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CD der Woche: Ebony Bones Die Musik hält uns warm

03.07.2009 ·  Wieder ein Musiker, der den Weg aus dem Netz in den Plattenladen fand: Die ehemalige Soap-Dastellerin Ebony Bones legt mit „Bone of my Bones“ ihr Debütalbum vor und begeistert mit intelligenter hedonistischer Clubmusik.

Von Sven Beckstette
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Wieder einmal das Internet: Nach Arcade Fire, den Arctic Monkeys und Lily Allen findet in Gestalt von Ebony Bones ein weiterer Musiker den Weg aus der Blogosphäre in die Plattenläden. Allerdings hat es bei der ehemaligen Soap-Darstellerin etwas länger gedauert. Vor gut zwei Jahren tauchten erste Lieder Songs auf ihrer Myspace-Seite auf. Seitdem gilt die Siebenundzwanzigjährige als Hoffnungsträgerin auf den an Talenten nicht gerade armen britischen Inseln. Dieser Ruf beruht nicht allein auf einer Handvoll Stücke im Netz, sondern verdankt sich auch ausgedehnten Konzertreisen. Die Auftritte mit sechsköpfiger Band gleichen einem anarchischen Spektakel und lassen sich vielleicht nur mit Superlative beschreiben.

Dass Ebony Bones nun, mit ihrem ersten Album, nicht enttäuscht, ist wegen des großartigen Materials keine Sensation. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen und die Hit-Lieferanten der Stunde zu verpflichten, hat Ebony Thomas, wie sie gebürtig heißt, bei „Bone Of My Bones“ nahezu alles im Alleingang eingespielt und aufgenommen. Auch sonst ist die Britin eine Anhängerin des Do-It-Yourself-Prinzips. Ihre exzentrischen Kostüme, an denen Performance-Künstler und Londoner Nachtclub-Ikone Leigh Bowery seine helle Freude gehabt hätte, entwirft und schneidert sie ebenfalls selbst. Die grell-bunte Garderobe passt zum wilden Stilmix ihrer Musik, einer eklektischen Klangcollage aus Funk und Reggae, Punk und Electro, gepaart mit Disco, Hip-Hop und südamerikanischer Polyrhythmik.

Die großen Themen des Pop

Dieses Konzept mag zwar nicht neu sein und erinnert stark an die Platten von M.I.A. und Santigold. Doch die Dynamik und Energie, mit denen Ebony Bones vorprescht, fegen alle Zweifel beiseite, dass hier eine Trittbrettfahrerin am Werk sein könnte. „Bone Of My Bones“ kreist um die zwei großen Themen des Pop, um privates Leben und öffentliches Handeln, um Liebe und Politik. Schmachtende Demutserklärungen sind dabei nicht zu erwarten. Lieber stellt sie sich direkt als zukünftige Ex-Frau vor. Da mögen beim gleichnamigen „I'm Ur Future X Wife“ zwar die Hochzeitsglocken läuten und eine Frauenstimme alte Bräuche beschwören; Probleme sind mit dieser Braut, die weiß, was sie will, vorprogrammiert. Mit seinen peitschenden Trommelsalven und einem bedrohlichen Basslauf erinnert dieses zweifelhafte Ja-Wort an Stücke der feministischen New-Wave-Combo Delta 5.

Clubmusik aus der Tiefe des menschlichen Raumes: das Debüt von Ebony Bones

Die Selbsttäuschungen in einer Beziehung kommen in „Guess We'll Always Have NY“ auf den Tisch. Eine rüde Abrechnung mit dem Verflossenen folgt mit „Don't Fart On My Heart“. Zwischendurch bleibt noch Zeit, einer falschen Freundin die Meinung zu sagen. Die Rigorosität, mit der Ebony Bones Zwischenmenschliches verhandelt, entspricht ihrem Blick auf die Welt. Inspiriert von Orwells Schreckensszenario des Überwachungsstaates, von dem die mit Kameras bespickte Innenstadt Londons nicht allzu weit entfernt zu sein scheint, ist „We Know All About U“. Düster knarzt es aus den Untiefen; dazu vermitteln ein schräger Chorgesang, Stimmenfragmente und hektisches Klatschen ein Gefühl von Beklemmung. Bei „The Story Of St. Ockwell“ prangert Bones den Tod von Jean Charles de Menezes als Folge eines latenten Rassismus an. Der brasilianische Elektriker wurde im Juli 2005 von einer Anti-Terroreinheit in einer U-Bahnstation erschossen, weil man ihn für einen islamistischen Selbstmordattentäter hielt.

Vereinzelter Widerspruch

Das Lied „In G.O.D. We Trust (Gold, Oil & Drugs)“ wiederum enthält zum einen die Aufforderung, wachsam zu sein gegen Unterdrückung und Desinformation. Zum anderen behandelt es allgemein die Möglichkeiten künstlerischer Stellungnahme. Denn die flammende Rede zur Eröffnung stammt nicht wie etwa aus dem Mund eines Revolutionärs; sie ist tatsächlich ein Produkt der Fiktion. Für das Stück hat Ebony Bones die bekannte „Mad-As-Hell„-Ansprache aus dem Film „Network“ von 1976 versampelt, für die Peter Finch postum mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Wie in einer Predigt geißelt Nachrichtensprecher Howard Beale darin die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Siebziger, die der heutigen Realität gespenstisch ähneln: Die Banken sind zusammengebrochen, das Geld verfällt, die Gewalt steigt.

Auch Erykah Badu hat sich auf ihrem letzten Album auf diese Szene aus „Network“ bezogen. Die beiden Musikerinnen haben den Text jedoch nicht nur aufgrund seiner Aktualität und des mitreißenden Vortrags von Finch zitiert. Vielmehr lässt sich ihre Aneignung als Kommentar auf die gesellschaftliche Relevanz von Kunst verstehen, die nach dem Ende der Weltanschauungen in Politik und Pop keine endgültigen Patentrezepte mehr anzubieten hat. Aber sie bleibt ein Mittel, mit dem der Einzelne seinen Widerspruch zum Ausdruck bringen kann.

Generell ist Ebony Bones zuvorderst eine Verfechterin der vereinigenden Kraft von Rhythmen und Melodien. Ihr Credo formuliert sie in „The Muzik“: „And all we got is each other/And the Music/To keep us warm/And they can't take that away“. Dass dieses Gemeinschaftsgefühl durch die Allgegenwart der digitalen Technik noch verstärkt wird, zeigt das begleitende Video, für das sich Fans aus der ganzen Welt beim Tanzen gefilmt haben. Denn das kann bei dem intelligenten Umgang mit den zahlreichen Referenzen nicht stark genug betont werden: „Bone Of My Bones“ ist formal gesehen hedonistische Clubmusik mit einem sicheren Gespür für ansteckende Grooves. Die wahre Erkenntnis liegt bei Ebony Bones auf dem Tanzboden.

Ebony Bones, Bone Of My Bones. Sunday Best/PIAS 33 (Rough Trade)

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