil, denn der Neue spielt noch druckvoller; der Bassist Howie Epstein, der einst an die Stelle Ron Blairs getreten war, wurde auch rausgeschmissen und starb vor einigen Jahren, so dass Blair dann wieder zum Zuge kam.

CD der Woche: Tom Petty

An der Schlagkraft von Tom Petty & The Heartbreakers hat all dies nichts geändert. Wie ein nicht mehr ganz neues Auto aus den Roadmovies, die Petty so liebt, fährt die Band einfach immer weiter geradeaus, ohne viel zur Seite zu sehen. Dabei hatte man lange Zeit den Eindruck, es hinge doch sehr vom Mechaniker ab, wie die Maschine läuft: Tom Pettys Musik wurde immer auch daraufhin gehört, wer sie gerade produziert hatte – er selbst, meistens zusammen mit Mike Campbell; Jeff Lynne, der um 1990 ein glattes, geschmeidiges Klangbild entwarf und damit für Präsenz in Radios und Hitparaden sorgte; oder eben Rick Rubin, der Pettys beste Platten betreute.

Ein Lordsiegelbewahrer klassischer Rocktugenden

Doch wenn man noch einmal zurückspult, wird man merken, dass es eine Produzentenabhängikeit nie gab. Man kennte einen der letzten Aufrechten, zuweilen auch Störrischen der Rockmusik wohl auch schlecht, wenn man annähme, er ließe sich groß hereinreden. Weder Lynne noch Rubin haben, so unterschiedlich sie auch arbeiten, aus ihm etwas anderes machen können als den uramerikanischen Hybriden mit hoher, flirrender Energie, der sich zwischen dem Erbe der Rolling Stones und der Byrds ja nie entscheiden musste, dessen Aufsässigkeit nun aber eingefroren ist in der Autorität eines unterdessen eben auch nicht jünger gewordenen Lordsiegelbewahrers klassischer Rocktugenden (im Oktober wird er sechzig).

Das gerade herausgekommene, zwanzigste Tom-Petty-Album ist gewaltig geworden und nimmt in seinem Gesamtwerk eine ähnliche Stellung ein wie das zerklüftete „Echo“ (1999), das damals ebenfalls eine acht Jahre lange Heartbreakers-freie Zeit beendete, aber wegen seines privaten Umständen geschuldeten Pessimismus und ungeachtet seiner Wucht nicht als Befreiungsschlag gehört werden konnte, als kraftvolles Zeugnis einer schon damals nicht mehr unbedingt zu erwartenden Rückkehr natürlich sehr wohl.

„Mojo“ ist ähnlich üppig geraten: fünfzehn Lieder, etliche davon die Fünf-, ja, Sechsminuten-Grenze überschreitend. Das Booklet listet die Instrumente auf: Sie kamen alle gleichzeitig, also unter Livebedingungen in einem Studio in Los Angeles zum Einsatz, keines von ihnen ist jünger als fünfundvierzig Jahre. So klingt dieses Rock’n’Roll-Album auch; es hätte genauso gut von Captain Beefheart, Little Feat oder den Allman Brothers aufgenommen werden können. Mit deren Spielsicherheit können Tom Petty & The Heartbreakers auf jeden Fall mithalten. Mit Absicht erwecken sie den Eindruck einer in die Länge gezogenen Jamsession; aber das Band sollte man dabei nur mitlaufen lassen, wenn nicht nur die Laune, sondern auch die Präzision stimmt.

Unverhältnismäßig hoher Bluesanteil

Das ist hier eindeutig der Fall. Selten hat man die Band auf diesem Musizierniveau gehört, auf dem zwischen der ganz harten, kompakten und der unvermittelt weichen, locker-luftigen Gangart gewechselt wird. Dies war eigentlich seit der ersten Zusammenarbeit mit Rubin auf „Wildflowers“ (1994) Petty Stärke. Aber jetzt sind die Kontraste womöglich noch stärker. Man höre etwa die zärtliche, von Mike Campbell mit einer wunderbaren Rickenbacker Lap Steel guitar unterlegte Folkballade „No Reason to Cry“, auf die direkt der Kracher „I Should Have Known It“ folgt, mit das Erregendste, was Petty je gemacht hat, gewalttätig und womöglich ein Nachklang der auf „Echo“ verarbeiteten Trennungswut. Leider ist hier nach dreieinhalb Minuten, in denen Campbell ein atemberaubend schnelles Solo spielt, schon alles zu Ende. „First Flash Of Freedom“ ist einer dieser endlos mäandrierenden Songs, wie sie eigentlich nur Tom Petty hinbekommt: zunächst mächtig vorwärtsdrängend, dann innehaltend, irgendwann schält sich aus den verhaltenen Passagen Campells in diesem Fall fast jazznahes Leadgitarrenspiel heraus, ähnlich, wie dies Nels Cline neuerdings bei Wilco macht. Mächtig schwingt schließlich der letzte Song aus, „Good Enough“, in dem Petty zu kristallklarem Spiel wieder seiner alten, aber angenehmen Zynismus verbreitet.

Ansonsten fällt an diesem Album ein unverhältnismäßig hoher Bluesanteil auf, den schon der Auftakt verbürgt: „Jefferson Jericho Blues“ ist eine staubige, galoppierende Nummer, bei das assoziierte Bandmitglied Scott Thurston, der sonst an der Gitarre für Verstärkung sorgt, zeigt, was er auf der Mundharmonika kann; stilistisch ähnlich sind „Candy“ und „U.S. 41“ gehalten, kurze, schnelle Sachen, die abermals eine Vorliebe bestätigen, über die Petty schon vor Jahren Auskunft gab: „Ich merke, dass ich mit wachsendem Alter dem Blues immer näher komme. Das ist Musik pur. Oh, Mann, was gäbe ich dafür, wie Jimmy Reed zu sein!“ Bis dahin ist noch Zeit, die wir uns mit diesem Album vertreiben können. Es ist zwar nur eine Phrase, aber in den Worten des Meisters darf man’s vielleicht auch einmal sagen: Was Tom Petty & The Heartbreakers hier wieder vorgelegt haben, ist Musik pur.

Tom Petty & The Heartbreakers, Mojo. Reprise Records 49668 (Warner)

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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