24.04.2009 · Dass Bob Dylan auf seiner neuen CD gewissermaßen ein Bad im Rio Grande nimmt, war dann doch nicht vorauszusehen. Der zweite Eindruck ist: zufriedenstellend. Doch es bleibt eine Spur von Ratlosigkeit angesichts von Dylans fortgeschriebenem Alterswerk. Die CD der Woche mit Hörprobe.
Von Edo ReentsDer erste Eindruck ist: vielleicht etwas zu viel Akkordeon. Aber es wird nicht von Flaco Jiménez bedient, diesem wichtigen Rock-Akkordeon-Spieler, der 1976 auf Ry Cooders „Chicken Skin Music“ mitmachte und zuvor, 1973, schon auf der Platte „Doug Sahm And Band“, auf deren Cover man auch Bob Dylan sieht, gut versteckt natürlich, wie es seine Art ist, aber er spielt da wirklich mit. Dieses Album gilt immer noch als Meilenstein des Tex-Mex, und Doug Sahm, der vor zehn Jahren achtundfünfzigjährig starb und damit vom selben Jahrgang ist wie Dylan, als der wichtigste Vertreter dieses Stils, in dem Amerika/Texas und Mexiko zusammenfließen.
Dass Bob Dylan nun gewissermaßen ein Bad im Rio Grande nimmt, war nicht direkt vorauszusehen, aber sonderlich überraschend ist es auch nicht. Die Quetschkommode spielt David Hidalgo von den Los Lobos - eine interessante Personalie, denn es hätte näher gelegen, Garth Hudson von The Band zu fragen, aber der ist dazu vermutlich doch schon zu alt, und vielleicht hatte Dylan auch Angst, dass Hudson das Ganze dann zu sehr in Richtung Country-Folk getrieben und damit leichter ausrechenbar gemacht hätte.
Lektionen über vergessene Stilformen
Die zweite überraschende Personalie des neuen Albums ist Robert Hunter, einst fester freier Mitarbeiter bei den Grateful Dead und natürlich auch bei Dylan, der dem Meister nun beim Dichten unter die Arme greifen durfte oder musste.
„Together Through Life“ - dieser Titel passt nicht zu Dylan, er wirkt unnötig kumpelhaft, niemand nimmt ihm das ab, auch wenn er noch so viele nette Radiosendungen macht und seine Musik wildfremden Filmregisseuren zur Verfügung stellt. Mit wem wäre dieser Musiker durchs Leben gegangen? Doch nur mit sich selbst.
Es wurde in der Vergangenheit allenthalben bemerkt, dass Dylan trotz seiner ungewöhnlich starken, ja, fast aufdringlichen Präsenz in Film, Funk und Fernsehen und neuerdings auch noch im Internet keineswegs transparenter oder gar zugänglich, zutraulich geworden ist. Im Gegenteil, er wirkt immer geheimniskrämerischer, weil jede menschliche oder künstlerische Regung vor allem unter dem Aspekt betrachtet wird, was wohl dahinterstecken könnte - als dürfte man nicht einfach so gute Rockmusik hören.
Das neue Album quillt davon nicht gerade über, schon deswegen, weil es Rockmusik nur noch in einem erweiterten Sinne bietet, der jenseits von Stilbezeichnungen wie Tex-Mex und Cajun beziehungsweise Zydeco anzusiedeln ist. Natürlich unterhielt Dylan, der blasse Junge aus dem kalten Minnesota, der Folk-Superstar aus dem hippen Greenwich Village, schon immer gute Beziehungen zum Süden und Südwesten.
Dann kommt der rauhe Shouter
Hier setzt er seinen Kurs, der Mit- und Nachwelt Lektionen über vergessene Stilformen zu erteilen, unbeirrt fort, und zwar ohne die geringste Rücksicht auf popspezifische Bekömmlichkeit des Gereichten. Seit „Love And Theft“ hat dieses Vorgehen relativ klare stilistische Konturen: Dylans späte Liebe gehört eindeutig dem Country-Blues und Country-Swing mit allen möglichen Ober-, Unter- und Zwischentönen; es ist Musik, die es schon zur amerikanischen Depressionszeit, noch vor dem Rock'n'Roll, gab, in der seine Karriere unverrückbar feste Wurzeln geschlagen hat.
Wenn man das neuerliche Ergebnis dieses zwar respekteinflößenden, aber naturgemäß nur selten mitreißenden Rückversicherungsunternehmens hört, wünscht man sich, das erste Mal in seinem eigenen Dylan-Leben, Dylan wäre ein anderer, ein Ry Cooder beispielsweise aus dem Jahr 1976 („Chicken Skin Music“!), zur Not auch ein Bob Dylan von 1975 („Desire“!). Der Tex-Mex von damals klingt nämlich beschwingter, freier. Dylan verschleppt das ganze Verfahren jetzt doch ganz erheblich, wenn auch wohl mit voller Absicht. Der Auftakt „Beyond Here Lies Nothin'“ gerät ihm noch recht flott, irritiert aber mit seinem massiven Rumba-Einschlag.
Das banale Liebesbekenntnis wirkt aber geradezu souverän unbemüht und ganz und gar diesseitig, wie überhaupt die Lyrik sich recht alltäglich gib: „Oh well, I love you pretty baby / You're the only love I've ever known / Just as long as you stay with me / The whole world is my throne / Beyond here lies nothin' / Nothin' we can call our own“. Der Mandolinen-Blues „Life Is Hard“ kommt dann kaum noch von der Stelle, die Sonne steht schon ganz niedrig, die kühle Brise, die den Alten anweht und ihm sagt, dass es Zeit ist zu gehen, scheint vom Jazzbesen nur ganz sacht getrieben zu sein, während Mike Campbell feinfühlig seine Saiten zupft. Dann kommt der rauhe Shouter „My Wife's Home“, Muddy Waters und Willie Dixon lassen nun doch sehr grüßen. Letzterer bekommt im Booklet einen ausdrücklichen Dank, weil es einfach zu offensichtlich ist, dass es sich dabei eigentlich um „I Just Wanna Make Love To You“ handelt.
Ein wenig Ratlosigkeit
Es wurde schon beim Vorgängeralbum „Modern Times“ bemerkt, welche große Rolle der Chicago-Blues für Dylan spielt. Auch hier kommt er ihm aus fast allen Poren, der Tex-Mex ist da eher äußerlich. „Forgetful Heart“, der einzige Song, in dem Dylan wirklich stimmliche Schärfe entwickelt, atmet die faszinierende Düsternis, wie sie zuletzt auf „Love Sick“ (von „Time Out Of Mind“, 1997) zu hören war; „Shake Shake Mama“ und „It's All Good“ haben, obwohl schon recht mürbe, den aufsässigen Rock-Beat, der 1965 die Folkpuristen so erbitterte; „I Feel a Change Com in' On“ schließlich wälzt sich mit majestätischer Gelassenheit und Gewissheit ins Tal hinab, wo sich Sam „A Change is Gonna Come“ Cook und der frühe Dylan gute Nacht sagen. Zeit und Wandel, diese altvertrauten Chiffren, beherrschen also auch das jüngste Werk, das Dylan unter dem Pseudonym Jack Frost und ohne hörbare Nachbearbeitungen wieder selbst produziert hat und dem der Einsatz der hier ausgeschlossenen Tour-Gitarristen Stu Kimball und Denny Freeman vielleicht ganz gut getan hätte. Aber Dylan wollte es mal wieder nicht anders.
Was soll man dazu noch sagen? Diebstähle bei den Bluesvätern oder den „Canterbury Tales“ wird die Dylan-Philologie sicherlich bald herausfinden, die am Ende manchmal eben doch die Vermutung nahelegt, dass etwas hauptsächlich deswegen bewundert wird, weil es von Bob Dylan stammt. Er ist jetzt so alt, wie seine Bluesväter, denen er mit unvermindertem Eigensinn hinterherstiefelt, überhaupt nur wurden, doppelt so alt sogar wie die früh Dahingegangenen. Es wäre nicht opportun, von ihm jedes Mal aufs Neue zu verlangen, dass er noch Bäume ausreißt. Diese Platte stellt zufrieden, ist interessant, hinterlässt aber auch ein wenig Ratlosigkeit. Wir müssen damit leben. Dylan selbst tut es ja auch.