04.09.2009 · Schwarze können keinen Rock'n'Roll singen? Dieses Vorurteil ist durch Betty Davis oder die Band Mother's Finest längst widerlegt. Die Noisettes gehen noch einen Schritt weiter und suchen, Genregrenzen eklektizistisch sprengend, im harten Rock einen neuen Weg der Eingängigkeit.
Von Sven BeckstetteSchwarze Frauen und gitarrenlastige Rockmusik: Diese Kombination ist nicht gerade ein Garant für Erfolg. Das zeigt jedenfalls der Blick zurück. Da wäre beispielsweise Betty Davis. In bis dahin einzigartiger Weise vermischte die ehemalige Ehefrau von Miles Davis Mitte der siebziger Jahre Funk, Soul und Rock miteinander und artikulierte in recht eindeutigen Texten ein neues weibliches Selbstbewusstsein – zu harter Tobak für Amerika. Nach drei gefloppten Schallplatten zog sie sich aus dem Geschäft zurück.
Oder Joyce Kennedy und ihre Band Mother’s Finest: Als das Sextett 1972 sein Debüt veröffentlichte, traute man seinen Ohren nicht. Eine afroamerikanische Sängerin konnte unmöglich reinen Hardrock singen, müssen sich die Produzenten gedacht haben und fügten den Tonspuren kurzerhand Bläsersätze und andere R & B-Elemente hinzu. Erst vier Jahre später erhielt die Band eine zweite Chance. Ihre Erfahrungen fassten sie auf dem Nachfolger in dem grimmig-ironischen Stück „Niggizz Can’t Sang Rock & Roll“ zusammen. Zwar landeten Kennedy und ihre Mannen mit „Baby Love“ einen Hit, und bei Auftritten stahlen sie jeder anderen Combo regelmäßig die Schau; aber heute sind Mother’s Finest fast vollständig vergessen, zu Unrecht. Von anderen auf der Strecke gebliebenen Kolleginnen wie Nona Hendryx, Lalomie Washburn und Maxayn Lewis mal ganz zu schweigen.
Leggings, Chucks und Tüllkrause
Und wer in den Achtzigern dem glattpolierten Pop von Tina Turner im Radio begegnet ist, konnte kaum glauben, dass diese eigentlich über eines der ausdrucksstärksten Rock-Organe verfügt. Ihre erotisch aufgeladene Interpretation des Led-Zeppelin-Klassikers „Whole Lotta Love“ lässt Robert Plant wie einen Chorknaben dastehen.
Dem Problem, wie Musik in der allgemeinen geschlechtsspezifischen und ethnischen Vorstellung zu klingen habe, sind die Noisettes von Anfang an offensiv begegnet. Der Erstling des Londoner Trios erschien vor zwei Jahren auf Motown. Doch schon das Cover sah nicht gerade nach einer Neo- oder Retro-Soul-Kapelle aus. Sängerin Shingai Shoniwa, deren Mutter aus Zimbabwe stammt, mochte mit ihren pink Leggings, Chucks und Tüllkrause noch als unkonventionelle Nachwuchs-R & B-Diva durchgehen. Die beiden langhaarigen Typen an ihrer Seite wären allerdings besser auf der Hülle einer englischen Independent-Band aufgehoben gewesen. Das erste Lied machte aber klar, dass sich die Noisettes wenig um die große Vergangenheit der Detroiter Plattenfirma scherten: Bei „Don’t Give Up“ schoss Gitarrist Dan Smith erst einmal eine Breitseite ab, während Jamie Morrison auf das Schlagzeug eindrosch. Darüber erhob sich Shoniwa mit ihrem glockenklaren Sopran, der immer mal wieder ins Schrille und Überdrehte abdriftete.
Zum Auftakt Gezupftes
Eine ähnliche schwindelerregende Gratwanderung vollbrachte die 1981 geborene Frontfrau bei „Scratch Your Name“, einem aus dem Vollen schöpfenden Beinhart-Riff, dessen Wucht ihre facettenreiche Stimme grandios parierte. Engstirnigen Puristen gaben die Noisettes mit „Sister Rosetta (Capture The Spirit)“ nebenbei noch eine kleine Nachhilfestunde in Sachen Musikgeschichte. Das Stück ist Sister Rosetta Tharpe gewidmet, einer schwarzen Gitarristin, Gospel- und Bluessängerin, deren Aufnahmen und Konzerte Elvis Presley und Jerry Lee Lewis maßgeblich beeinflusst haben. So viel zu den Wurzeln des Rock.
Auf ihrem zweiten Album „Wild Young Hearts“ verstehen es die Noisettes erneut zu überraschen. Statt brachialer Powerakkorde gibt es zum Auftakt Gezupftes auf der Akustikgitarre, Besenstreicheleien auf der Snare-Drum, entspanntes Fingerschnipsen und eine Shingai Shoniwa mit ungewohnt mädchenhaftem Charme. Die Single „Don’t Upset The Rhythm (Go Baby Go)“ orientiert sich demgegenüber an lockerem Disco-Funk. Außerdem offenbaren die Noisettes ihr Talent für eingängige Melodien, mit der Begleiterscheinung, dass sich die Tanznummer nicht nur in der britischen Hitparade, sondern auch in der Auto-Werbung wiederfand.
Verzerrte E-Gitarren und schmissige Soloeskapaden
Überhaupt fällt „Wild Young Hearts“ wesentlich wohlklingender aus. Dadurch erhält der Gesang von Shoniwa deutlich mehr Entfaltungsspielraum. Mit welcher Leichtigkeit sie bei „Beat of My Heart“ die Tonleiter hinauf- und herunterwandert, lässt erahnen, dass sie zur Not auch noch eine Karriere als Jazz-Sängerin hinlegen könnte.
Verzerrte E-Gitarren und schmissige Soloeskapaden gibt es zwar nach wie vor; allerdings werden sie jetzt wesentlich konzentrierter eingesetzt, wie sich die Noisettes eben auch anderer Stilmittel bedienen und diese munter durcheinanderwirbeln: Post-Punk trifft Sixties Soul, New Wave auf Eurobeat. Einem Chamäleon gleich wechselt die Platte blitzschnell ihre Farbe, oftmals in einem Song. Das Titellied etwa beginnt als beschwingtes Easy-Listening-Sommervergnügen, bevor sich im Refrain aus dem Nichts heraus ein dramatisches Unwetter aus Gitarrengeschrammel und Klaviergehämmer zusammenbraut, das sich jedoch genauso schnell wieder verzieht, nur, um dann umso heftiger zurückzukehren. Mit ihrem Genregrenzen sprengenden Eklektizismus gelingt den Noisettes die hohe Kunst, eine eigene Identität, einen eigenen Sound zu entwickeln.
Wer immer noch denkt, die Noisettes wollten sich mit dem neuen Album anbiedern, der kann sich Ende September eines Besseren belehren lassen. Dann kommt das Trio für vier Termine nach Deutschland. Spätestens auf der Bühne wird klar, dass Shingai Shoniwa, Dan Smith und Jamie Morrison das ordentliche Rocken nicht aufgegeben haben. Ihre wilde Live-Show sollte dann auch die letzten Zweifler vom Können und Charisma der Noisettes überzeugen.
MF sind natürlich nicht vergessen,
Kurt Kleinmann (kkmzde)
- 04.09.2009, 16:37 Uhr